Interview

Chef der Bundesnetzagentur: „Wir brauchen 20 Prozent Einsparungen, damit wir durch den Winter kommen“

Klaus Müller informiert sich vor Ort: Der Chef der Bundesnetzagentur besuchte kürzlich den größten deutschen Gasspeicher in Rehden in Niedersachsen.

Klaus Müller informiert sich vor Ort: Der Chef der Bundesnetzagentur besuchte kürzlich den größten deutschen Gasspeicher in Rehden in Niedersachsen.

Bild: Mohssen Assanimoghaddam, dpa

Klaus Müller informiert sich vor Ort: Der Chef der Bundesnetzagentur besuchte kürzlich den größten deutschen Gasspeicher in Rehden in Niedersachsen.

Bild: Mohssen Assanimoghaddam, dpa

Klaus Müller war oberster Verbraucherschützer, jetzt leitet er die Bundesnetzagentur. Er beobachtet die Gaspreise und zeichnet ein düsteres Bild der Zukunft.
27.09.2022 | Stand: 11:09 Uhr

Herr Müller, vor ziemlich genau einem Jahr haben Sie, damals als Chef der Verbraucherverbände, im Interview mit uns vor „Energiepreisen des Grauens“ gewarnt. Die Lage hat sich danach noch einmal verschärft. Wir wollen Sie jetzt nicht zu einer weiteren Schlagzeile verleiten. Aber wie viel schlimmer wird dieser Winter als der letzte?

Klaus Müller: Ehrlich gesagt, kann das keiner ganz genau vorhersagen. Es hängt von drei Punkten ab: Da ist erstens die Frage, wie gut es uns gelingt, Gaszuflüsse aus den Nachbarländern und über die Flüssiggas-Terminals an Nord- und Ostsee zu organisieren. Zweitens richtet sich der Blick auf den Füllstand unserer Gasspeicher– je besser die gefüllt sind, desto größer ist der Puffer. Wir sind da übrigens ganz gut vorangekommen. Und drittens, und das ist vielleicht der entscheidende Punkt: Je stärker wir den Gasverbrauch reduzieren, umso größer sind unsere Chancen, durch den nächsten Winter zu kommen.

Wie viel Energie wird denn gerade gespart?

Müller: Wir haben für die Industrie im August einen Wert von minus 22 Prozent ermittelt.

Das ist ordentlich.

Müller: Ja, aber man muss das differenzieren. Einerseits melden sich bei uns Unternehmen, die mit berechtigtem Stolz technische Innovationen vorstellen. Es gibt des Weiteren Betriebe, die auf den sogenannten Fuel Switch setzen, also Gas durch Öl und andere Brennstoffe ersetzen. Die Regierung unterstützt das ausdrücklich. Aber es gibt inzwischen viele bittere und teilweise auch wütende Briefe, in denen Unternehmen mitteilen, dass die Einsparungen zu Produktionseinschränkungen führen. All das zusammen ist die Realität.

Und wie sieht es im privaten Bereich aus?

Müller: Bei privaten Haushalten sind wir noch ein bisschen vorsichtig. Ende August, Anfang September konnten wir noch keine Einsparungen beobachten. Und die kalte Zeit beginnt ja jetzt erst. Ende des Monats werden wir dann erste Statistiken veröffentlichen. Aber klar ist: Wir brauchen mindestens 20 Prozent Einsparungen, damit wir durch den Winter kommen.

Das sollte machbar sein.

Müller: Die Temperaturentwicklung ist ein wichtiger Faktor, und die kann niemand von uns vorhersagen. Es reichen nur wenige sehr kalte Wochen – und die Gasverbräuche gehen durch die Decke. Für Entwarnung gibt es also noch keinen Anlass. Alles hängt davon ab, wie wir auf die Temperaturen reagieren. Es geht um die Reaktion in den 28 Millionen Haushalten, die in der nächsten Heizperiode jeden Tag aufs Neue die individuelle Entscheidung treffen müssen, wie hoch sie die Heizung drehen und wie viele Räume sie beheizen.

Wie sehr schmerzt Sie, als ehemaliger oberster Verbraucherschützer des Landes, die Gasumlage?

Müller: Die Aufgabe ist klar: Wir müssen einen Kollaps der Lieferketten, sprich von Stadtwerken und damit auch von Unternehmen, verhindern. Das darf nicht in den Hintergrund treten, wenn jetzt alle über handwerkliche Herausforderungen und Ähnliches diskutieren. Ich verstehe jeden Frust, den es darüber gibt. Aber wenn das Haus brennt, muss es gelöscht werden.

