Ein Jahr nach Tier-Rissen

Diskussion um Wölfe im Allgäu: "Es kann jeden Tag wieder losgehen"

Zumindest ein Wolf soll derzeit noch im Allgäu "umeinand" sein.

Zumindest ein Wolf soll derzeit noch im Allgäu "umeinand" sein.

Bild: Symbolfoto, Patrick Pleul, dpa

Zumindest ein Wolf soll derzeit noch im Allgäu "umeinand" sein.

Bild: Symbolfoto, Patrick Pleul, dpa

Um den Wolf ist es ruhiger geworden. Wohl nur eine Verschnaufpause, sagen Experten. Landrat Anton Klotz kritisiert Staatsregierung, weil der Aktionsplan zu langsam umgesetzt werde
22.08.2019 | Stand: 12:07 Uhr

Ein Jahr ist es her, seit eine Bäuerin in Wertach (Oberallgäu) den ausgeweideten Kadaver eines Kalbes auf ihrer Viehweide entdeckt hat. Schnell war klar: Es war der Wolf. Im Sommer 2018 kam es im Oberallgäu gehäuft zu Rissen von Kälbern und Schafen. Im Herbst vergangenen Jahres fielen im Ostallgäu eine Mutterkuh und ihr Kalb einem Wolf zum Opfer. Seither ist es um den Beutegreifer ruhiger geworden. Sechs Nachweise durch „harte Fakten“ wie beispielsweise eine DNA-Probe gab es nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Umwelt 2018 im Allgäu – heuer noch keinen einzigen. Lediglich zwei nicht bestätigte Hinweise im Ostallgäu seien vermerkt. „Wir müssen aber jeden Tag damit rechnen, dass es wieder losgeht“, sagt Alfred Enderle, Präsident des Schwäbischen Bauernverbands. Jetzt sei die Zeit, den von der Staatsregierung vorgestellten „Aktionsplan Wolf“ umzusetzen – aber es tue sich kaum etwas.

"Es ist immer noch mindestens einer umeinander"

Auch wenn bestätigte Nachweise zu Wölfen in der Region fehlen, sagt Franz Hage, Vorsitzender des Alpwirtschaftlichen Vereins Allgäu: „Es ist immer noch mindestens einer umeinander.“ Im Winter habe er Rotwild angefallen, in Vorarlberg sei erst kürzlich ein Kalb gerissen worden. Von einem Verzicht auf Viehscheide sei aber derzeit nicht mehr die Rede. Auch Enderle spricht von Vorfällen mit Rotwild, vor wenigen Woche sei nahe Wertach ein Schaf getötet worden. Ansonsten sei in letzter Zeit wenig passiert. „Es ist schön, dass es um den Wolf gerade so ruhig ist. Weniger gut ist aber, dass die Behörden genauso ruhig sind.“

Im März hat die Bayerische Staatsregierung den „Aktionsplan Wolf“ vorgestellt. Darin steht unter anderem, dass Weidegebiete vor allem im alpinen Bereich untersucht und bewertet werden sollen. Stellt sich heraus, dass präventive Schutzmaßnahmen wegen der Topographie nicht möglich sind, komme der Abschuss in Betracht – wenn nur so erhebliche Schäden für die Weidewirtschaft vermieden werden können. Aber: Eine Kategorisierung habe bislang nicht stattgefunden, sagt Enderle. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, alles in Ruhe zu planen. „Wenn es wieder Risse gibt, müssen wir wissen, was Sache ist.“ Erst dann unter Druck emotionale Diskussionen zu führen, sei nicht zielführend.

Ein Sprecher des bayerischen Umweltministeriums sagt dazu: „Der Arbeitskreis Weideschutzkommission erarbeitet derzeit anhand von zwei Modellgebieten im Oberallgäu sowie im Werdenfelser Land die Kriterien für die Bewertung der Weidegebiete.“ Danach erfolge die Einordnung der restlichen Gebiete. Wann genau das sein wird, dazu gibt es keine Aussage. Der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz rechnet nicht vor Herbst mit einem Ergebnis. „Dieses langsame Vorgehen kann ich nicht akzeptieren“, sagt er. Dabei seien die Allgäuer Flächen bereits bestens kartiert. Wie auch Enderle hält Klotz eine großflächige Einordnung der alpinen Gebiete für sinnvoll. Er fürchtet aber, dass die Kategorisierung kleinräumig ausfallen wird. „Das ist der falsche Weg und völlig praxisfremd.“

"Landratsamt sollte Entscheidung treffen"

Ein weiterer Kritikpunkt: Laut Umweltministerium ist für eine etwaige Abschussgenehmigung die Regierung von Schwaben zuständig. „Bis dann eine Entscheidung getroffen wird, kann es zwei bis drei Tage dauern. Bis dahin kann ein Wolf schon längst wieder weg sein“, sagt Klotz. Er fordert, dass derlei Entscheidungen das Landratsamt treffen sollte: „Wir können viel schneller reagieren.“

In Sachen Wolf konsequent zu handeln forderte kürzlich auch die bayerische Agrarministerin Michaele Kaniber. Der Aktionsplan dürfe nicht der Schlusspunkt sein. Deutschland solle sich nicht scheuen, von einer einschlägigen EU-Richtlinie gebrauch zu machen, die den Abschuss erleichtert.

Ob der Wolf hier überhaupt unter diese Richtlinie fällt, bezweifelt dagegen der Biologe Henning Werth. Dass die Ruhe um den Wolf im Allgäu nicht von langer Dauer ist, glaubt aber auch er. „Die Bestände in den Nachbarländern breiten sich aus. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch hier wieder Tiere durchziehen“, sagt er. Am gefährdetsten seien dann Schafe, die für Wölfe leichte Beute sind. Einen Schutz könnten hier beispielsweise Elektrozäune bieten. Rinder stünden generell nicht an oberster Stelle auf dem Speiseplan eines Wolfes. Werth mahnt davor, jedes abgestürzte Tier in den Bergen gleich dem Wolf zuzuschreiben. Aber auch er sagt: Dort, wo kein Herdenschutz möglich ist und der Wolf nachweislich Tiere angreift, müsse schnell gehandelt werden.