Abwasser

Wenn’s im Memminger Klärwerk klemmt, müssen Spezial-Taucher ran

Ganz von der Rolle - vom Klopapier bis hin zum Klärwerkstaucher

Ein Taucher verschwindet in einer Kläranlage, um sie zu reinigen. Das kann bis zu zwei Stunden dauern.

Bild: AOI

Ein Taucher verschwindet in einer Kläranlage, um sie zu reinigen. Das kann bis zu zwei Stunden dauern.

Bild: AOI

Küchenrollen statt Klopapier – das kann auch in Memmingen zu Problemen führen. Auch andere Dinge können die Abwasserrohre stark belasten.
23.04.2020 | Stand: 13:21 Uhr

Wo sich auf Paletten und in Regalen sonst Packungen mit softem bis bunt-bedrucktem Toilettenpapier stapeln, herrscht seit der Ausbreitung von Corona oft immer noch gähnende Leere. Seit Mitte März haben, laut statistischem Bundesamt, die Bürger dreimal so viel an Hygieneprodukten gekauft wie sonst in sechs Monaten, obwohl es laut den Herstellern nie einen Grund gab gerade Toilettenpapier zu hamstern. „Wir bekommen immer wieder Lieferungen. Aber natürlich kann es schon noch sein, dass gerade die Lieblingsmarke nicht verfügbar ist, es ist jedoch genug für alle da“, erklärt eine Verkäuferin aus einem Memminger Drogeriemarkt.

Zuhause bleiben heißt weiterhin die Devise, so dass die Kurve der Ansteckung von Mensch zu Mensch noch weiter abflacht. Das bedeutet natürlich auch, in der heimischen Idylle seine Geschäfte zu verrichten. Und dann ist es gut, wenn man Hüter des ein- bis fünflagigen Schatzes ist. Das weiß auch Stefan Anwander, der Betriebsleiter im Gruppenklärwerk Memmingen. „Trotz aller Klopapierkrise konnten wir bei uns im Klärwerk aber noch nicht feststellen, dass großartig andere Dinge benutzt worden sind“, sagt er auf Nachfrage.

Feuchtücher nicht runterspülen

Damit meint er vor allem Feuchttücher, die das Abwassersystem belasten können, da sie sich nicht wie Toilettenpapier im Kanal auflösen und daher im Abwassersystem Probleme verursachen. Genau wie Feuchttücher dürfen benutzte Abschmink- und mit Lotion getränkte Babytücher nicht in der Toilette entsorgt werden. Auch Küchenrollen haben eine andere Oberflächenstruktur, die im nassen Zustand deutlich fester sind und teilweise sogar einen Waschgang in der Waschmaschine überstehen. Herkömmliches WC-Papier dagegen zerfasert schnell im Wasser. Vom stillen Örtchen geht es dann weiter über das weit verzweigte Abwasserkanalnetz in die Kläranlage. Dort wird das verunreinigte Wasser aus den Haushalten in mehreren Prozessen vom groben und feinstofflichen Schmutz geklärt. In den sogenannten Faultürmen wird der Faulschlamm umgewälzt, der einen anaeroben (ohne Sauerstoff) Abbauprozess in Gang setzt. So entstehen Faulgase wie das Methan, das aufgefangen und wiederum für die Stromgewinnung als Biogas genutzt wird.

Kiloschwere Zöpfe können das Rührwerk blockieren

„Rund 60 Prozent unseres eigenen Verbrauchs an Strom erzeugen wir selbst. Bis es aber soweit ist, dauert es in der Regel 25 Tage bei einer Temperatur von rund 37 Grad“, erklärt Anwander, der als Experte für Abwassertechnik über viel Erfahrung verfügt. Da sich Haare als organisches Material im Schlamm nicht auflösen, kann es sein, dass sich über die Zeit sogenannte kiloschwere Zöpfe bilden, die das Rührwerk blockieren können. Zudem befinden sich in der haarigen Schlammmasse auch gehäckselte Damenbinden, Tampons und Kondome wieder. „Dann muss man den Faulturm entweder ganz abpumpen oder einen Industrietaucher holen, was bei laufendem Betrieb gemacht werden kann“, erklärt Anwander. In Memmingen sei ein solcher Einsatz eines Tauchteams aber noch nicht notwendig gewesen, da zwei Faultürme zur Verfügung stehen, sagt der Experte weiter.

Spezialteam kommt aus Hamburg angereist

In den benachbarten Kläranlagen, die nur einen Faulturm haben, kommen alle paar Jahre Taucher zum Einsatz. In der Verbandskläranlage in Thanners bei Immenstadt zum Beispiel reiste dazu ein ausgebildetes Spezialteam von Hamburg ins Allgäu. Die Taucher müssen über viel Erfahrung verfügen, jeder Handgriff muss sitzen, da sie bei ihrer Arbeit komplett im Dunkeln tappen. Geschützt sind sie mit einem speziellem Tauchanzug aus chemiefestem Gummi und mit einem Helm, in den mit einem Kompressor Luft gepumpt wird. Faulturmtauchen ist nichts für schwache Nerven und zartbesaitete Näschen. Ein Arbeitseinsatz geht meist über zwei Stunden am Stück, der die Taucher körperlich wie auch geistig sehr fordert.

Wo Berufstaucher sonst noch arbeiten

Lesen Sie auch
##alternative##
Notbremse

Zu viel Abwasser: Keine Baugenehmigungen mehr in Hellengerst

Berufstaucher kommen aber nicht nur in Kläranlagen zum Einsatz, auch in Reaktoren und bei Bau- und Industriearbeiten arbeiten sie. Eine vorangegangene handwerkliche Ausbildung, ein Mindestalter von 21 Jahren, körperliche Gesundheit und Fitness wie auch Prüfungen als Taucher werden für diesen Beruf vorausgesetzt. Die Ausbildung dauert insgesamt zwei Jahre. Den allgemeinen Berufe-Ranglisten zum Trotz, die diesen Job des Fäkalientauchers als einen der ekligsten und dreckigsten Berufe der Welt bezeichnen, sind die Verdienstmöglichkeiten gar nicht so besch …(eiden).

Für nur 0,99 € einen Monat alle exklusiven AZ Plus-Artikel auf allgaeuer-zeitung.de lesen
Jetzt testen
Ausblenden | Ich habe bereits ein Abo.