Russland

Parade am 9. Mai: Russland feiert sein Militär und verwundert die Welt

Die russische Militärparade auf dem Roten Platz ist stets eine Demonstration der Macht und militärischen Stärke. Diesmal jedoch hatte sie eine besondere Symbolik.

Die russische Militärparade auf dem Roten Platz ist stets eine Demonstration der Macht und militärischen Stärke. Diesmal jedoch hatte sie eine besondere Symbolik.

Bild: Alexander Zemlianichenko, AP/dpa

Die russische Militärparade auf dem Roten Platz ist stets eine Demonstration der Macht und militärischen Stärke. Diesmal jedoch hatte sie eine besondere Symbolik.

Bild: Alexander Zemlianichenko, AP/dpa

Wladimir Putin nutzt die Militärparade in Moskau, um den Angriff auf die Ukraine zu rechtfertigen. Dafür feiern ihn seine Anhänger. Aber manches ist merkwürdig.
10.05.2022 | Stand: 08:05 Uhr

„Lauf, Petja, lauf. Da kommen die Panzer“, ruft Olga. Sie schreit fast, als die Granitplatten am Neuen Arbat, der Prachtmeile Moskaus mit ihren typischen Hochhäusern in Buchform, zu vibrieren beginnen. Olgas Worte gehen im Jubel, Klatschen und den Hurra-Schreien der Menschen fast unter, die sich unweit des Kremls an die Metallabsperrungen am Straßenrand drängen. „Lauf, habe ich gesagt!“ Und Petja läuft. Rennt zu seinem Zwillingsbruder Arkascha und schwenkt das rote Fähnchen in seiner linken Hand. Die Siebenjährigen streiten sich, wer zuerst auf die Schultern ihres Vaters darf. Petja bleibt unten. Die Panzer, die von ihrem „Auftritt“ auf dem Roten Platz zurück zum Übungsplatz im Westen Moskaus vorbeidonnern, geben Gas, und die Menschen schreien noch lauter.

Es sind beklemmende Szenen, die sich an diesem Tag, einem Tag voller missbrauchter Symbolik, im Stadtzentrum Moskaus abspielen. Hundertschaften von speziell ausgebildeten Polizisten patrouillieren in den Straßen. Busse, Straßenreinigungsfahrzeuge und Wagen der Nationalgarde versperren die Wege. Die Polizisten filmen mit ihren Kameras, die an ihrer Uniform befestigt sind, alles, was ihnen auffällig erscheint. Und seien es Journalistinnen und Journalisten, die einfache Fragen stellen.

Ein Mann schreit: "Nazis gebe ich keine Antworten"

„Wir müssen unseren Söhnen das richtige Gefühl einimpfen. Ein Gefühl von der Größe und der Kraft Russlands“, sagt die Mittdreißigerin Olga am Neuen Arbat. Die Familie kommt aus Samara und wohnt seit knapp einem Jahr in der Metropole. In der Stadt an der Wolga, knapp 900 Kilometer östlich von Moskau, sei es „wirtschaftlich sehr schwierig“. Olga schiebt ihren Jüngsten im Kinderwagen hin und her. „Die Jungs interessieren sich für Militärtechnik, spielen gern mit Panzern, Raketen und Gewehren. Nun können sie sich echte Waffen anschauen. Und durch die Waffen lernen sie die Geschichte Russlands kennen.“

Über die Ukraine will sie nicht sprechen, „zu viel Leid“. „Ich bin keine Politologin, die das erklären könnte. Man muss unseren heiligen Feiertag am 9. Mai von diesem Zeug da trennen.“ Ihr Mann zieht sie schließlich weg. „Wir bejubeln heute unsere Jungs, die Ukraine geht uns nichts an“, sagt er und läuft schnell davon. Die Zwillinge rennen ihm hinterher.

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Was sagt Putin in seiner Rede heute?

Viele auf dem Neuen Arbat wenden sich von Fragestellern ab. „Nazis gebe ich keine Antworten“, schreit ein Mann im tarnfarbenen Pullover mit roter Sowjetfahne in der Hand, bevor er die auswendig gelernt klingenden Propaganda-Sätze von „Was ist mit den acht Jahren im Donbass?“ über „Amerika ist an allem Schuld“ bis zu „Der Sieg wird unser sein“ herunterrasselt. „Wir wollen keinen Krieg, aber den Amerikanern müssen wir es zeigen. Sie glauben doch nicht, dass in der Ukraine Ukrainer kämpfen?“, sagt eine Frau, dreht sich um und winkt den vorbeifahrenden Raketenwerfern zu. Die Menschen rechtfertigen die Lage, wie sie es seit mehr als zwei Monaten tun.

