Lindenberg

Internationales Flair in Lindenberg

Humboldt-Institut

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Bild: Anja Worschech

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Die Köpfe der Jugendlichen rauchen bei Begriffen wie Zellplasma, Mitochondrien und Vakuole. Auf dem Stundenplan der fünf Sprachschüler des Humboldt-Instituts in Lindenberg steht Biologie – vor ihnen liegen Arbeitsblätter mit dem Aufbau einer Zelle. Die Jugendlichen aus Vietnam und China bereiten sich gerade mit Klassenlehrerin Sara Jasmin Tahmasebi-Dezfouli auf ihren Schulbesuch an einer deutschen Schule vor. Dafür müssen sie viele Termini in verschiedenen Fächern lernen, denn bei Prüfungen werden sie wie Muttersprachler bewertet.

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Von Anja Worschech
16.08.2019 | Stand: 15:47 Uhr

Die Motivation der Schüler ist hoch. Viele von ihnen wollen später an einer deutschen Universität studieren – so auch Jinyu Zhao aus Peking. Zwar liegen Peking und Shanghai bei der Pisa-Studie regelmäßig ganz vorne. Aber das asiatische Bildungssystem hat seine Schattenseiten. Mit Drill und Druck lernen die Jugendlichen dort oft bis zu zwölf Stunden am Tag. Die Selbstmordrate sei in diesen Ländern hoch, sagt Marketingleiter Tobias Langenstein. Hinzu kommt: Es brauche eine Geburtsurkunde, die beweist, dass auch die Eltern in Peking geboren worden seien, sagt Zhao. Sonst bleibe den Jugendlichen das Bildungssystem in Peking verwehrt, erzählt der 17-Jährige. Thu Phan aus Vietnam ist auch schon seit mehreren Monaten in Deutschland. Ihre Mutter habe sie hergeschickt, sagt die 15-Jährige. „Meine Mutter mag Europa und die Ausbildung in Deutschland ist gut.“ Auch sie will einmal hier studieren.

Das gute Bildungssystem ist für viele Schüler der Grund Nummer eins, warum sie nach Deutschland kommen. Häufig wollen sie auch einfach ihre Sprachkenntnisse verbessern, da sie in ihrer Heimatschule ebenfalls Deutschunterricht haben. Andere wiederum haben einen deutschen Elternteil oder die Familien bereiten sich auf einen längeren Deutschland-Aufenthalt vor. Viele der Sprachkursteilnehmer stammen aus der gehobeneren Gesellschaftsschicht. Zurzeit sind 33 Nationen unter dem Dach des Instituts in Lindenberg vereint – am häufigsten kommen die Jugendlichen aus Russland, der Ukraine und der Schweiz.

Auf dem Anwesen in der Ellgasser Straße in Lindenberg lernen in den Sommermonaten bis zu 200 Jugendliche die deutsche Sprache. Auf dem Campus sind sie in Doppelzimmern mit eigenem Bad untergebracht und haben ein organisiertes Freizeitprogramm mit 24-Stunden-Betreuung. Darauf legten manche Eltern sehr viel Wert, sagt Langenstein. Ausflüge gibt es immer mittwochs und samstags. Diese Woche standen beispielsweise der Skywalk und der Reptilienzoo in Scheidegg auf dem Programm. Klare Strukturen seien sehr wichtig, weil für die Schüler alles fremd sei, sagt Langenstein. In den Aufenthaltsräumen des Internats spielen die Schüler Kicker und Billard, auf dem weitläufigen zehn Hektar großen Gelände gibt es sogar eine Minigolfanlage. Die stamme noch aus früheren Zeiten, sagt Langenstein. Früher war das Gebäude ein Waisenhort für Kinder von verunfallten Eisenbahnern. Für den Ausgleich in der Freizeit ist also gesorgt.

Das Humboldt-Institut arbeitet eng mit dem Lindenberger Gymnasium zusammen. In diesem Sommer haben sechs Humboldt-Schüler dort das Abitur abgelegt. Im nächsten Jahr starten insgesamt 46 Schüler ihre Schullaufbahn am Lindenberger Gymnasium.

Ein kleiner Kulturschock ist das Landleben für manche Schüler aber schon. So habe einmal ein Jugendlicher gewechselt, weil er die Landluft als unerträglich empfand, erinnert sich Institutsleiterin Anika Schadtle schmunzelnd. Auch Berge, Kühe und Schnee seien für die meisten Schüler neu und daher ein echtes Erlebnis, sagt Langenstein. Eine der größten Herausforderungen sei es aber, den Allgäuer Dialekt zu verstehen, nachdem sie im Unterricht Hochdeutsch gelernt haben, weiß die Institutsleiterin.

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Aber das Allgäu hat auch seine Vorteile. „Die Landschaft“, schwärmt die 18-jährige Jiyoon Lee aus Südkorea. „Und die Leute in Lindenberg sind sympathisch“, sagt ihre beste Freundin Isabela Leite aus Brasilien. Der Vorteil im Gegensatz zu einer Großstadt sei, dass hier keiner der Einheimischen einfach Englisch mit ihnen spreche, sagt die Brasilianerin. So lerne man viel schneller die Sprache. Leite möchte Medizin in Deutschland studieren. Was das Humboldt-Institut in Lindenberg so besonders macht, da müssen die beiden nicht lange überlegen. „Wir haben hier Freunde aus der ganzen Welt gefunden.“