Nationalsozialismus in Memmingen

Wer war Handlanger? Und wer war Mitläufer in Memmingen im Dritten Reich?

Eine Fotografie aus der Ausstellung "VerVolkt II" im Stadtmuseum: Memminger Kinderfestkinder zeigen auf dem Marktplatz den Hitlergruß.

Eine Fotografie aus der Ausstellung "VerVolkt II" im Stadtmuseum: Memminger Kinderfestkinder zeigen auf dem Marktplatz den Hitlergruß.

Bild: Stadtmuseum

Eine Fotografie aus der Ausstellung "VerVolkt II" im Stadtmuseum: Memminger Kinderfestkinder zeigen auf dem Marktplatz den Hitlergruß.

Bild: Stadtmuseum

Das Ausstellungsprojekt "VerVolkt II" im Stadtmuseum Memmingen geht in die letzte Runde. Zur Wiedereröffnung beleuchten Experten die lokale NS-Geschichte.
##alternative##
Von Maria Anna Willer
19.05.2022 | Stand: 12:00 Uhr

Das Ausstellungsprojekt VerVolkt II im Stadtmuseum geht in die letzte Runde. Doch Erinnerung an und Faktenwissen zur NS-Geschichte bleiben auch in Zukunft wichtig. „Es gibt keine abgeschlossene, nur eine fortlaufende Geschichte des Antisemitismus“, stellte Kuratorin Regina Gropper bei der Wiedereröffnung nach der Winterpause fest. Sie verwies auf aktuelle Umfragewerte zu Judenhass und Hetze gegen Menschen in der deutschen Bevölkerung. Zum Saisonauftakt sprachen ausgesuchte Fachleute über lokale Forschungen zur NS-Geschichte und zur Bedeutung von Erinnerungsarbeit heute.

Oberbürgermeister Manfred Schilder begrüßte im Beisein von Zweiter Bürgermeisterin Margareta Böckh und Bürgermeister Hans-Martin Steiger im gut besuchten Dietrich-Bonhoeffer-Haus die Referenten: Martina Steber, Historikerin am Institut für Zeitgeschichte München, Hubert Seliger, Archivar an der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, sowie Wolfgang Proske, Herausgeber der Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“.

Forschung nimmt vermehrt die Täter ins Visier

Nach Steber verändern sich Erinnerung und Gedenken an den Nationalsozialismus in der deutschen Gesellschaft. In den 1980er Jahren habe eine „Kultur des Gedenkens“ die Zeit der Verdrängung abgelöst. Die Öffnung der Archive in ehemals besetzten Ländern im Osten zur Jahrtausendwende förderte neues Aktenmaterial zutage. Heute gebe ein „kollektive Gedächtnis“ der Erinnerungskultur Sicherheit im Umgang mit der deutschen Geschichte. Seit einigen Jahren nehme die Forschung vermehrt die „Täter“ und Prozesse der Ausgrenzung in den Blick, auch auf lokaler Ebene.

Steber sieht die Demokratie als Staatsform heute infrage gestellt, sowohl von außen durch autoritäre Regime in Europa, als auch innerstaatlich. Die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus sei daher wichtig.

Leiter der Memminger Kriminalpolizei war ab 1933 Mitglied der NSDAP

Als ein Beispiel lokaler Geschichtsforschung stellte Seliger die Biografie des Leiters der Memminger Kriminalpolizei, Johann Seißler, vor. Seißler kam 1943 von Erlangen nach Memmingen und leitete bis 1945 die Memminger Polizeidienststelle. Er war engagiertes Parteimitglied seit 1933. Als Leiter der Kripo habe er seine „Macht auszuspielen“ gewusst. Er ging ebenso gegen politisch Andersdenkende vor, wie aus rassistischen Gründen gegen Memminger Sinti und Sintezas. Die Spruchkammer Memmingen verurteilte ihn im November 1946 als „Hauptschuldigen“ zu sechs Jahren Arbeitslager, weil er „ein idealer Handlanger des verbrecherischen Nazi-Systems“ gewesen sei. Zwei Jahre später erreichte Seißler seine Neueinstufung als „Mitläufer“ vor der Berufungskammer Kempten und die kurzzeitige Wiedereinsetzung ins Beamtenverhältnis. Er starb 1971 als Pensionär in Oberfranken. Seliger, der die Akten im Stadtarchiv Memmingen und Augsburg einsehen konnte, bilanzierte: „Seißler war nicht einfach nur Werkzeug, wie die Berufungsspruchkammer meinte, sondern Handelnder aus Überzeugung.“

Proske stellte seine Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ vor. Seit vielen Jahren veröffentlicht der promovierte Sozialwissenschaftler fundierte Forschungen zu aktiven Personen der NS-Zeit. Sein neuester Band handelt über Menschen aus dem Allgäu. Auch der Aufsatz über Johann Seißler ist darin zu lesen.

Gypsy-Jazz von Bobby und Lancy Falta

Die Jazz-Musiker und Memminger Kulturpreisträger Bobby und Lancy Falta umrahmten die Vorträge musikalisch.

Die Jazzmusiker Lancy und Bobby Falta (von links) bei der Wiedereröffnung der Ausstellung "VerVolkt II".
Die Jazzmusiker Lancy und Bobby Falta (von links) bei der Wiedereröffnung der Ausstellung "VerVolkt II".

NS-Geschichte hinterließ bei ihnen tiefe Spuren. Vater Bobby Falta (Jahrgang 1941) entkam der Vernichtung als Kind bei der Tante in Wien. Sein Vater kam im KZ Mauthausen ums Leben. Viele Familienmitglieder überlebten die NS-Zeit nicht, einige erfuhren die Schikanen Seißlers in Memmingen direkt. Sohn Lancy Falta (geboren 1965) wurde noch Jahrzehnte später als „Zigeunerkind“ beschimpft. Das Ende der NS-Herrschaft bedeutete für Sinti kein Ende der Ausgrenzung, der Genozid an Sinti und Roma erhielt erst 1982 eine Anerkennung in der BRD. Eine Rehabilitation und Entschädigung blieb aus.

Wissenswertes rund um die Ausstellung

Dauer: "VerVolkt II - Noch mehr Spuren, noch mher Nazis" ist bis zum 7. August 2022 im Stadtmuseum Memmingen und am nahe gelegenen Martin-Luther-Platz zu sehen.

Neue Inhalte: Ergänzt wurde das Sammlungsprojekt mit dem Verfolgungsschicksal des Memminger KPD-Leiters Josef Diefenthaler und seiner Ehefrau Linda sowie dem Legauer Pfarrer Magnus Gött und dessen Briefwechsel mit Adolf Hitler.

Medienstationen: Zu sehen sind der Kurzfilm des Allgäuer Filmemachers Leo Hiemer „Zwei Männer! Zwei Gitarren! Die Faltas!" sowie ein Film über den Schulalltag zur NS-Zeit. Hörstationen präsentieren Ergebnisse der Sammelaktionen zur Ausstellung.

Führungen: Am 27. Mai 2022 und 10. Juni 2022, jeweils 15 Uhr, führt Heimatpflegerin Sabine Streck durch die Ausstellung.

Lesung: Am Dienstag, 28. Juni 2022, 19 Uhr, liest der Allgäuer Autor Robert Domes in der Stadtbibliothek Memmingen aus seinem neuen Buch „Waggon vierter Klasse“. Anmeldungen unter Telefon 08331/850-134.