Kempten

„Wirtschaftskreislauf wird abnehmen“

Bernhard Simon

Bernhard Simon

Bild: Fotos: Ralf Lienert, Dachser Group

Bernhard Simon

Bild: Fotos: Ralf Lienert, Dachser Group

Um Nudeln oder Toilettenpapier zu bekommen, müssen die Allgäuer in der Corona-Krise oft gleich in mehreren Supermärkten auf die Suche gehen. Der Grund dafür seien Hamsterkäufe, Probleme in der Lieferkette gebe es nicht, sagt Bernhard Simon, Vorstandsvorsitzender des internationalen Logistikunternehmens Dachser mit Sitz in Kempten: „In Deutschland gibt es derzeit keine allgemeinen Lieferverzögerungen und auch von einem Mangel an Lebensmitteln kann man nicht sprechen. Die Lager sind voll, die Logistik ist betriebsbereit und funktioniert“, sagt er. Er glaubt aber auch: „Der gesamte Wirtschaftskreislauf in Deutschland wird in den kommenden Wochen abnehmen.“ Simon rechnet damit, dass beispielsweise Transporte im Automobilbereich einbrechen werden. Zudem gehen der Logistik-Branche wegen des eingeschränkten Personenverkehrs an den Grenzen langsam die Fahrer aus.

24.03.2020 | Stand: 17:31 Uhr

Bei Dachser hat die Zahl der Lebensmittel-Transporte in den vergangenen Wochen erheblich zugenommen, sagt Simon. Die Produkte gingen meist in den Einzelhandel. Lieferungen an die Gastronomie seien nahezu zum Erliegen gekommen. Zu Beginn der Krise habe es eine hohe Nachfrage nach haltbaren Lebensmitteln wie Nudeln, Mehl und Zucker gegeben, mittlerweile seien aber auch frische Waren wieder mehr gefragt. Kapazitäten aus anderen Bereichen der Dachser-Gruppe würden für den Lebensmittel-Transport nicht abgezogen.

Die Situation an den Grenzen hat sich laut Simon entspannt. Der Warenverkehr sei von Grenzschließungen nicht betroffen, Staus gebe es nicht mehr. Ein Problem sei aber, dass Pendler oft nicht mehr über die Grenzen kämen. Davon betroffen seien vor allem Lkw-Fahrer aus den Nachbarländern, die für in Deutschland ansässige Unternehmen arbeiten. „Die Fahrer werden weniger“, sagt Simon. Dachser habe aber viele Möglichkeiten, über den Fuhrunternehmer-Markt auch Lücken zu schließen. Es werde zudem versucht, über eine eigene Gesellschaft zu helfen, die unter anderem Fahrer ausbildet. Kurzfristig und in größerem Umfang sei dies allerdings schwierig.

Einen Einbruch erwartet Simon in den kommenden Wochen zudem bei den Transporten von Industriegütern. Noch liefen diese „auf hohem Niveau“, das könnte sich aber ändern, wenn auch in Deutschland Produktionslinien ausfallen. Davon betroffen sei unter anderem die Automobilbranche. Diese habe ihre Aktivitäten schon während der Krise in China heruntergeschraubt. Zudem fehlten jetzt auch Komponenten aus Europa, die beispielsweise aus Italien kommen sollten. Und der Absatzmarkt in Deutschland sei eingebrochen.

„Fast eine Sonderkonjunktur“

Auch Produkte für Baumärkte seien mittlerweile betroffen. Nachdem China langsam wieder anfängt zu liefern, sei in dieser Branche „fast schon eine Sonderkonjunktur“ angelaufen. Gerade im Frühjahr machen sich viele Deutsche an Garten- oder Renovierungsarbeiten. Mittlerweile aber haben die Märkte in Deutschland geschlossen. „Der Versandhandel wird da nur einen Teil ausgleichen“, sagt Simon. Dieser werde auch in anderen Branchen eine Rolle spielen, beispielsweise im Einzelhandel. „Es wird interessant sein zu sehen, wie die Umsteuerung im Warenhandel läuft“, sagt der Dachser-Chef.

Sonderlösungen gibt es schon jetzt im Bereich der Luftfracht: Normalerweise werden in den Frachträumen von Passagierflugzeugen zahlreiche Waren transportiert. Derzeit aber ist der Passagier-Flugverkehr beispielsweise zwischen Deutschland und den USA oder China fast zum Erliegen gekommen. Stattdessen organisiert Dachser eigens Charter-Frachtflüge, sagt Bernhard Simon. Diese seien aber extrem teuer: „Nicht jedes Produkt ist dafür geeignet.“ Transportiert werden so nur Produkte, die dringend benötigt werden, beispielsweise medizinische Ausrüstung wie Atemschutzmasken.

Wie hart die Krise den Allgäuer Logistikdienstleister trifft, ist derzeit noch nicht absehbar, sagt Simon. Er rechnet mit einem vergleichsweise schwachen zweiten Quartal, auch Kurzarbeit sei nicht ausgeschlossen. Dachser betreibe ein großes Netzsystem in ganz Europa, durch das Kosten entstünden, auch wenn Lieferungen ausbleiben. Grundsätzlich stellt er aber klar: „Wir sind systemrelevant. Solange die Menschen konsumieren und arbeiten, wird es auch die Logistik geben.“ Er ist zuversichtlich, dass das Unternehmen stabil durch die Krise kommt.