"Klardenken"-Kundgebung

Kommentar: Das hat mit klarem Denken nichts zu tun

"Klardenken" hatte zu einer Kundgebung in Lindenberg gerufen.

Mittwoch, 11. November: Zur Kundgebung der Gruppierung „Klardenken“ in Lindenberg finden sich etwa 70 Frauen und Männer auf dem Stadtplatz zusammen. Sie sehen durch Pandemie-Verordnungen Freiheit, Gesundheit und Demokratie in Gefahr.

Bild: Benjamin Schwärzler

Mittwoch, 11. November: Zur Kundgebung der Gruppierung „Klardenken“ in Lindenberg finden sich etwa 70 Frauen und Männer auf dem Stadtplatz zusammen. Sie sehen durch Pandemie-Verordnungen Freiheit, Gesundheit und Demokratie in Gefahr.

Bild: Benjamin Schwärzler

"Klardenken" lautete das Motto einer Kundgebung in Lindenberg. Doch vieles war von klarem Denken und sachlicher Auseinandersetzung mit Corona weit entfernt.
14.11.2020 | Stand: 22:48 Uhr

Das hört sich gut an – „Klardenken“: informiert, sachlich, eigenständig. Die Rednerinnen und Redner der Kundgebung unter dem Motto „Klardenken“ auf dem Lindenberger Stadtplatz sind überzeugt, eben dies zu sein. Und doch war vieles, was sie am verlautbarten, von klarem Denken weit entfernt.

Manche Behauptung ist schlicht falsch: Dass ein Lockdown in der Pandemie nichts bringe, will eine Rednerin mit dem Vergleich von Infektionszahlen aus Südamerika belegen. Nach ihren Berechnungen unterscheiden diese sich in zwei benachbarten Staaten kaum, obwohl der eine das gesellschaftliche Leben runtergefahren habe, der andere nicht. Unerwähnt ließ sie dagegen die messbaren Effekte der Lockdowns in vielen anderen Staaten, wo Infektionszahlen deutlich zurückgingen, etwa Israel, Italien, Tschechien und auch Deutschland.

Die Überzeugung, "Maistream-Medien" seien gesteuert, ist unter Querdenkern weit verbreitet

Unwahr ist auch, dass die etablierten Medien die Sterblichkeitsrate von Corona unterschlügen oder dass die täglich in Tageszeitungen veröffentlichten Corona-Daten nur dazu dienten, Panik zu schüren, wie ein Redner aus Lindau unterstellt. Wenn dort über Wochen von acht Verstorbenen im Landkreis die Rede sei, suggeriere dies, jeden Tag würden acht Menschen an dem Virus sterben, sagt er.

Was für ein Unfug! Tatsächlich geht es um die Gesamtzahl der Verstorbenen – was sich im Kontext der Berichterstattung leicht erschließt. Die Überzeugung, die „Mainstream-Medien“ seien gesteuert und verbreiteten grundsätzlich Falschnachrichten, scheint unter „Quer- und Klardenkern“ weit verbreitet.

Dabei greift auch unsere Redaktion die durchaus berechtigten Sorgen, die bei der Kundgebung hör- und spürbar waren, immer wieder auf. Und sie stellt die Fragen, die sich daraus ergeben: ob geltende Infektionsschutz-Maßnahmen die richtigen und verhältnismäßig sind, oder warum die Parlamente in die Pandemie-Bekämpfung kaum eingebunden sind. Unser Blatt bietet Raum zum Diskurs, die Berichterstattung greift unterschiedliche Antworten auf – abschließend sind sie nicht, weil wir ein genaues Bild von einem Phänomen oder einer Entwicklung meist erst im Rückblick gewinnen.

Organisationen und Funktionäre gehören kritisch durchleuchtet - das werden sie auch

Und dann stellt sich einer auf die Bühne am Stadtplatz und teilt seinen scheinbaren Durchblick mit den Anwesenden: Am Drücker sitze eine „globale Elite“ von Reichen; die Weltgesundheitsorganisation WHO sei ihr Erfüllungsgehilfe und liefere mit der Pandemie das Werkzeug, um alle Menschen zu manipulieren. Man möchte den Versammelten zurufen: Ja, das Finanzsystem muss hinterfragt werden! Ja, mächtige Organisationen und ihre Funktionäre gehören kritisch durchleuchtet! Und: Das tun auch viele Menschen beharrlich und profund – Politologen, Juristen, Soziologen, Philosophen, Theologen, Journalisten und weitere Männer und Frauen, die Verantwortung in der Gesellschaft tragen.

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Viele von ihnen sind Querdenker – im eigentlichen Wortsinn. Kritisch hinterfragen sie etablierte Sichtweisen. Dass sie klar denken, stellen sie ständig unter Beweis: in Veröffentlichungen, Debatten, im öffentlich ausgetragenen Wettbewerb ihrer Theorien. Die Wahrheit muss mühsam errungen werden, denn sie ist kompliziert und lässt sich meist nicht so einfach fassen. Eindimensionale Erklärungsmuster mögen – gerade in unsicheren Zeiten – schnell verfangen. Mit klarem Denken haben sie nichts zu tun.

"Klardenken" müssen auch Entscheider in Politik und Behörden

Übrigens: Einen klaren Kopf brauchen neben Kritikern in diesen Tagen vor allem auch die Entscheider in Politik und Behörden. Sie müssen bei ihren Abwägungen weit mehr als das allgemeine Unbehagen im Blick haben, nämlich aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, Infektions- und Krankheitsverläufe, Intensivbettenzahlen, Belastbarkeit von Pflegepersonal und Bedürfnisse ganz unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen.

Sie sind ebenso wenig Feinde von Freiheit und Wahrheit wie all die Westallgäuerinnen und Westallgäuer, die Masken tragen und Hygieneregeln einhalten – weil sie sehen, wie ein Virus im Begriff ist, unser Gesundheitssystem zu überfordern.