Private  Schulden

Überschuldung: Jeder 14. Allgäuer ist pleite

Jeder 14. Allgäuer kann seine Schulden nicht mehr aus eigenen Mitteln begleichen.

Jeder 14. Allgäuer kann seine Schulden nicht mehr aus eigenen Mitteln begleichen.

Bild: Jens Büttner, dpa (Symbolbild)

Jeder 14. Allgäuer kann seine Schulden nicht mehr aus eigenen Mitteln begleichen.

Bild: Jens Büttner, dpa (Symbolbild)

In der Region können fast 40.000 Allgäuer ihre Rechnungen dauerhaft nicht bezahlen. Warum Fachleute von der "Ruhe vor dem Sturm" reden.
03.12.2020 | Stand: 06:00 Uhr

Dieses Ergebnis ist erstaunlich: In Deutschland hat die Überschuldung von Privatpersonen im Laufe des Corona-Jahres nicht zugenommen. Ganz im Gegenteil. Die Zahl der Menschen, die ihren finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können, hat sich innerhalb eines Jahres in der Bundesrepublik um 69.000 auf 6,85 Millionen verringert. Das entspricht einer Überschuldungsquote – also dem Anteil überschuldeter Personen im Verhältnis zu allen Erwachsenen – von 9,87 Prozent.

Weniger Leute im Allgäu sind überschuldet

Diese Entwicklung ist auch im Allgäu zu beobachten. In der Region sank die Quote von über sieben auf 6,83 Prozent. Waren vor Jahresfrist noch gut 40.000 Allgäuer finanziell sehr klamm, so sind es bei der aktuellen Statistik 38 500. Anders ausgedrückt: Jeder 14. Einwohner im Allgäu über 18 Jahren ist mehr oder weniger pleite.

Die Zahlen erhoben hat wie jedes Jahr das Wirtschaftsauskünfte- und Inkasso-Unternehmen Creditreform. Die Experten liefern dazu auch eine Erklärung, warum trotz der Pandemie die Überschuldung nicht gestiegen ist. „Durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise haben die Verbraucher in Deutschland zwar weniger Geld zur Verfügung“, sagt Stephan Vila von Creditreform. Die staatlichen Hilfsmaßnahmen hätten aber die schlimmsten sozialen Auswirkungen abgemildert. Auch hätten viele Menschen wieder mehr gespart als früher und wegen Corona den Konsum eingeschränkt.

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Die Corona-Krise spielt nur zur Hälfte in die Statistik mit rein

Ein weiterer Grund, warum die Zahlen nach unten gingen, ist der Erhebungszeitraum, der die Spanne vom 1. Oktober 2019 bis 30. September 2020 abdeckt. Das heißt, die erste Hälfte der Untersuchung betrifft die Hochkonjunkturphase vom Herbst 2019 bis zum Frühjahr 2020. Erst danach setzten die Auswirkungen von Corona ein.

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Bei der Schuldnerberatung Ostallgäu sorgt man sich: Es trifft die, die ohnehin am Limit sind

Vor allem die Langzeitfolgen der Pandemie bereiten den Fachleuten Sorge. Von der „Ruhe vor dem Sturm“ ist die Rede. So vermutet Christiane Norff, Leiterin der Schuldnerberatung der Diakonie im Bereich Kempten und Lindau, dass eine Welle neuer Pleiten erst im nächsten Jahr kommt. Heuer habe es eher weniger Zulauf bei der Schuldnerberatung gegeben. Was nicht verwundert, denn wegen der Corona-Beschränkungen konnte die Präventionsarbeit in Schulen oder Familienzentren nicht stattfinden.

Auch fielen die offenen Sprechstunden aus. Mandy Meier von der Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas für Kempten und das Oberallgäu hat in den vergangenen Jahren im Schnitt 450 Menschen mit finanziellen Sorgen beraten. Heuer sind es bisher 410 – bis zum Jahresende werde man wohl wieder um die 450 zählen. Auch Meier ist sich sicher, dass der Ansturm erst kommendes Jahr eintreten werde. (Das könnte Sie auch interessieren: Haushalt 2021 steht: Deutschland macht fast 180 Milliarden neu)

Hauptursache für Überschuldung ist Arbeitslosigkeit

„Als Hauptursache für die Überschuldung gilt nach wie vor die Arbeitslosigkeit, welche in Bayern traditionell geringer ist als im Bundesdurchschnitt, und im Allgäu nochmals geringer“, sagt Alexandra Winterstein, Geschäftsführende Gesellschafterin der Creditreform Kempten/Allgäu Winterstein KG. Im Allgäu ist ein Land-Stadt-Gefälle zu erkennen. In ländlichen Bereichen wohnen viele Menschen in den eigenen vier Wänden. Dort haben die meisten Leute einen Job, weshalb die Überschuldung gering ausfällt.

In den Städten ist die Quote schlechter, weil ein hoher Anteil von Menschen in Miete bei oft niedrigem Einkommen lebt. Auch die Zahl der Arbeitslosen ist höher als auf dem Land. So liegt die Überschuldungsquote im Unterallgäu und im Ostallgäu bei 5,7 Prozent, im Oberallgäu bei 6,0 Prozent. Dagegen verzeichnet Kempten eine Quote von 9,2, Memmingen von 9,5 und Kaufbeuren von 9,9 Prozent. Die Stadt und der Landkreis Lindau liegen mit 7,2 Prozent dazwischen. (Lesen Sie auch: Noch geht es Kempten gut - was kommt nach den goldenen Jahren?)