Kirche

Zwei Monate nach Missbrauchsgutachten: Austritte und Aufarbeitung

In Garching an der Alz wurde eine Initiative zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle gegründet.

In Garching an der Alz wurde eine Initiative zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle gegründet.

Bild: Britta Schultejans, dpa (Archiv)

In Garching an der Alz wurde eine Initiative zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle gegründet.

Bild: Britta Schultejans, dpa (Archiv)

Zwei Monate nach der Veröffentlichung einer Studie zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising sind schwerwiegende Folgen in ganz Bayern zu sehen.

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dpa
21.03.2022 | Stand: 07:23 Uhr

Rosi Mittermeier spricht von einer "Erschütterung". Das Münchner Missbrauchsgutachten hat eingeschlagen in Garching an der Alz. "Damit wurde dem Letzten klar, dass Missbrauch bei uns eine Tatsache war. Den bisherigen Verleugnungs- und Verdrängungsversuchen wurde damit die Grundlage entzogen."

Initiative zur Aufarbeitung von Missbrauch gegründet

Mittermeier hat die Initiative "Sauerteig" mitgegründet. Es ist ein Zusammenschluss von Gemeindemitgliedern, die aufarbeiten wollen, was in ihrer Pfarrei in Garching passiert ist in den 20 Jahren mit Priester H., dem prominentesten Fall aus dem von der Erzdiözese München und Freising in Auftrag gegebenen Gutachten zu sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. "Dass ein Missbrauchstäter bei uns Pfarrer war, ist kein Tabuthema mehr, wenn es auch immer noch schmerzt."

Die Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), die das Gutachten erstellt hat, widmet dem Fall H., dem mehrfach versetzten, verurteilten Missbrauchstäter, darin sogar einen eigenen Sonderband. "Bei manchen hat dies schwere innere Kämpfe ausgelöst, weil man sein bisheriges Bild von H. und von sich selbst überdenken muss", sagt Mittermeier. "Auch die vom Gutachten ausgelöste Erschütterung der Kirche bewegt viele Menschen sehr."

Kirchenaustritte in Bayern steigen rasant an

Diese Erschütterung lässt sich inzwischen, zwei Monate nach dem WSW-Gutachten, das von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern und zugleich von einer deutlich höheren Dunkelziffer ausgeht, beziffern. Die Zahl der Kirchenaustritte in Bayern schnellt weiter in die Höhe. Kommunen überall im Freistaat und auch die katholische Kirche selbst berichten von rasant steigenden Austrittszahlen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Georg Bätzing, sagte kürzlich bei der Frühjahrsvollversammlung im Wallfahrtsort Vierzehnheiligen, die Gläubigen kehrten ihrer Kirche "in Scharen" den Rücken.

Allein in München traten nach Angaben des Kreisverwaltungsreferates seit Jahresbeginn knapp 7.000 Menschen aus der Kirche aus. Im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum rund 3300 und im Jahr 2020 rund 3800.

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In Nürnberg kehrten nach Angaben des dortigen Standesamtes in diesem Jahr bis zum 16. März schon 1.050 Menschen der römisch-katholischen Kirche den Rücken. Im Vergleichszeitraum 2021 waren es mit 425 weniger als die Hälfte. In Würzburg traten bis Mitte März 547 Katholiken aus, 2021 waren es im gleichen Zeitraum 315. In Bamberg waren es nach Angaben der Stadt in den zweieinhalb Monaten bis Mitte März dieses Jahres 340 Katholiken, die aus der Kirche austraten. 2021 waren es im ganzen Jahr 642.

Nürnberg, Würzburg und Bamberg gehören zu den Kommunen, die die Kirchenaustritte nach Protestanten und Katholiken aufschlüsseln. Andere - wie die Stadt München - geben nur Gesamtzahlen an.

In Regensburg traten bis Mitte März 1.043 Menschen aus der Kirche aus - fast dreimal so viele wie 2021 (363). 2020 zählte die Stadt im gleichen Zeitraum 474 Austritte. Bis zum 15. März erklärten in Ingolstadt 529 Menschen ihren Austritt aus der Kirche - 333 mehr als im gleichen Zeitraum 2021.

Erzbistum München richtete Hotline ein

Doch nicht nur die Standesämter der bayerischen Kommunen hatten so viel Arbeit, dass sie ihr Personal sogar teilweise aufstocken mussten - auch die neu gegründete Hotline des Erzbistums München hatte viel zu tun seit jenem 20. Januar, an dem die Gutachter offenlegten, dass aus ihrer Sicht Münchner Erzbischöfe - darunter auch der spätere Papst Benedikt XVI. - sich im Umgang mit Missbrauchsopfern oft völlig falsch verhalten hätten.

Bis zum 16. März gingen dort nach Bistumsangaben 177 Anrufe ein. Die unabhängigen Ansprechpersonen der Erzdiözese für die Prüfung von Verdachtsfällen des sexuellen Missbrauchs registrierten bis zum 17. März 37 neue Meldungen.

Diskussionsveranstaltung für Betroffene

Das Erzbistum München und Freising hatte für diesen Montagabend (19.00 Uhr) zu einer Diskussionsveranstaltung mit dem Titel "Betroffene hören" geladen - mit dem Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, und Mitgliedern des Betroffenenbeirats der Diözese. Der Beirat hatte Marx unlängst vorgeworfen, nach Vorstellung des Gutachtens untätig geblieben zu sein.

Mittermeier kann der Entwicklung trotz allen Schreckens auch etwas Positives abgewinnen. Denn in Garching scheint das Gutachten bei allem Entsetzen auch "eine befreiende Wirkung" zu haben. Sie sieht "sogar eine neue Aufbruchstimmung". Für die Pfarrgemeinderatswahl hätten sich - keine Selbstverständlichkeit - ausreichend Kandidaten gefunden - darunter viele junge Christen. "Fast scheint es, als ob mit der Offenlegung des Missbrauchs bei manchen eine schwere Last abgefallen ist."

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