CDU und CSU lenken den Blick auf den Winter 2023/24: Es könnte noch schlimmer werden, weil es uns nicht gelingen wird, die Gasspeicher erneut zu füllen. Was sagt der Fachmann dazu?

Müller: Also erst mal hat die Opposition da vollkommen recht und rennt offene Türen ein. Es ist nach diesem Winter nicht wieder alles wie vorher. Unsere Prognosen und Szenarien waren und sind immer mindestens bis auf den Sommer 2024 gerichtet. Die Regierung hat nicht nur Vorgaben für die Füllstände der Gasspeicher in der kalten Jahreszeit gemacht, sondern es gibt auch eine Vorgabe für das Frühjahr. Die Speicher müssen auf 40 Prozent aufgefüllt sein. Es gibt also eine Haltelinie nach unten.

Speicher sind gut, wenn Gas zum Füllen da ist. Aber das Gas kommt vielleicht gar nicht in Deutschland an?

Müller: Da muss ich Ihnen widersprechen. Die Regierung hat fünf Flüssiggas-Terminals geordert. Die Bedingung dabei war, dass die Betreiber Gasverträge für einen Zeitraum von 15 Monaten mitbringen müssen. Wir können außerdem mit einem, vielleicht zwei, im besten Fall sogar drei privaten Flüssiggas-Terminals rechnen. Für Süddeutschland wäre ein privates Terminal, das wir in diesem Winter in Lubmin erwarten dürfen, von großer Bedeutung. Das Gas würde maßgeblich über eine Pipeline durch die ostdeutschen Bundesländer und Tschechien in den Süden fließen.

Brauchen wir dann auch mehr Speicher?

Müller: Hinter diesen Satz würde ich gerne ein Ausrufezeichen setzen. Wenn die unmittelbare Krise vorbei ist, sollte sich Deutschland noch mal genau angucken, ob wir eigentlich überall die Speicher haben, die wir uns wünschen. Das betrifft akut Erdgas, aber es geht dabei auch um den Wasserstoff. Den werden wir für die Produktion auch speichern müssen. Deutschland muss deshalb noch mal neu über seine Speichermöglichkeiten nachdenken.

Flüssiggas ist deutlich teurer als russisches Erdgas. An der Börse werden Lieferungen für das Jahr 2024 mit rund dem Dreifachen des Vorkriegspreises gehandelt. Es bleibt also teuer?

Müller: Wahrscheinlich werden wir uns vorerst auf diese hohen Gaspreise einstellen müssen, weil wir eben am Weltmarkt mit anderen konkurrieren. Flüssiggas kann auch wieder nach Asien gehen. Die Tanker machen teilweise kehrt auf dem Weg zu ihrem Ziel, wenn woanders höhere Preise geboten werden. Für eine gewisse Zeit wird man die hohen Preise politisch flankieren müssen, um die Härten abzufedern. Eine Kommission soll jetzt beraten, wie ein Gaspreisdeckel aussehen könnte. Aber es gibt eben noch eine zweite Perspektive.

Und die wäre?

Müller: Die Zukunft ist eine, die auf regenerativem Wasserstoff basiert, weil er klimafreundlich ist. Und das ist auch das, was uns die Industrie sagt. Natürlich ist das leicht gesagt und schwer getan. Deutschland hat aber Erfahrungen mit Transformationsprozessen. Das hat uns immer ausgezeichnet, das hat uns in Technologieführerschaft hineingebracht. Übrigens haben die enormen Gaspreise zumindest einen „positiven“ Effekt: Wasserstoff ist plötzlich preislich wettbewerbsfähig. Damit wurde in verschiedenen Studien eigentlich erst nach 2030 gerechnet.

Müssen wir nicht jetzt schon anfangen, das Netz dafür aufzubauen?

Müller: Ja, unbedingt. Wir haben ein weitverzweigtes Gasnetz in Deutschland, das wir grundsätzlich nutzen können. Aber es lässt sich nicht einfach eins zu eins umstellen. Erdgas raus und Wasserstoff rein, das funktioniert so nicht ohne weiteres.

Hört sich nach einem langen Umstellungsprozess an.

Müller: Natürlich geht es vor allem darum, die Krise in den Griff zu bekommen. Aber im Hintergrund laufen bei der Bundesnetzagentur, bei den Förderprogrammen der Regierung, bei vielen Stadtwerken und Energieversorgern genau die Planungen dafür. Europa und Deutschland haben hier eine Chance, und die nutzen wir. Es gibt da neben der Krisenstimmung auch einen großen Optimismus.