Musiker-Porträt

Mister Allgäu-Folk: Pit Bartenschlager feiert 70. Geburtstag

Pit Bartenschlager

Legendärer Auftritt 1977 in Rottach: Rupert Pfau (links) und Pit Bartenschlager spielen für eine Fernsehsendung von Thomas Gottschalk ihren „Allgäu-Folk“.

Bild: Bartenschlager

Legendärer Auftritt 1977 in Rottach: Rupert Pfau (links) und Pit Bartenschlager spielen für eine Fernsehsendung von Thomas Gottschalk ihren „Allgäu-Folk“.

Bild: Bartenschlager

Pit Bartenschlager hat mit Rupert Pfau Mitte der 1970er Jahre Folk und Country mit frechen Mundarttexten kombiniert. Damit beeindruckte er sogar Thomas Gottschalk.
06.11.2021 | Stand: 12:00 Uhr

Musik machen ist für Pit Bartenschlager eine Bauchangelegenhei. „Frei von der Leber, ganz ohne Zwang, das war mir immer wichtig“, sagt der Oberallgäuer, der 1978 mit Rupert Pfau Allgäuer Musikgeschichte schrieb. Damals veröffentlichte das Duo „Pit & Rupert“ die Langspielplatte „Allgäu-Folk“. Was darauf zu hören war, hatte es so noch nicht gegeben: Musik, die zwischen US-amerikanischem Folk, Country und Blues lag, gespielt mit Gitarre und Banjo, und dazu freche Texte im Oberallgäuer Dialekt. Damit landeten die beiden Hobbymusiker einen Volltreffer – nicht nur bei den Fans. Auch Prominente aus der Branche wie TV-Moderator Thomas Gottschalk und die englische Folk-Legende Colin Wilkie zeigten sich begeistert von Liedern wie „D’Huikehr“, „Huiweh“ oder „D’ Vollrausch“.

„Ja, das waren schöne, wilde Zeiten“, sagt Pit Bartenschlager und lacht. Am Mittwoch wird er 70.

Im Jahr 2000 löste sich die Gruppe auf

Die legendären Allgäu-Folk-Lieder hat Bartenschlager unlängst auf Streaming- und Downloadportalen sowie Youtube eingestellt, darunter sind auch Vertonungen von Texten des Kemptener Heimatpoeten Korbinian alias Karl Fleischhut (1919 – 1980). Online stehen auch die Lieder des zweiten Allgäu-Folk-Albums von 1994 mit Gaby Kaiser (Gesang, Hackbrett) und Reinhold Mayr (Kontrabass). Im Jahr 2000 löste sich die Gruppe auf: Die Vier fanden immer weniger Zeit für gemeinsames Proben. Als Bartenschlager vor einiger Zeit mit Hilfe seines Sohnes die alten Songs digitalisierte, entdeckte er fünf unveröffentlichte Lieder. Die will er nun mit zwei Hindelanger Musikanten einstudieren und aufnehmen.

Pit Bartenschlager.
Pit Bartenschlager.
Bild: Karina Boehnki

Aufgewachsen ist Pit Bartenschlager mit vier Geschwistern auf einem kleinen Bauernhof in Rottach bei Rettenberg im Oberallgäu. „Von daheim habe ich ein ausgesprochen gutes Gehör mitbekommen“, erzählt er. Und das hatte vor allem einen großen Vorteil: „Ich musste immer wenig proben.“ Seine Mutter spielte Akkordeon, sein Vater Gitarre. Sein erstes Instrument war – wen wundert’s – die Blockflöte. Mit acht lernte er Akkordeon, mit zehn Trompete. Und dann, Mitte der 1960er Jahre, hatte er ein folgenreiches Hörerlebnis: Bartenschlager, dessen Familie ursprünglich aus der Obergünzburger Gegend stammt, verbrachte die Ferien als Hütebub in Engetried (bei Mark Rettenbach). Als er bei seiner Tante vorbeischaute, drang aus dem offenen Fenster merkwürdige Musik, die ihn sofort in Bann zog. Die Gruppe heiße „Beatles“ sagte die Tante, und der Neffe war hin und weg, vor allem auch vom mehrstimmigen Gesang. Als ihm kurze Zeit später eine andere Tante eine alte Gitarre schenkte, war es um ihn geschehen. In kürzester Zeit brachte er sich vier, fünf Akkord-Griffe bei – und dank seines guten Gehörs auch den einen und anderen Beatles-Song.

