Ein Psychiater erklärt

Noch mehr Fälle im Sommer: Wie gefährlich sind Exhibitionisten im Allgäu?

Sind Exhibitionisten gefährlich? Und steigen die Zahlen im Allgäu? Unser Überblick.

Sind Exhibitionisten gefährlich? Und steigen die Zahlen im Allgäu? Unser Überblick.

Bild: Ralf Lienert

Sind Exhibitionisten gefährlich? Und steigen die Zahlen im Allgäu? Unser Überblick.

Bild: Ralf Lienert

Immer wieder belästigen Exhibitionisten Menschen in der Region. Was löst so ein Verhalten aus und gibt es weibliche Exhibitionisten? Ein Psychiater klärt auf.
27.07.2020 | Stand: 14:12 Uhr

"Exhibitionist verfolgt Frau", "Exhibitionist belästigt Frau" - solche Schlagzeilen liest man immer wieder, auch im Allgäu. Bereits dreißig Delikte gab es im Allgäu in diesem Jahr. Doch die "Hochzeit" steht noch bevor, schätzt Polizeisprecher Holger Stabik, denn: "Das Phänomen der exhibitionistischen Handlungen kommt natürlich überwiegend in den Sommermonaten zum Tragen und so könnten sich die Zahlen bis Jahresende daher noch wesentlich erhöhen."

Doch was steckt eigentlich hinter dem Verhalten? Das hat uns Norbert Ormanns erklärt, der die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie in Kaufbeuren leitet.

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Nicht jede Person, die sich nackt in der Öffentlichkeit zeigt, ist ein Exhibitionist. Das betont Ormanns gleich zu Beginn: "Da hätten wir sonst viel zu tun." Der Psychiater erklärt, dass Exhibitionisten Menschen sind, die sich anderen ungefragt nackt zeigen, davon auch sexuell erregt werden - teilweise auch von der Reaktion des Gegenüber: "Wenn der Exhibitionist merkt, dass die andere Person sich erschrickt, kann ihn das zusätzlich erregen", sagt Ormanns.

 

 

 

Doch wieso verhalten Menschen sich überhaupt so? Ein Großteil der Exhibitionisten sind Männer: "Ich habe in meiner 25-jährigen Berufszeit nicht eine Exhibitionistin behandelt", betont Ormanns. In der Literatur sei auch nur selten die Rede von Frauen, die mit exhibitionistischen Handlungen in Erscheinung treten.

Darüber, wie Menschen zu Exhibitonisten werden, gibt es laut Ormanns mehrere Theorien, "für die es alle keinen hundertprozentigen Beweis gibt".

  • Klar ist: "Das entsteht nicht von heute auf morgen." Der Psychiater erklärt, dass dem Exhibitionismus oft eine Störung in der sexuellen Entwicklung vorausgeht. "Viele Betroffene merken schon in der Kindheit und Jugend, dass sie das erregt." Kinder durchleben nach der Theorie von Sigmund Freud eine sogenannte ödipale Phase, in der sie den Unterschied zwischen den Geschlechtern bemerken. "Das löst Freud zufolge bei Jungen eine Kastrationsangst aus", erklärt Ormanns und ergänzt: "Und das kann zur Folge haben, dass Exhibitionisten diese Angst beseitigen wollen, indem sie Frauen zeigen: Schau her, ich bin der Mann!" Die Tatsache, dass die ödipale Phase bei Frauen anders ausgeprägt sei, könne eine Erklärung sein, weshalb fast ausschließlich Männer zu Exhibitionisten werden.
  • Ein weiterer Auslöser kann laut Ormanns sein, dass ein Exhibitionist als Jugendlicher bei der Selbstbefriedigung erwischt wurde.
  • Außerdem gibt es eine Theorie, nach der Exhibitionisten eine "Störung im Werbungsverhalten" haben, wie Ormanns sagt. "Man kann das mit der Tierwelt vergleichen - es gibt verschiedene Phasen: Zuerst sichtet man den potenziellen Partner, dann setzt man sich in Szene, dann kommt es zu Berührungen und schließlich zum Geschlechtsverkehr." Dies seien die "normalen" Abläufe, erklärt der Psychiater. Liege eine Störung vor, laufe das Ganze so ab: "Voyeurismus, Exhibitionismus, Frotteurismus _ also das Reiben an anderen Personen zur sexuellen Befriedigung - und letztlich eine Sexualität in einer gestörten Form, beispielsweise Pädophilie", zählt Ormanns auf. Er erklärt den Unterschied an einem konkreten Beispiel: "Während Menschen den potenziellen Partner normalerweise beispielsweise über ein Lächeln auf sich aufmerksam machen, wählt der Exhibitionist eben diese gestörte Form, bei der er sich selbst nackt zeigt."

