Wallenstein Memmingen 2022

Wallenstein-Nähmädle ackern - auch wegen vieler "Corona-Pfunde"

Renate Nägele (rechts) und ihr ältestes „Nähmädle“ Anneliese Kohler (82) bei der ehrenamtlichen Arbeit in der Wallenstein-Nähstube.

Renate Nägele (rechts) und ihr ältestes „Nähmädle“ Anneliese Kohler (82) bei der ehrenamtlichen Arbeit in der Wallenstein-Nähstube.

Bild: Ralf Lienert

Renate Nägele (rechts) und ihr ältestes „Nähmädle“ Anneliese Kohler (82) bei der ehrenamtlichen Arbeit in der Wallenstein-Nähstube.

Bild: Ralf Lienert

Bei der Wallenstein-Woche in Memmingen schlüpfen etwa 4000 Mitwirkende in Kostüme aus der Zeit um 1630 – viel Aufwand für die ehrenamtlichen „Nähmädle“.
12.05.2022 | Stand: 20:43 Uhr

Noch trägt eine Schneiderpuppe das fast fertige, edle rosa Kleid, mit dem eine Adlige in der historischen Wallensteinwoche in Memmingen Staat machen will. Schneidermeisterin Renate Nägele legt letzte Hand daran, heftet Goldborten und Perlen fest. Hinter ihr rattern 17 Nähmaschinen, dampfen Bügeleisen und warten Waschkörbe voller naturfarbenem Baumwollstoff darauf, zu Hemden oder Unterröcken verarbeitet zu werden. Was aussieht wie ein Profi-Betrieb, ist die ehrenamtliche Nähstube für die Wallensteinwoche in Memmingen. Und dort ist noch einiges zu tun, damit gut 4000 Männer, Frauen und Kinder vom 24. bis 31. Juli historisch getreu nachspielen können, wie im Jahr 1630 der böhmische Feldherr Wallenstein sein Quartier in der Stadt aufgeschlagen hat.

Seit 1980 verwandelt eines der größten Historienspiele Europas Memmingens Altstadt im Vier-Jahres-Rhythmus in ein Wallensteinlager (Programm siehe unten) – diesmal mit zwei Jahren Corona-Verzögerung. Deswegen lag auch in der Nähstube lange Zeit alles brach. Zwar hängen bereits etwa 5000 fertig genähte Kostüme im Fundus des Fischertagsvereins, der die historische Woche veranstaltet. Doch die wollen trotzdem geflickt, geändert oder auch mal ersetzt werden, wenn der Stoff nach 20 Jahren zerschlissen ist. Jeder und jede Mitwirkende hat ein eigenes, personalisiertes Kostüm mit einer Stammkarte, auf der alle Teile vermerkt sind, die dazu gehören – zum Beispiel „Rock, Unterrock, Mieder, zwei Blusen, Haube“.

Corona-Pfunde machen Änderungen an Kostümen nötig

Aufbewahrt wird es im Fundus. Wenn jemand aufhört, bekommt ein Nachrücker oder eine Nachrückerin die Kleidung. Dann wird sie entsprechend auf den Leib geschneidert. Bei unzähligen anderen Kostümen müssen nach vier (heuer sechs) Jahren Wallenstein-Pause Nähte herausgelassen oder Stoff eingesetzt werden. „Heuer bei besonders vielen wegen der Corona-Pfunde“, sagt Nägele und schmunzelt. Neu zu nähen hatten ihre 35 „Nähmädle“, wie ihre Helferinnen im Verein heißen, diesmal einige Kinderkostüme, hat sich das Wallensteinlager doch immer mehr zum Familienfest entwickelt. Auch zwei „Nähbuben“ gehören inzwischen zum Team, das übers Jahr einmal in der Woche mit Nadel und Faden hantiert – seit dieser Woche ist die Nähstube bis Juli sogar an zwei Tagen in Betrieb.

„Die Nähmädle gehören zu unseren wichtigsten Prunkstücken“, betont deswegen Michael Ruppert, der Vorsitzende des Fischertagsvereins. „Weil sie unsere gesamte Ausstattung herstellen und in Schuss halten.“ Er weiß, dass sie heuer einen besonders fordernden Endspurt vor sich haben, da wegen Corona zwei Jahre lang vieles liegen bleiben musste. Das bereitet auch Renate Nägele manche schlaflose Nacht. Sie ist seit 1998 der Kopf der Mannschaft, kräftig unterstützt von Susanne Pfalzer.

Geliehene Kostüme verschlangen fünfstellige Summen

Nägele macht Dienstpläne, bereitet die Arbeiten vor und leitet Neulinge an. Heuer ist auch eine aus der Ukraine geflüchtete Schneiderin dabei, die bei einer Familie in Memmingen untergekommen ist. Ihr gebe man natürlich keine Uniformen in die Hand, betont Nägele. Aber an Handwerkerkostümen arbeite sie gerade mit großer Freude – und ist dankbar für die Abwechslung, die sie in der Nähstube findet.

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Daheim in ihrer Schneiderei in Schwaighausen (Landkreis Unterallgäu) stöbert Nägele viel in Bildbänden nach historischen Vorlagen, aus denen sie möglichst originalgetreue Schnittmuster herstellt. Denn seit ein paar Jahren stattet sie Hofstaat und Kaufleute mit neuen Gewändern aus. Bis etwa 2008 habe man die bei Kostümverleihern besorgt. Das habe aber fünfstellige Summen verschlungen und die Kleider seien historisch oft fragwürdig gewesen. Deswegen werden sie nun selbst geschneidert – aus Stoffen, die sie bei einem Spezialanbieter in Bayern bestellt, der auch die Metropolitan Opera in New York beliefert. So wie der rosa Brokatstoff für das Kleid, in das Nägele mindestens 50 Stunden Arbeit investiert. Da ist ihr Credo ebenso wie bei der einfachen Hose aus grobem Wollstoff: „Alles muss perfekt sein.“

Die Wallenstein-Woche im Überblick:

  • Termin: 24. bis 31. Juli 2022
  • Anlass: Über 4000 Mitwirkende spielen historisch getreu die Ereignisse des Jahres 1630 nach, als Wallenstein während des Dreißigjährigen Krieges in Memmingen sein Quartier aufschlug.
  • Programm: Täglich Lagerleben (Grimmelschanze und Reichshain); Umzug Wallenstein mit zahlreichen historischen Gruppen (24. und 31. Juli, jeweils 13.30 Uhr); Lagerspiele (täglich 20.15 Uhr in der Grimmelschanze, 29. und 30. Juli auch 16 Uhr); Reiterspiele (täglich 20.15 Uhr im Reichshain, 29. und 30. Juli auch 16 Uhr); Theater auf dem Marktplatz (24., 26., 28., 29., 30. Juli, jeweils 20.15 Uhr; dargestellt werden Ereignisse vom Aufenthalt Wallensteins); Tanz auf dem Kopfstein (25. Juli, 20.15 Uhr).
  • Lage: Alle Veranstaltungen in der Altstadt können zu Fuß abgelaufen werden.
  • Karten: Eintritt in die Lager ist frei. Karten für alle Veranstaltungen gibt es bei der Allgäuer Zeitung, in der Tourist Information Memmingen und online.

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