Fast vergessene deutsch-jüdische Geschichte

Was geschah 1945 bis 1957 in diesem Ort? Wie aus Föhrenwald Waldram wurde

In seiner Funktion als 1. Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Memmingen-Kempten-Allgäu ließ sich Ivo Holzinger sein erworbenes Buch von Alois Berger signieren.

In seiner Funktion als 1. Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Memmingen-Kempten-Allgäu ließ sich Ivo Holzinger sein erworbenes Buch von Alois Berger signieren.

Bild: Dunja Schütterle

In seiner Funktion als 1. Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Memmingen-Kempten-Allgäu ließ sich Ivo Holzinger sein erworbenes Buch von Alois Berger signieren.

Bild: Dunja Schütterle

Ein Dorf, in dem Tausende Juden nach dem Zweiten Weltkrieg unterkamen. Doch lange blieben sie nicht. Was geschah in dem Ort, der einmal Föhrenwald hieß?
01.04.2023 | Stand: 18:00 Uhr

Was geschah zwischen 1945 und 1957 in diesem Dorf? Das im Piper-Verlag neu erschienene dokumentarische Sachbuch von Alois Berger blickt auf eine fast vergessene deutsch-jüdische Nachkriegsgeschichte mitten in Bayern zurück. „Föhrenwald, das vergessene Schtetl“, so der Titel des knapp 240-seitigen Buches, ist mehr als die Aufarbeitung einer Geschichte, die sich in der Zeit zwischen 1945 und 1957 im Ortsteil der bayerischen Stadt Wolfratshausen ereignete.

Föhrenwald - eine Art Flüchtlingscamp nach dem Zweiten Weltkrieg

„Hier bin ich zur Schule gegangen, mittendrin in dem Ort, wo nach dem Krieg mehrere Tausend Juden ankamen – welche die Shoa überlebten, sogenannte Displaced Persons“, sagt Berger. Die Siedlung diente ab 1945 als Art Flüchtlingscamp für Tausende Menschen jüdischen Glaubens. „Deren Schicksale wurden mit dem Ort über die Jahre hinweg ganz aus der kollektiven Erinnerung gelöscht“, erzählt Alois Berger, der auf der Bühne im Memminger Antoniersaal an einem Lesetisch sitzt. In seinen Worten und Gesten wird spürbar, wie stark ihn dieses Nichtwissen, an dem er indirekt beteiligt war, noch immer bewegt. 1952 übergaben die Amerikaner die Siedlung an die deutschen Behörden. Nach und nach mussten die jüdischen Bewohner den Ort verlassen. Denn das Land Bayern wollte das alte Lager auflösen. Teilweise wurden die Bewohner auf deutsche Großstädte verteilt. Bald kaufte die katholische Kirche das Dorf, um eine Siedlung für christliche Heimatvertriebene zu schaffen. 1957, dem Geburtsjahr von Alois Berger, wurde Föhrenwald in Waldram umbenannt. In diesem Jahr mussten die letzten verbliebenen Juden gehen. Lesen Sie auch: Was geschah mit Juden aus Memmingen? Die Schicksale einzelner Familien

Waldram: Weder Eltern, Verwandte noch Lehrer erwähnten die jüdische Vergangenheit

Alles, was an das frühere Lager in der amerikanischen Zone erinnerte, wurde ausgelöscht. „In Bayern gab es einige von diesen Lagern“, wie Berger hinzufügte. Zum dritten Mal wurden die Straßennamen im Dorf geändert: Nach den Anfängen der NS-Zeit, waren die Namen amerikanisch und nun erhielten „verdiente Katholiken“ ihren eigenen Straßenzug. Weder die Eltern, Verwandten noch die Lehrer an der Schule von Alois Berger hätten jemals Föhrenwald und seine jüdische Vergangenheit erwähnt – des Schtetls, wie „Siedlung“ auf Jiddisch heißt.

Obwohl zeitweise mehr als 5000 Juden hier nach dem Zweiten Weltkrieg wieder so etwas wie eine Heimat auf Zeit im Auffanglager fanden. An einem Ort, der selbst eine wechselhafte Vorgeschichte hatte, wie Berger dem rund 40-köpfigen Publikum der Lesung berichtet, die der Buchladen Spiegelschwab zusammen mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ausrichtete.

Föhrenwald: 1939 eine NS-Wohnsiedlung für Arbeiter

Föhrenwald wurde 1939 mit einer NS-Wohnsiedlung für die (Zwangs-)Arbeiter der Spreng-stoff- und Munitionsfabriken der Deutschen Sprengchemie und Dynamit Actien-Gesellschaft im Staatsforst von Wolfratshausen erweitert. Das Haus, in dem Amalie Gehring aufwuchs, stand hier bereits seit 1929. Als Zeitzeugin hatte der Buchautor sie und weitere Personen im In- und Ausland interviewt. Gehrings persönliche Erinnerung gab Berger mit einer kurzen Hörsequenz wieder, zudem ließ er historische Fotos, die sich auch im Buch befinden, durch die Zuschauerreihen gehen. Lesen Sie auch: Wie steht es 84 Jahre nach der Reichspogromnacht um den Antisemitismus im Allgäu?

Enes Ludwig (Gitarre) und Günter Schwanghart (Klarinette) betonten mit Klezmer-Klängen die Erinnerungsmomente an die Men-schen, die damals in Föhrenwald geboren wurden und die jahre-lang keinen Ort und Anhalts-punkt mehr zu ihrer Herkunft hatten. Heute kommen immer mehr Menschen nach Waldram: „Im Jahr 2012 gründeten Bürgerinnen und Bürger einen Verein, um das alte, wiedergefundene jüdische Badehaus vor dem Abriss zu bewahren. Darin befindet sich heute ein zeitgeschichtliches Museum“, wie Berger zum Abschluss des Abends erwähnt. Das Buch kostet im Buchhandel 24 Euro.