Vielfalt drastisch geschrumpft

In diesem Garten wachsen lauter Raritäten: Forscher züchten bedrohte Obstsorten in Schlachters

Martin Lein pflegt junge Bäumchen seltener Obstbaumsorten.

Martin Lein pflegt junge Bäumchen seltener Obstbaumsorten.

Bild: Matthias Becker

Martin Lein pflegt junge Bäumchen seltener Obstbaumsorten.

Bild: Matthias Becker

An der Außenstelle im Westallgäu baut die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf bedrohte Obstsorten an. Ihr altes Erbgut könnte in Zukunft wichtig sein.
08.07.2021 | Stand: 11:30 Uhr

Sie heißen „Eitel Fritz“, „Früher Isnyer“ oder „Schöner aus Wiltshire“; daheim waren sie vor langer Zeit in Preußen, im Allgäu oder England. Jetzt stehen sie dicht an dicht, in 18 langen Reihen. Holzlatten stützen die 1.600 Bäumchen, die auf 0,4 Hektar den „Erhaltungsgarten“ der Versuchsstation für Obstbau bilden. Die Außenstelle der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf hütet im Westallgäuer Schlachters einen reichen Bestand von Raritäten: 300 alte Baumsorten, aufgestöbert in ganz Schwaben. Teile des Geländes sind jetzt während der Gartenschau in Lindau zugänglich.

Seit über 500 Jahren betreiben die Menschen Obstbau. Im 19. Jahrhundert stieg das allgemeine Interesse an der Obstbaukunde (Pomologie). Züchter stellten neue Sorten vor und beschrieben sie in Zeitschriften und Büchern. Viel vom damaligen Reichtum ist verloren gegangen: 1.400 Kernobstsorten zählte man um 1820, heute sind es 300.

Verändertes Konsumverhalten der Menschen

Diese Entwicklung hat mit dem veränderten Wirtschafts- und Konsumverhalten der Menschen zu tun, sagt Martin Lein. Er muss es wissen: Der 41-jährige Gartenbauingenieur hat seine Diplomarbeit über Obstsorten geschrieben und ist in Schlachters für den Sortengarten verantwortlich. „Es ging immer um Verwertung“, erklärt er. „Früher war Most Zahlungsmittel, und Dörrobst diente den Menschen in mageren Zeiten als süßer Klecks auf ihrem Getreidebrei.“ Mit dem Wohlstand kamen nach dem Krieg neue Essgewohnheiten. „Stichwort Toast Hawaii“, sagt Martin Lein lachend. Seither sind Äpfel und Birnen vor allem als Tafelobst gefragt. (Lesen Sie auch: Was mit dem Naturschutzprojekt "Arche Noah" erreicht werden soll)

Auf der Versuchsstation in Schlachters im Westallgäu werden alte Obstsorten angebaut, um deren Erbgut zu erhalten. Auf Tafeln stehen die Namen der teils fast vergessenen Sorten.
Auf der Versuchsstation in Schlachters im Westallgäu werden alte Obstsorten angebaut, um deren Erbgut zu erhalten. Auf Tafeln stehen die Namen der teils fast vergessenen Sorten.
Bild: Matthias Becker

Weniger Streuobstwiesen, weniger Wissen

„Die Streuobstwiesen werden weniger – damit geht Wissen verloren“, stellt Lein fest. Um dem entgegenzuwirken, suchen Pomologen der Hochschule Weihenstephan seit 2009 nach seltenen Obstbäumen, die in den Listen der Baumschulen nicht genannt sind. Manchmal finden sie in einem Streuobstgarten mehrere Exemplare einer raren Sorte, manchmal ist es ein einzelner Baum. Längst nicht alle entdeckten Sorten können die Fachleute bestimmen, aber sie notieren Beobachtungen und das vorhandene Wissen: Fundort, Bodenbeschaffenheit, klimatische Bedingungen. Baumbesitzer schildern, ob sich die Frucht zum Lagern, Mosten oder Brennen am besten eignet.

Bis 2013 wurden so im Allgäu 150 im Bestand bedrohte Obstbaumsorten erfasst und in Schlachters angepflanzt. Dank neuer EU-Zuschüsse weitete die Versuchsstation ihre Forschung auf Nordschwaben aus und legte in Schlachters einen weiteren Sortengarten für ganz Schwaben an. Das Projekt dient nicht allein dem Erhalt wertvollen Erbguts, sondern auch der sogenannten „Sichtung“, also der Untersuchung sämtlicher Charakteristika. Das fängt an bei Wuchseigenschaften und Blütezeit, geht über bevorzugte Standorte und Anfälligkeit für Schädlinge und reicht bis hin zu Fruchtgröße, Geschmack, Lagerfähigkeit und möglicher Nutzung. (Lesen Sie auch: Selbst anbauen, selbst ernten: So funktioniert Solidarische Landwirtschaft)

Feuerbrand-Bakterium zeigte auf, wie wichtig Sortenvielfalt ist

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Wie wichtig die Vielfalt und das Bewahren alter Sorten ist, wurde Obstbauern vor knapp 15 Jahren schmerzhaft bewusst, als das Feuerbrand-Bakterium Plantagen befiel und viele Bäume vernichtete. „Wir können feuerbrandrobuste Birnen- und Apfelsorten empfehlen“, sagt Gartenbauingenieur Martin Lein. Auch angesichts der rasanten Klimaveränderungen könnten bestimmte Sorteneigenschaften bald gefragt sein.

Die wiederentdeckten Sorten im Obstbau unter die Leute zu bringen, kann die Versuchsstation nicht leisten. Sie sammelt, erhält, forscht – und gibt vor allem Wissen weiter. Seit vier Jahren vermehrt und verbreitet der schwäbische Bezirksverband für Gartenbau ausgewählte Apfel- und Birnensorten aus dem Bestand, einzelne tauchen im Sortiment von Baumschulen auf. Für manche der kleinen Bäumchen wird sich indes laut Martin Lein niemand groß interessieren. „Einiges ist zu Recht in Vergessenheit geraten. Weil das Obst schnell fault, nicht lagerfähig ist – oder der Anbau einfach nicht funktioniert.“

Die Versuchsstation in Schlachters in Zahlen

  • 1910 eröffnete in Sigmarszell-Schlachters die Königlich-Bayerische Obst- und Weinbauschule.
  • Die frühere Obstbauschule Schlachters ist im Eigentum des Landkreises Lindau, dieser verpachtet sie an die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf.
  • Die Versuchsstation bewirtschaftet insgesamt 8,5 Hektar, davon 2,75 Hektar in biologischem Anbau.
  • Neu auf dem Gelände ist ein Lehrgebäude. Hier finden Veranstaltungen im Rahmen der Lindauer Gartenschau und Schulungen statt.
  • An der Finanzierung der Forschung sowie der Sorten- und Sichtungsgärten beteiligen sich auch der Landkreis, ein Förderverein und der Bezirk Schwaben.

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