Ungewöhnliches Bauprojekt

Unterallgäuer Kreuzkapelle zieht auf Hochwasserdamm um

MR Kreuzkapelle

Die Kreuzkapelle südlich von Engetried wird im Zuge des Baus eines Hochwasserrückhaltebeckens abgebrochen und auf dem gegenüberliegenden Damm neu aufgebaut. Auch das Pestkreuz aus dem 17.Jahrhundert zieht an den neuen Standort um.

Bild: Fotos: Franz Kustermann

Die Kreuzkapelle südlich von Engetried wird im Zuge des Baus eines Hochwasserrückhaltebeckens abgebrochen und auf dem gegenüberliegenden Damm neu aufgebaut. Auch das Pestkreuz aus dem 17.Jahrhundert zieht an den neuen Standort um.

Bild: Fotos: Franz Kustermann

Das kirchliche Gebäude in Engetried muss dem Hochwasserschutz weichen. Es soll einige Meter höher neu errichtet werden. Wie das Projekt abläuft.
01.09.2021 | Stand: 05:45 Uhr

Es vergeht kaum ein Tag, wo nicht Menschen auf der Bank vor der schmucken Kreuzkapelle im Markt Rettenbacher Ortsteil Engetried am Radweg nach Ronsberg eine Rast einlegen. Das wird auch dann noch möglich sein, nachdem das Kleinod im kommenden Jahr abgerissen wird.

Im Zuge der Hochwasserschutzmaßnahme soll das Kirchlein nämlich fast an gleicher Stelle – allerdings rund 3,5 Meter höher – auf dem neuen Hochwasserschutzdamm wieder errichtet werden. Rund 100000 Euro wird das kosten, gemeinsam getragen vom Freistaat Bayern und von den „Vorteilsnehmern“, die dann vom künftigen Günzhochwasser verschont bleiben sollen.

Kran hebt Dachstuhl komplett herunter

Der aufwendig konstruierte, freitragende Dachstuhl der Kapelle wird mit einem Kran komplett heruntergehoben und wieder auf das neue Bauwerk aufgesetzt. Altar, die sechs Kirchenbänke und vor allem das schmucke, etwa drei Meter hohe Pestkreuz aus den 17. Jahrhundert werden vom Wasserwirtschaftsamt eingelagert und sicher verwahrt, wenn die Kapelle im Spätherbst 2022 abgebrochen und etwa nach sechs Monaten – im Frühling 2023 – mit direktem Zugang über die Dammkrone unweit des Drosselbauwerkes in ihren Originalmaßen wieder aufgebaut wird.

Wie Pfarrer Guido Beck und der örtliche Kirchenpfleger Alfons Niederhofer berichten, verfügt das Gotteshaus über einige elitäre Besonderheiten, die auch in der neuen Kapelle wieder integriert werden: Rechts neben dem Eingang kündet eine in die Wand eingelassene Holztafel von einer uralten Lebensweisheit: „Ich lebe und weiß nicht, wie lange – ich sterbe und weiß nicht, wann – und fahre und weiß nicht, wohin – mich wundert es, dass sich so fröhlich bin!“ Auch die Marmortafel auf der linken Seite soll in der neuen Kapelle wieder zu finden sein: Sie dokumentiert, dass das wuchtige Kreuz seinen Ursprung in einem Pestfriedhof aus dem 17. Jahrhundert hat, im 18. Jahrhundert mit einem Holzstadel überbaut und dieser im Jahre 1985 (in Eigenleistung der Pfarreiengemeinschaft) durch das heutige Kirchlein ersetzt wurde.

Auch ein besonderes Gebtsbuch zieht mit um

Ein ganz besonderes Schmuckstück ist ein stilisiertes, aus Wachs angefertigtes Gebetsbuch, das auf einem Betstuhl neben dem Altar ausgestellt ist. Laut der Messnerin weiß man überhaupt nicht, wer dies einmal in die Kapelle gelegt hat. Wenn es geht, werden auch die alten Fenster und Türen wieder verwendet. Möglichst alles soll sich auch in der neuen Kapelle wiederfinden.

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Anders als bisher bekommt die innen aus verputzten Betonsteinen mit einem Holzschild versehene Außenfassade der künftigen Kapelle eine neue Schindelverkleidung aus Nadelholz, entweder Lärche oder Kiefer. Die Mehrkosten gegenüber einem normalen Holzschild muss die Pfarrgemeinde tragen.

In Zukunft sicher vor den Fluten

Auf den anfangs angedachten Stromanschluss will die Pfarreiengemeinschaft jedoch verzichten. Wie bisher, soll eine Solarplatte auf dem Dach den Strom für die Beleuchtung produzieren, der mittels einer Batterie gespeichert wird. Schließlich soll auch zukünftig jeden Monat eine religiöse Veranstaltung stattfinden – etwa ein Gottesdienst, eine Andacht oder ein gemeinsames Rosenkranzgebet.

Die neue Kapelle liegt laut Projektleiter Johannes Vetter vom Wasserwirtschaftsamt auf dem höchsten Punkt der Dammkrone und ist über den darüber verlaufenden Weg von Westen her erreichbar. Eine Alternative für den Abbruch und Wiederaufbau wäre eine Anhebung der gesamten Kapelle (Translozierung) gewesen. Da das Bauwerk aber erst 1985 errichtet wurde – deshalb auch nicht unter Denkmalschutz steht – wäre eine technisch zwar mögliche Translozierung mit dem Vielfachen der jetzigen Kosten wirtschaftlich nicht vertretbar gewesen. Der Freistaat verpflichte sich nämlich nur zur Wiederherstellung des „alten Zustandes“, so Vetter.