„Nach-Spiel-Zeit“

Nationalspieler in der Backstube: Wie Michael Waginger heute lebt

In elf Länderspielen lief Michael Waginger für die DEB-Auswahl auf und erreichte 2010 in seiner fünften DEL-Saison mit dem ERC Ingolstadt das Halbfinale der Play-offs. Heute leitet der 41-Jährige die Familien-Bäckerei in Sonthofen.

In elf Länderspielen lief Michael Waginger für die DEB-Auswahl auf und erreichte 2010 in seiner fünften DEL-Saison mit dem ERC Ingolstadt das Halbfinale der Play-offs. Heute leitet der 41-Jährige die Familien-Bäckerei in Sonthofen.

Bild: Daniel Kopatsch

In elf Länderspielen lief Michael Waginger für die DEB-Auswahl auf und erreichte 2010 in seiner fünften DEL-Saison mit dem ERC Ingolstadt das Halbfinale der Play-offs. Heute leitet der 41-Jährige die Familien-Bäckerei in Sonthofen.

Bild: Daniel Kopatsch

Vor 13 Jahren beendete Eishockey-Nationalspieler Michael Waginger seine Karriere. Trotz privaten Glücks gibt es einen Moment, dem der 41-Jährige nachtrauert.
20.02.2021 | Stand: 12:33 Uhr

„Irgendwie komisch, aber vor allem emotional“ sei der Tag gewesen, sagt Michael Waginger. Der 11. April 2012. Nach der DEL-Partie des ERC Ingolstadt bei den Adlern Mannheim kämpfte der linke Flügelspieler der Panther auf dem Eis sogar mit den Tränen. Und das nicht, weil die Schanzer die Halbfinal-Play-offs soeben verloren und die Chance auf den Meistertitel verspielt hatten. „Das Ende von 13 Jahren als Profi spürt man“, sagt der 41-Jährige. Vielsagend. Bereits Mitte der Saison 2011/2012 hatte der Allgäuer den Verantwortlichen der Ingolstädter mitgeteilt, dass es seine letzte DEL-Saison werden würde. Obwohl Waginger damals erst 32 Jahre alt war, für einen Eishockeyspieler „kein Alter“, stand sein Entschluss fest.

Der gebürtige Immenstädter hatte bereits vor dem Beginn seiner Profilaufbahn im elterlichen Betrieb eine Ausbildung zum Bäcker absolviert und sich dazu entschlossen, die in Sonthofen beheimatete Bäckerei eines Tages zu übernehmen. Die Tatsache, dass sein Vater aus gesundheitlichen Gründen bald kürzertrat, war für Michael Waginger „ein Zeichen“. „Den Ruf von daheim“ zu dem Zeitpunkt erhört zu haben, sei rückblickend zudem auch der richtige Schritt zum richtigen Zeitpunkt gewesen. Bereut hat er die Entscheidung deshalb nie. „Höchstens die Arbeitszeiten“, fügt er lachend hinzu. Im Gegensatz zu seinem Profi-Dasein beginnt sein Tag nun als Bäcker um Mitternacht, vor mittags kommt er meist auch nicht aus dem Laden.

Neues altes Leben im Oberallgäu

Um sich an diesen Rhythmus zu gewöhnen, hat er „lange gebraucht“. Ein halbes Jahr habe es gedauert, erzählt Waginger, dem seine neue, alte Aufgabe aber Spaß macht. Außerdem hätte sich der 41-Jährige nie vorstellen können, seine Heimat für immer zu verlassen. „Dafür ist das Allgäu viel zu schön. Ich bin auch während meiner Profizeit gerne oft hergekommen, weil ich die Landschaft und alles hier sehr mag. Auch sportlich kann man hier viel machen“, sagt Waginger. Besonders bewusst geworden sind ihm die Vorzüge seiner Heimat, als er zwei Jahre bei den Füchsen Duisburg spielte. „Das ist eine völlig andere Welt“, beschreibt er den Ruhrpott. Seine Frau Sophie, die er in seiner Ingolstädter Zeit kennenlernte, stammt zwar aus Hilpoltstein, fühlt sich hier aber genauso wohl wie der Rest der Familie.

Michael Waginger in seiner Backstube der Bäckerei Waginger in Sonthofen, Mittwoch 03.02.2021.
Michael Waginger in seiner Backstube in Sonthofen.
Bild: Daniel Kopatsch

Nach seiner Rückkehr ins Allgäu ging er noch einmal zwei Spielzeiten für seinen Heimatverein, den ERC Sonthofen aufs Eis, aber auch das beendete Waginger aus beruflichen Gründen. „Ich habe gemerkt, dass es von den Arbeitszeiten körperlich zu anstrengend für mich ist. Oft bin ich nach der Backstube zu den Auswärtsspielen gefahren und danach wieder zur Arbeit gegangen. Als ich mit meinen Leistungen selbst nicht mehr zufrieden war, habe ich aufgehört“, erklärt der 41-Jährige. Im Jahr darauf gab Waginger noch ein Comeback im ERC-Trikot, allerdings nur, um das Team in ein paar Partien zu unterstützen.

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Dem Eishockey ist er aber weiter treu geblieben. „Weil es so wahnsinnigen Spaß macht“, spielt er in der AH des ERC. Zudem absolvierte Michael Waginger den C-Trainerschein und coachte vier Jahre lang die Sonthofer Juniorenteams, in denen auch seine Söhne Noah (8) und Leon (12) aktiv waren. Im vergangenen Jahr teilte er dem Club aber mit, dass er „eine Auszeit braucht“. Im Hinblick auf die sportliche Laufbahn seiner Jungs ist es in seinen Augen „auch ganz gut, dass sie mal einen anderen Trainer haben“.

Waginger schließt Trainer-Comeback nicht aus

Eine Rückkehr auf die Trainerbank schließt der Ex-Profi jedoch nicht aus. Allerdings wenn, dann nur im Nachwuchsbereich. „Ich will nicht hoch hinaus“, versichert er. Auch das Rampenlicht aus seiner aktiven Profi-Zeit vermisst er keineswegs: „Ich war nie der Typ dafür – ich habe es eher gescheut“, verrät der Oberallgäuer. Was er jedoch durchaus vermisst, sind „Jungs, Teamsport und das Zusammensein. Die Kameradschaft ist unbeschreiblich“, schwärmt Michael Waginger. Zu einigen seiner ehemaligen Kollegen pflegt er immer noch Freundschaften, ansonsten verfolgt er das sportliche Geschehen seiner Ex-Clubs.

Wer einen Blick auf die Karriere von Michael Waginger wirft, entdeckt vor allem Meisterschaften, die sich wie ein roter Faden durch die Laufbahn ziehen. Von der Bayernliga bis hin zur zweiten Liga sicherte sich der Allgäuer mit all seinen Clubs einmal die Meisterschaft. Außer ganz oben. In der DEL blieb ihm dieser Titel verwehrt. 2010 erreichten die Panther zwar das Halbfinale, scheiterten jedoch am späteren Meister, den Hannover Scorpions. „Ich habe so lange daraufhin gearbeitet, den Meistertitel in der DEL aber nie erreicht“, sagt Waginger mit einem Hauch Wehmut. Ein weiterer Wermutstropfen für den ehemaligen deutschen Nationalspieler war, dass er sein letztes Spiel nicht auf heimischem Eis bestreiten konnte. „Das wäre besonders gewesen“, sagt Waginger.

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