Entscheidend für die Schullaufbahn

Überholt oder bewährt? Corona befeuert Streit um Übertrittszeugnisse

An diesem Freitag bekommen die knapp 109.000 Viertklässler in Bayern ihre Übertrittszeugnisse.

An diesem Freitag bekommen die knapp 109.000 Viertklässler in Bayern ihre Übertrittszeugnisse.

Bild: Stephan Jansen, dpa

An diesem Freitag bekommen die knapp 109.000 Viertklässler in Bayern ihre Übertrittszeugnisse.

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Knapp 109.000 Viertklässler in Bayern bekommen am Freitag ihre Übertrittszeugnisse. Der Notenschnitt entscheidet, wie es für sie weiter geht.
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dpa
06.05.2021 | Stand: 18:15 Uhr

Mittelschule, Realschule, Gymnasium? Für knapp 109 000 Viertklässler in Bayern hängt die weiterführende Schulart vom Übertrittszeugnis ab, das offiziell an diesem Freitag verliehen wird - auch wenn viele es bedingt durch den Wechselunterricht schon am Donnerstag in den Händen hielten. Die Zeugnisse enthalten alle eine Schullaufbahnempfehlung, die auf dem Notendurchschnitt der Fächer Mathe, Deutsch sowie Heimat- und Sachunterricht beruht und in Bayern weitgehend verbindlich ist. Das starre Verfahren war schon zu normalen Zeiten unter Pädagogen und Bildungsexperten umstritten. Nach einem Pandemie-Schuljahr mit teils monatelangem Distanzunterricht ist es das umso mehr.

"Die Kinder heulen aus Angst vor dem Übertritt", hatte Direktorin Sabine Bösl Mitte März aus dem Alltag ihrer Grundschule im oberbayerischen Holzkirchen berichtet. Bösl stellte deshalb eine Frage, die sich im zweiten Corona-Schuljahr viele Eltern, aber auch Lehrkräfte stellen: "Kann es sein, dass wir unseren Kinder das antun, dass eine Zahl hinter dem Komma über die Zukunft eines Kindes inmitten einer Pandemie entscheidet?"

Piazolo: Übertrittsverfahren ist gerecht

"Unser Übertrittsverfahren ist gerecht und hat sich bewährt - auch in Pandemiezeiten", findet hingegen Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). Es seien faire und verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen worden. "In den Probearbeiten wurden nur Inhalte geprüft, die vorab gemeinsam erarbeitet, vertieft und geübt worden sind. Der Übertritt hat also auch dieses Jahr wieder unter fairen Bedingungen stattgefunden."

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband, der in der Pandemie häufiger lautstark Opposition zum Ministerium bezogen hat, sieht das ganz anders. "Das Übertrittszeugnis ist heuer nicht vergleichbar", betont Präsidentin Simone Fleischmann. "Es gibt Viertklässler, die hatten außer dem Lockdown immer Präsenzunterricht, und es gibt Viertklässler, die hatten seit November keinen einzigen Tag im Präsenzunterricht."

Teils wachelige Basis

Auch fuße die Übertrittsempfehlung auf sehr unterschiedlicher und teils wackliger Basis: Das Kultusministerium hatte die Zahl der zu schreibenden Proben schrittweise gesenkt und am Ende sogar freigegeben. Dabei wurden die vierten Klassen sogar als "Abschlussklassen" definiert, die auch bei einer Inzidenz über 100 Wechselunterricht erhielten.

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"Allein der Begriff Abschlussklasse ist eine Bankrotterklärung", wettert Fleischmann. "Das ist doch kein Abschluss, höchstens eine Übergangsentscheidung. Aber in Bayern gibt es ein Mini-Abitur in der vierten Klasse, und die Kinder spüren diesen immensen Druck."

Drei Noten im Fokus

Bayern ist eines von wenigen Bundesländern in Deutschland, an dem der Übertritt ausschließlich an drei Noten hängt. "Wenn man am Ende der Grundschule auf die Kernkompetenzbereiche schaut - mathematische und sprachliche Kompetenz - hat das schon eine gewisse Berechtigung. Denn das sind die grundlegenden Voraussetzungen für das anschlussfähige Lernen auch in anderen Fächern und späteren Jahrgängen", erläutert Kai Maaz, Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt.

Es sei aber sinnvoll, auch weitere pädagogische Einschätzungen zu berücksichtigen - etwa, wie gut ein Kind selbst lernen, sich motivieren und organisieren oder seine Emotionen regulieren könne. "Diese Kompetenzen sind in der Pandemie umso wichtiger. Studien zeigen, dass sie signifikante Auswirkungen darauf haben, wie gut ein Kind mit der Situation im Distanzunterricht zurechtkommt", erklärt Maaz. Besonders bei Leistungsschwächeren und Kinder aus sozial benachteiligten Familien bestehe die Gefahr, dass der Distanzunterricht zu größeren Lernrückständen und psychosozialen Beeinträchtigungen führe.

Kinder in Hof seit Weihnachten nicht in der Schule

Im oberfränkischen Hof haben die Kinder wegen der besonders hohen Infektionszahlen ihre Schule seit Weihnachten nicht mehr betreten. Dennoch seien die Lehrkräfte den Viertklässlern beim Übertrittszeugnis gerecht geworden, findet eine der dortigen Schulleiterinnen. "Wenn man das Notenbild anschaut und die Kinder, wie man sie drei Jahre vorher schon gekannt hat, muss man sagen: Das passt."

Sie betont aber auch, dass die Verhältnisse von Grundschule zu Grundschule anders seien und nicht jede gleichermaßen erfolgreich mit der Situation umgehe. Und sie gibt auch den Erziehungsberechtigten einen Denkzettel mit: "Es gibt auch sehr ehrgeizige Eltern, die sehr viel Druck auf ihre Kinder ausüben, und das geht natürlich an den Kindern nicht spurlos vorüber." Zumindest dies also ist im Corona-Schuljahr 2020/21 so wie immer.

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