Interview

TV-Pathologe Joe Bausch: „Raffiniert sind Täter nur im Film“

„Fast jeder Mensch hat schon mal in Gedanken einen Mord begangen", sagt Joe Bausch.

„Fast jeder Mensch hat schon mal in Gedanken einen Mord begangen", sagt Joe Bausch.

Bild: Bernd Thissen, dpa

„Fast jeder Mensch hat schon mal in Gedanken einen Mord begangen", sagt Joe Bausch.

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Joe Bausch war Gefängnis-Arzt und spielt im Kölner „Tatort“ den Rechtsmediziner. Schon lange fragt er sich: Warum begehen Menschen Morde? Ein Interview.
27.06.2022 | Stand: 10:57 Uhr

Herr Bausch, Sie waren mehr als 30 Jahre Arzt in einem Gefängnis, Sie spielen im Kölner „Tatort“, haben nun mit „Maxima Culpa“ bereits Ihr drittes Buch über Kriminelle geschrieben. Was fasziniert Sie so am Verbrechen?

Joe Bausch: Es ist gar nicht das Verbrechen, das mich fasziniert, sondern die Frage: Was macht einen Menschen zum Verbrecher? Das hat mich schon als junger Mensch interessiert. Ich habe damals auf der Bühne vor allem Kriminelle verkörpert und wollte wissen: Warum begehen Menschen Morde? Als Arzt hat mich diese Frage erst recht bewegt. Um einem Patienten helfen zu können, muss man wissen, was ihn krank macht.

Und was macht Menschen zu Mördern?

Bausch: Ich habe mich Jahrzehnte intensiv mit dem Bösen beschäftigt und kann die Frage trotzdem nicht beantworten. Fast jeder Mensch hat schon mal in Gedanken einen Mord begangen; aber eben nur in Gedanken. Stellen Sie sich vor, dass 100 Männer eine furchtbare Kindheit mit schrecklichen Erlebnissen hatten, aber trotzdem ist nur einer zum Verbrecher geworden. Ich habe aber auch Menschen erlebt, die eine denkbar schöne Kindheit hatten und trotzdem zu narzisstisch gestörten Serienmördern geworden sind. Ist es ein plötzlicher Furor, der sie überkommt, gibt es genetische Gründe? Man weiß es nicht.

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Sie befassen sich in Ihrem Buch vor allem mit Mehrfachtätern. Sind Serienmörder tatsächlich so charismatische Typen wie Hannibal Lecter aus dem „Schweigen der Lämmer“?

Bausch: Nein, das ist eine Erfindung Hollywoods. So brillant, so eloquent, so infam ist so gut wie kein Krimineller. Krimiautoren siedeln ihre Geschichten zudem überwiegend in einer gesellschaftlichen Schicht an, in der de facto die wenigsten Verbrechen begangen werden. Die Hannibal Lecters dieser Welt sitzen nicht im Gefängnis, die tummeln sich in Politik und Wirtschaft. Aber sie weisen oftmals den gleichen Mangel an Empathie auf wie Serienmörder.

Warum machen die einen Karriere und die anderen landen im Knast?

Bausch: Ganz einfach: Der eine ist clever, der andere ist ein Idiot. Psychopathie hat nichts mit Intelligenz zu tun. Deshalb ist die Mehrheit der Psychopathen dort, wo sie hingehört: im Gefängnis. 30 Prozent der männlichen Insassen haben psychopathische Symptome. Ich will damit nicht sagen, dass erfolgreiche Menschen in der Wirtschaft potenzielle Kriminelle sind, aber ohne einen gewissen Mangel an Empathie könnte man nicht 15.000 Menschen entlassen und trotzdem gut schlafen. Bei bestimmten Jobs braucht man außerdem eine ziemliche Kaltblütigkeit, zum Beispiel, um Bomben zu entschärfen.

Sie schreiben über Serienmörder wie den norddeutschen „Maskenmann“, der sich an dutzenden Kindern vergangen und drei Morde begangen hat. Solche Täter führen lange Zeit ein Doppelleben als Wolf im Schafspelz. Setzt das nicht eine hohe Intelligenz voraus?

Bausch: Diese Täter haben früh gelernt, dass niemand erfahren darf, was in ihrem Kopf vorgeht. Deshalb tun sie alles, damit man ihnen nicht anmerkt, was in ihnen schlummert. Diese Fähigkeit haben sie über Jahre hinweg ausgebildet; ein Zeichen für überdurchschnittlich hohe Intelligenz ist sie trotzdem nicht. Aber ich habe natürlich auch besondere Verbrechen ausgewählt, die einen großen Kitzel haben. Die meisten Taten sind viel zu banal, um Stoff für einen fesselnden Krimi zu ergeben. Die Verbrechen im Fernsehen sind deutlich komplexer und überraschender als die Wirklichkeit. Natürlich gibt es auch infame, perfide und skrupellose Taten, aber raffiniert sind die Täter nur im Film.

Sie selbst sind mal unfreiwillig zum Vorbild für ein Delikt geworden. Wie war das?

Bausch: In einer Episode der Krimiserie „Faust“ mit Heiner Lauterbach habe ich 1997 den fiesen Anführer einer Drückerkolonne gespielt, der einen seiner Mitarbeiter demütigt, indem er ihn zwingt, Regenwürmer zu essen; die Folge trug den treffenden Titel „Spaghetti Bolognese“. Bei der Recherche für mein Buch habe ich herausgefunden, dass die kriminelle Chefin einer echten Drückerkolonne das offenbar so reizvoll fand, dass sie es nachgemacht hat.

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Regen Krimis also doch zur Nachahmung an?

Bausch: Wenn es so wäre, hätten wir eine ganz andere Gewaltstatistik. In Deutschland gibt es pro Jahr knapp 1000 Morde; inklusive Totschlag reden wir von 2500 bis 3000 Tötungsdelikten. Im Fernsehen werden pro Jahr schätzungsweise 15.000 Morde begangen, und da sind Netflix und Sky noch nicht mal mitgezählt. Die Diskussion wird ja geführt, seit Verbrechen dargestellt werden, ganz egal, ob auf der Bühne oder im Film. Übermäßiger Konsum von Ballerspielen oder Hardcore-Pornografie sind zumindest immer auch ein Hinweis, dass in der Persönlichkeit etwas im Argen liegt. Aber auch hier gilt: Viele tun es, doch nur einer greift zur Waffe. Es gibt nie bloß einen Auslöser für Gewalt.

Zur Person: Joe Bausch, 69, geboren im Westerwald, war gut 30 Jahre lang Leitender Regierungsmedizinaldirektor in der Justizvollzugsanstalt Werl (Nordrhein-Westfalen). Fernsehzuschauer kennen ihn seit 1997 als Dr. Joseph Roth aus dem Kölner „Tatort“.

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