Exhibitionisten sind laut Ormanns in allen Gesellschaftsschichten zu finden: "Typischerweise sind sie mittleren Alters, verheiratet, haben eine Familie und sind gut integriert." Natürlich sei aber jeder Einzelfall anders. Exhibitionistische Handlungen machen 20 Prozent der Sexualstraftaten aus, sagt Ormanns: "Und die Rückfallquote liegt bei 25 bis 50 Prozent." Das sei verglichen mit anderen Straftaten im mittleren bis oberen Bereich.

Dr. Norbert Ormanns leitet die Forensische Psychiatrie in Kaufbeuren.
Dr. Norbert Ormanns leitet die Forensische Psychiatrie in Kaufbeuren.
Bild: Saskia Pavek

 

Wie gefährlich sind Exhibitionisten?

Doch wie gefährlich sind Exhibitionisten? "Häufig geht von ihnen keine weitere Gefahr aus", sagt Ormanns und ergänzt: "In der graduellen Abstufung ist Exhibitionismus noch eine der harmloseren Taten - ohne, dass ich das herunterspielen möchte." Einen weiteren Übergriff und sogenannte "Hands-On"-Delikte könne man aber nie ausschließen.

Oft sind Exhibitionisten über längere Phasen aktiv - "das entwickelt sich ja auch über Jahre", betont Ormanns. Gerade in Stresssituationen - sei es durch den Beruf oder die Beziehung - könne der Zwang zu exhibitionistischen Handlungen ausbrechen. "Das ist für diese Männer dann sozusagen eine Art Entlastung", erklärt der Psychiater.

Exhibitionisten handeln oft so, wenn sie unter Stress stehen

Laut Ormanns ist es für manche Exhibitionisten ein Zwang, sich öffentlich zu zeigen. "Sie leiden auch darunter, denn sie können mit Stress nicht anderes umgehen." Viele Exhibitionisten können sich - so erklärt es Ormanns - keine andere Form der sexuellen Befriedigung vorstellen.

Dass verheiratete Männer zu Exhibitionisten werden, muss nicht an einer schlechten Ehe liegen, betont Ormanns. "Der Auslöser liegt meist länger zurück." Stress in der Ehe oder Beziehung könne aber - wie jede andere Form von Stress - ein "Trigger" sein.

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Wie behandelt man einen Exhibitionisten? "In Einzelgesprächen kann man die Empathie für das Opfer und die Verantwortungsübernahmen fördern", erklärt der Psychiater. Aber auch Gruppentherapie kann sinnvoll sein, denn: "Oft können diese Menschen nicht gut kommunizieren, sind eher zurückhaltend." Laut Ormanns sollen sie Männer in der Gruppe dann lernen, zu kommunizieren. "Das Ziel ist es, Rückfälle zu vermeiden." Ormanns erklärt auch, dass die Männer "Fachleute ihrer eigenen Störung" werden: "Das heißt, dass sie lernen müssen: Wann wird der Drang gefährlich? Was kann ich tun, damit ich nicht auffällig werde?"

Ormanns zufolge gibt es einige Patienten, die diese Form der Sexualität als normal ansehen. "Die meisten Exhibitionisten leiden aber darunter, weil sie diesem Zwang oft nicht widerstehen können."