"Große Sorge" wegen Corona-Fallzahlen

Jens Spahn: Warum im Kampf gegen Corona jetzt jeder helfen muss

Gesundheitsminister Jens Spahn (r.) und RKI-Chef Lothar Wieler appelieren erneut an die Bürger, in der Corona-Pandemie wachsam und besonnen zu sein.

Gesundheitsminister Jens Spahn (r.) und RKI-Chef Lothar Wieler appelieren erneut an die Bürger, in der Corona-Pandemie wachsam und besonnen zu sein.

Bild: Fabrizio Bensch, dpa (Archiv)

Gesundheitsminister Jens Spahn (r.) und RKI-Chef Lothar Wieler appelieren erneut an die Bürger, in der Corona-Pandemie wachsam und besonnen zu sein.

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Der Kampf gegen Corona wird wieder schwieriger. Für den Herbst und Winter appellieren Regierung und Experten an alle Bundesbürger, gemeinsam aufzupassen.
Gesundheitsminister Jens Spahn (r.) und RKI-Chef Lothar Wieler appelieren erneut an die Bürger, in der Corona-Pandemie wachsam und besonnen zu sein.
dpa
08.10.2020 | Stand: 13:26 Uhr

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat angesichts stark steigender Corona-Infektionszahlen zu Wachsamkeit und raschem Gegensteuern vor Ort aufgerufen, um die Lage im Griff zu behalten. Der jüngste Anstieg auf mehr als 4.000 Neuinfektionen binnen eines Tages sei besorgniserregend, sagte der CDU-Politiker am Donnerstag in Berlin. Es gelte zu verhindern, dass es mit schnelleren Zuwächsen zu einem Moment komme, "wo wir die Kontrolle verlieren". Spahn betonte: "Da sind wir noch nicht." Es komme nun auf die Balance aus Zuversicht und Achtsamkeit an. Dies betreffe auch alle Bürger - beim Einhalten von Schutzregeln wie Abstand und Masken sowie Vorsicht bei Feiern.

Jens Spahn: Alle in Deutschland sollten mitmachen im Kampf gegen Corona

"Es liegt an uns allen, ob wir es schaffen", sagte Spahn. "Wenn 80 Millionen mitmachen, sinken die Chancen des Virus gewaltig." Diese Pandemie sei auch "ein Charaktertest für uns als Gesellschaft", der nur gemeinsam zu bestehen sei. In der kalten Jahreszeit komme es ergänzend aufs Lüften und ein breites Nutzen der Corona-Warn-App an. Es gebe inzwischen mehr Wissen und Instrumente für den Kampf gegen das Virus. Die Zahl der Todesfälle und Intensivpatienten in den Kliniken sei momentan nach wie vor vergleichsweise niedrig.

Auch der Präsident des bundeseigenen Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, betonte: "Die aktuelle Situation beunruhigt mich sehr." Man könne nicht wissen, wie sich die Lage in Deutschland in den nächsten Wochen entwickeln werde. "Es ist möglich, dass wir mehr als 10.000 neue Fälle pro Tag sehen. Es ist möglich, dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet." Er hoffe aber, dass sich ein Niveau halten lasse, mit dem man umgehen könne. Ziel sei es, so wenige Infektionen wie möglich zuzulassen. Dann werde das Gesundheitssystem nicht überlastet, und nur dann verhindere man viele schwere Verläufe.

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Wie das RKI am Donnerstag mitteilte, meldeten die Gesundheitsämter 4.058 neue Corona-Infektionen in den vorangegangenen 24 Stunden. Das sind mehr als 1.200 mehr als am Mittwoch. Dort war mit 2.828 Neuinfektionen ein neuer Höchstwert seit April gemeldet worden. Höher als nun war der Stand zuletzt in der ersten Aprilwoche. Spahn erläuterte, derzeit steckten sich vor allem jüngere Menschen an - aber nicht nur. Gerade die Jüngeren hielten sich oft für unverletzlich. "Das sind sie aber nicht." Covid-19 sei weiterhin eine ernsthafte Erkrankung.

Corona-Herbst 2020: Feiern und Veranstaltungen als Problem

Spahn äußerte Verständnis für Corona-Vorgaben bei Urlaubsreisen innerhalb Deutschlands im Herbst. Wichtig für die Akzeptanz sei aber ein möglichst einheitlicher Rahmen der Länder. Entscheidend sei eine rasche Eindämmung von Ausbrüchen in betroffenen Kommunen. Dies sei "die viel bessere Variante" als Beherbergungsverbote in der Folge. Die Länder hatten am Mittwoch mehrheitlich beschlossen, dass Reisende aus Gebieten mit sehr hohen Infektionszahlen nur dann beherbergt werden dürfen, wenn sie einen höchstens 48 Stunden alten negativen Corona-Test haben. Greifen soll dies für Reisende aus Gebieten mit mehr als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen.

Spahn wandte sich dagegen, von einem möglichen "zweiten Lockdown" zu reden. Dies suggeriere, man wäre wieder in einer Lage von März/April. Es gebe inzwischen aber Erfahrungen, wie mit Schutzvorkehrungen in vielen Bereichen ein normaler Betrieb gelinge. Es gebe keine Ausbrüche beim Einkaufen, bei Friseuren und kaum welche im Nahverkehr. Auch in Schulen seien die Dinge insgesamt gut im Griff. Kritisch seien etwa Feiern und Veranstaltungen. Es sei richtig, wenn Städte wie nun Berlin mit Alkohol-Beschränkungen gegensteuern. Nötig seien aber auch Kontrollen und dass Bußgelder verhängt werden.

Jens Spahn: Muss die große Hochzeitsfeier in der "Jahrhundertpandemie" sein?

"Wir haben es gemeinsam in der Hand", sagte Spahn. Veranstalter wie Eingeladene sollten sich fragen, ob eine große Hochzeitsfeier "mitten in dieser Jahrhundertpandemie" sein müsse. Gottesdienste könne man mit Abstand machen oder eng beieinander auf kleinem Raum. Spahn zeigte sich skeptisch zu Forderungen nach Ampel-Darstellungen zum Infektionsgeschehen. Dies lege nahe, dass es automatisch eine bestimmte Reaktion gebe, Ausbruchsfälle seien aber komplexer.

Der Minister bekräftigte, dass ab Mitte Oktober auch Schnelltests eingesetzt werden sollen, vor allem in Pflegeheimen und Kliniken. Durch eine Bundes-Beteiligung an Verträgen seien vorerst bis zu neun Millionen Schnelltests pro Monat für den deutschen Markt gesichert. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte auch lückenlose Kontaktdokumentationen. "Nur so ist nachvollziehbar, welcher Pflegebedürftige oder Patient mit Personal und Besuchern wann und wo zu tun hatte", sagte Vorstand Eugen Brysch. "Schnelltests sind sinnvoll, wenn sie zuverlässige Ergebnisse liefern."