Pandemie

Vor zwei Jahren kam Corona ins Allgäu

Dr. Bernd Hartmann ist Chefarzt der Intensivstationen an den Kliniken Füssen und Kaufbeuren.

Dr. Bernd Hartmann ist Chefarzt der Intensivstationen an den Kliniken Füssen und Kaufbeuren.

Bild: Benedikt Siegert

Dr. Bernd Hartmann ist Chefarzt der Intensivstationen an den Kliniken Füssen und Kaufbeuren.

Bild: Benedikt Siegert

Chefarzt Bernd Hartmann erinnert sich an ersten Covid-Toten im Füssener Klinikum. Warum der Mediziner das Tragen von Masken auch weiterhin für wichtig hält.
27.02.2022 | Stand: 18:09 Uhr

Sein erster Corona-Toter bleibt Dr. Bernd Hartmann tief im Gedächtnis verankert: „Das war ein 65-jähriger Mann, der zu uns ins Krankenhaus Füssen gebracht wurde“, sagt der Chefarzt der Intensiv-, Anästhesie- und Palliativstationen an den Kliniken in Füssen und Kaufbeuren. Im März 2020 starb der Mann. Vor zwei Jahren breitete sich das Corona-Virus auch im Allgäu aus. Am Abend des 29. Februar 2020, einem Samstag, stand fest: In der Region gibt es den ersten nachgewiesenen Corona-Fall.

Es handelte sich um einen 39-jährigen Füssener, der bei Deckel Maho in Pfronten arbeitete. Er hatte sich wohl in Italien angesteckt. Die Geschäftsführung entschied, das Werk in Pfronten für einige Tage zu schließen – aus „Fürsorge für die Arbeitnehmer“. Am selben Tag tagte im Ostallgäuer Landratsamt ein Krisenstab. Beschlossen wurde, dass alle Personen mit engem Kontakt zum Infizierten getestet werden. Weitergehende Schritte sollte es im Ostallgäu vorerst nicht geben.

Corona: Am Anfang war Lage noch entspannt

Die folgenden zwei Wochen verliefen in der Region anfangs noch recht entspannt. Viele Winterurlauber hielten sich im Allgäu auf, die Kommunalwahl fand statt. Doch schon ab dem 9.März häuften sich die schlechten Nachrichten: Von neuen Infektionen, Besuchsverboten in Kliniken sowie von Massentests war nun die Rede. Am 15. März machten erste Hotels und alle Bergbahnen dicht, Urlauber mussten abreisen. Drei Tage später schlossen die meisten Geschäfte. Schulen, Kitas und Kindergärten blieben zu. Ab dem 21. März galten Ausgangsbeschränkungen.

„Ich habe erst noch gedacht: China ist weit weg“, erinnert sich Chefarzt Hartmann. Bis der 65-jährige Patient eingeliefert wurde – mit Beschwerden wie bei einem Herzinfarkt. „Der erste Covid-Test war noch negativ, ein zweiter nicht mehr.“ Damals sei alles noch neu gewesen, „wir wussten noch nicht viel über das Virus“. Er habe sich schon gefragt, „schaffen wir das, können wir die Patienten gut versorgen?“, sagt Hartmann.

Krisenstab tagte nahezu täglich

Am Tag nach dem positiven Test riefen die Kliniken Ostallgäu einen Krisenstab ins Leben. „Der hat dann nahezu täglich getagt“, sagt Hartmann. Ein Kollege hatte damals einen Bruder, der Arzt in einem Krankenhaus in Barcelona war. „Da hatten wir Infos aus erster Hand und ahnten, was im schlimmsten Fall auf uns zukommen könnte...“ Alle Abteilungen im Krankenhaus seien enger zusammen gerückt, hätten gemeinsam nach Lösungen gesucht – was gut für den Teamgeist gewesen sei.

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Im Vordergrund standen hygienische und andere Schutzmaßnahmen, aber natürlich auch die Behandlung der Patienten – und der Einsatz des Personals. Das wurde umso schwieriger, je mehr Erkrankte auf die Intensivstationen mussten. „Wir haben Personal aus anderen Bereichen nachgeschult und viele Gespräche mit den Herstellerfirmen der Beatmungsgeräte geführt, denn diese waren für eine Langzeitbeatmung oft nicht ausgelegt.“ Frustriert seien vor allem die Chirurgen gewesen, erzählt Hartmann – denn sie durften auf einmal kaum noch operieren.

Hohe Inzidenzen und kein Corona-Impfstoff: "Im Herbst 2020 waren wir am Rande der Versorgungsmöglichkeiten"

Im Herbst 2020 spitzte sich die Lage zu. Die Inzidenzen stiegen und es gab noch keinen Impfstoff: „Da waren wir am Rande der Versorgungsmöglichkeiten“, sagt Hartmann. Das sei zum Glück nicht eingetreten. Aktuell bereitet ihm Sorge, dass vor allem jüngere Infizierte zwischen 40 und 60 Jahren in der Klinik behandelt werden müssten – und im schlimmsten Fall Kinder zu Halbwaisen würden.

Er sei enttäuscht, dass sich gerade im Allgäu viele Menschen immer noch nicht impfen lassen, sagt der gebürtige Kemptener. „Statt die Segnungen der modernen Medizin zu nutzen, gehen viele im Süden Deutschlands offenbar lieber zum Gesundbeter...“

Allgäuer Arzt hält Lockerungen für verfrüht

Die Lockerungen der Corona-Regeln hält Hartmann für verfrüht – auch wenn er glaubt, dass die Welle im Sommer etwas abebbt. „Im Herbst könnten wieder Mutationen auftreten.“ Das sei aber derzeit „lesen in der Glaskugel“. Daher plädiert der Arzt dafür, Masken weiter beim Einkaufen, bei Veranstaltungen oder in Bussen zu tragen. „Dass das schützt, haben uns auch die ganz wenigen Grippe-Fälle in den vergangenen zwei Jahren gezeigt.“

Hartmann geht davon aus, dass Masken im Klinikum weiter permanent getragen und die Mitarbeiter auch künftig nahezu täglich getestet werden. Außerdem wünscht er sich mehr Wertschätzung gerade für die Pflegekräfte: „Der Beruf muss attraktiver werden, bei der Bezahlung, aber auch bei den Arbeitszeitmodellen. Klatschen allein reicht da nicht.“

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