Fluchtgeschichte

18-Jährige aus Lindenberg schreibt Roman über verlorene Heimat Syrien

Ein Rabe spielt in Slafa Kafis Roman eine Rolle. Er findet sich auch auf dem Buchcover.

Ein Rabe spielt in Slafa Kafis Roman eine Rolle. Er findet sich auch auf dem Buchcover.

Bild: Ingrid Grohe

Ein Rabe spielt in Slafa Kafis Roman eine Rolle. Er findet sich auch auf dem Buchcover.

Bild: Ingrid Grohe

Slafa Kafi aus Lindenberg hat ihr zweites Buch geschrieben. Es erzählt zunächst vom Alltag eines Mädchen in Damaskus. Doch allmählich kündigt sich die Katastrophe an.

10.08.2020 | Stand: 06:00 Uhr

Slafa Kafi erzählt von ihrer Welt. Von ihrer Heimat, die es so nicht mehr gibt, von einer unbeschwerten Kindheit, die durch Bomben und Schüsse ins Wanken gerät. Von einem Jungen und einem Mädchen, die beste Freunde – fast wie Geschwister – sind und sich mit jedem Tag und jedem Schuljahr gemeinsam über all das freuen, was das Älterwerden mit sich bringt. Dass ihr scheinbar stabiles Umfeld zu bröckeln beginnt, nehmen die Kinder erst gar nicht wahr. Und als die Katastrophe geschieht, ist Kind-Sein nicht mehr möglich. „Leiser Schrei“ lautet der Titel des zweiten Buchs von Slafa Kafi aus Lindenberg.

Familie ist gut im Westallgäu integriert

18 Jahre alt ist die Autorin. Sie stammt aus dem kurdischen Gebiet im Nordosten Syriens. Nach der Flucht aus dem Bürgerkriegsland erreichte ihre Familie Ende 2012 Deutschland. Die Kafis haben eine bewundernswerte Integrationsleistung hingelegt: Slafa und ihr jüngerer Bruder Zana (15 Jahre) besuchen das Gymnasium, ihre Mutter Shierin hat sich an der NTA in Isny zur Pharmazeutisch Technischen Assistentin ausbilden lassen und arbeitet in einer Apotheke, der Vater Faez arbeitet als Dolmetscher und ist Mitglied im Integrationsbeirat. Kürzlich hat Landrat Elmar Stegmann die Familie im Rahmen eines kleinen Festakts eingebürgert. Die Kafis sind jetzt Syrer und Deutsche.

Slafa Kafis erstes Buch „Zwei Sekunden“, das sie vor gut zwei Jahren herausgebracht hat, erzählt eine Fluchtgeschichte. Der neue Roman „Leiser Schrei“ liest sich zunächst wie ein Tagebuch. Die Protagonistin Yasmin beschreibt darin ihren Alltag in Damaskus: Schulerlebnisse, Besuche bei den Großeltern auf dem Land, Feste mit Freunden, Familienausflüge und Shoppingtouren mit der Mutter. Yasmin ist eine glückliche Siebenjährige: neugierig und wissbegierig, geborgen bei liebevollen, aufgeschlossenen Eltern und einer intakten Nachbarschaft.

Erst Tagebuch, dann Fluchtgeschichte 

Die junge Autorin schreibt in der Ich-Form. Detailgenau schildert sie Yasmins Erlebnisse und Schauplätze in Damaskus; dabei scheint sie im Hinterkopf zu haben, dass den Leserinnen und Lesern diese Welt nicht vertraut ist und spricht sie in jugendlicher Verbindlichkeit auch mal persönlich an. So gerät Slafa Kafis Buch zu einem farbigen Portät der syrischen Hauptstadt – und der Menschen, die dort lebten. Man könnte neugierig werden beim Lesen und den Plan fassen, nach Damaskus zu reisen. Doch vor dem Hintergrund, dass in Syrien seit 2011 Bürgerkrieg herrscht, in dem herrliche Orte zerstört und hundertausende Menschen getötet wurden, prägt Wehmut ganz subtil auch den ersten, scheinbar unbeschwerten Teil des Romans. Bei aller Banalität des skizzierten Alltags schwingt Bedrohung immer mit.

Wie ein Kind die Bomben in Damakskus erlebt

Und dann auf einmal Schüsse, Bomben. Sie schlagen noch viel brutaler ein, weil ein Kind von ihnen erzählt. Ein Mädchen, das sich die Vernichtung seiner heilen Welt niemals hätte vorstellen können. Geliebte Menschen zu verlieren, die wachsende Ratlosigkeit der Eltern zu spüren, ihre schwere Entscheidung zur Flucht nicht zu verstehen, aber mittragen zu müssen: Die Perspektive des jungen Menschen macht diesen Teil der Geschichte besonders schmerzhaft. Slafa Kafi benötigt keine emotionalen Beschreibungen, keine Dramatik, um der Furcht und dem Entsetzen ihrer Romanfiguren Raum zu geben.

Gegen Ende liest sich die Geschichte nicht mehr wie ein Tagebuch. Eher wie die fast nüchterne Beschreibung grausamer Erlebnisse durch jemand, der vor Entsetzen neben sich steht. Und auf der letzten Seite ihres Buchs drückt Slafa Kafi in Gedichtform die abgrundtiefe Verzweiflung eines Mädchens aus, dem der Boden unter den Füßen wegbricht ist. Ein Auszug:

„Eine Frage nach der anderen
zerstört uns mehr.
Was als Nächstes?
Wohin geht’s nun?
Keine Antworten.
Wir laufen ins Nichts,
traurig, verzweifelt,
ahnungslos“

„Leiser Schrei“ ist im Verlag Tredition erschienen; für zwölf Euro, erhältlich bei Buch Netzer in Lindenberg und im Online-Handel.