Später absolvierte Bartenschlager eine ungeliebte Mechanikerlehre und besserte sein dürftiges Gehalt mit Volksmusik-Auftritten in Pensionen und Hotels auf. Ein „Hammererlebnis“ hatte er als Mitglied des Blues-Rock-Trios „Flintstones“: Es trat Ende der 60er Jahre in der rappelvollen Immenstädter Hofgarten-Stadthalle als Vorband der deutschen Beat-Combo „The Lords“ auf.

"Das allerhöchste Erlebnis": Ein Auftritt vor 3000 Besuchern in Augsburg

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Ein paar Jahre später gewann er mit dem Immenstädter Musiker Wolfgang Siegel („Waldi“) einen Musikwettbewerb unserer Zeitung. Der Auftritt auf der Freilichtbühne am Roten Tor in Augsburg vor 3000 Besuchern war für Bartenschlager das „allerhöchste Erlebnis“. Doch als ein Produzent des Münchner Ariola-Studio aus den Allgäuer Country-Blues-Rockern ein Schlager-Duo à la Gunter Gabriel machen wollte, winkten die Beiden ab.

Bei einer Party auf einer Insel in der Iller bei Rottach begegneten sich Pit Bartenschlager und der Immenstädter Lehrer Rupert Pfau zufällig. In „bierseliger Runde“ machten sie Musik und improvisierten zum Spaß mit Allgäuer Mundart. Das kam gleich riesig an, und die beiden beschlossen weiterzumachen. Der „Allgäu-Folk war geboren. Doch der fand nicht überall Anklang.

Traditionsbewusste Volksmusiker aus Oberstdorf und Hindelang rümpften die Nase, wenn „Pit & Rupert“ das bekannte „Rosele“ folkig-bluesig aufführten. Anderen, wie dem Lindenberger Werner Specht, gefiel der neue Sound, berichtet Bartenschlager. Auch der englische Folkstar Colin Wilkie, der das Duo in Bregenz traf, zeigte sich beeindruckt und spielte die Songs in seiner Ö3-Radiosendung „Colin’s Folk Club“. Und Thomas Gottschalk nahm für die TV-Sendung „18-19-Musik“ des Bayerischen Fernsehens im „Rottachbergstüble“ ein Konzert von „Pit & Rupert“ auf.

Sogar beim ZDF-Sommergarten trat Pit Bartenschlager auf

Als passionierter Berufskraftfahrer kam Pit Bartenschlager viel in Europa herum. Das inspirierte ihn und den Texter Michael Immler (Immenstadt) zu einem ganz besonderen, hochdeutschen Stück: „Europalied – Ein Lied für ein geeintes Europa“. Gemeinsam mit Sängerin Carmen de Prato trat Bartenschlager damit beim ZDF-Sonntagskonzert im belgischen Brügge auf. Doch von der Musik konnte und wollte Pit Bartenschlager nicht leben.

In den warmen Monaten betrieb er mit seiner Frau und den beiden Kindern das Café am Freibad in Rettenberg; in den kühleren Monaten war er als Kraftfahrer unterwegs. Die schönste Zeit war für ihn das Überführen von Bussen, Lkw und Feuerwehrfahrzeugen, das ihn durch ganz Europa führte. Die Erlebnisse haben ihn auch zu dem Song „Streets of Peace“ (Straßen des Friedens) inspiriert, den er mit der Kemptener Sängerin Chantalle Schubert für das Debüt-Album von „Chantalle & Pit“ einspielte.

Einen Kindheitstraum – das Fliegen – hat er auch noch verwirklicht. Mit einem – mittlerweile motorgestützten – Drachen erkundet er leidenschaftlich gern seine Heimat aus der Vogelperspektive. „Musik und Fliegen, das ist für mich das Schönste“, sagt Pit Bartenschlager.