9. Mai in Russland: Auf den Schnullern der Babys steht der Buchstabe Z

Manche Eltern haben ihren Sprösslingen Klamotten in Olivgrün angezogen und eine Pilotka, die typische Soldatenmütze, auf den Kopf gesetzt. Mit Spielzeuggewehren stolzieren die Kleinen die Straße entlang und zielen auf die Umherstehenden. Die orange-schwarzen Georgsbändchen – in der Zarenzeit ein militärisches Abzeichen, seit mehr als 15 Jahren aber das wichtigste Merkmal für die Unterstützung von Putins Geschichtsverständnis – haben sich viele an die Brust gebunden oder an den Kinderwagen. Rote Fahnen mit dem Wort „Pobeda“ (Sieg) wehen im Wind.

Auf den Schnullern mancher schlafender Kleinkinder steht ein „Z“, der Buchstabe signalisiert die Unterstützung für den Kurs des Kremls in der Ukraine. Auch auf einigen mitgebrachten Fahnen prangt das „Z“, die Menschen schwenken sie, singen Lieder vom Sieg und schreien den Soldaten in den Militärfahrzeugen mit Raketen samt atomaren Sprengköpfen zu: „Jungs, ihr seid spitze!“

Es ist die erste Militärparade, die Russland abhält, während seine Truppen im Ausland einen Krieg führen. Die politische Spitze bezeichnet diesen nicht so und verbietet jedem in Russland, ihn so zu nennen. „Militärische Spezialoperation“ heißt das offiziell. Auf dem Neuen Arbat – das verwundert dann doch – sprechen alle vom „Krieg“. Selbst Präsident Wladimir Putin nimmt während seiner Ansprache auf dem Roten Platz die von ihm geschaffene Bezeichnung der „Spezialoperation“ nicht in den Mund. Er spricht lediglich von „Kampfhandlungen“ in der Ukraine und rechtfertigt diese als die „einzig richtige Entscheidung“.

Russland habe sich aufgrund der Bedrohung durch die Nato verteidigen müssen und deshalb einen Präventivschlag gewählt, weil sonst die „vom Westen aufgerüstete Ukraine unsere historischen Territorien“ angegriffen hätte, sagt Putin vor den mehr als 10.000 Soldaten und den Veteranen des Zweiten Weltkrieges auf der Tribüne. Er spricht stets vom Donbass, den Rest der Ukraine erwähnt er nicht.

Auf die Flugshow muss Putin am 9. Mai verzichten

Das machen auch die staatlichen Medien nie und suggerieren damit, dass es dem Kreml lediglich um den Schutz der russischsprachigen Bevölkerung im Donbass gehe. Putin wiederholt sein Narrativ vom bedrängten Russland, das sich durch alle Zeiten habe wehren müssen und dieses immer tun werde.

Derweil rollt eine Einheit der Luftlandetruppen aus Tula an ihm vorbei, die, so sagt der Präsident, beim Einsatz in der Ukraine dabei gewesen sei. Zu sehen sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums auch die dort eingesetzten Iskander-Raketen, Kampfpanzer wie der modernste vom Typ T-14, die Luftabwehrsysteme S-400, Buk-M3 und Tor-M2 sowie Kampfroboter vom Typ Uran-9.

Auf die geplante Flugshow muss der Kreml allerdings verzichten; zu schlecht sei das Wetter, in der Stadt windet es stark, lautet die offizielle Begründung. Ursprünglich sollten 77 Flugzeuge und Hubschrauber an der Militärparade teilnehmen – 77, weil es der 77. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland ist. Kampfflugzeuge hätten am Himmel ein „Z“ bilden sollen, heißt es in Medienberichten. Im Fernsehen zeigen sie stattdessen in Reih und Glied aufgestellte Soldaten, die – einer nach dem anderen – immer denselben Satz sagen: „Der Sieg wird unser sein, der Nazismus wird liquidiert sein, wir kommen bald nach Hause.“

Von Anfang an hatte Putin in diesem Konflikt eine Linie von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs zu heute gezogen, indem er den Überfall auf die Ukraine als „Befreiung vom Nazismus“ betitelte. Diese verdrehte Kontinuität hat das offizielle Moskau zum ideologischen Kampf des „Guten gegen das Böse“ aufgeladen, wobei Russland nach russischem Verständnis das Gute ist und der Westen, den Putin als „degeneriert“ ansieht, das Böse.

Das befürchtete Wort sagt Putin nicht: Generalmobilmachung

Dass die „Operation“ längst ins Stocken geraten ist, will in Moskau offiziell niemand zugeben. Dass Putin während seiner im Westen wie in Russland nervös erwarteten Ansprache nicht einmal einen Teilsieg verkündet, geschweige denn die gefürchtete Generalmobilmachung ausruft, ist ein stilles Zugeben dessen, dass doch nicht alles nach Plan läuft, wie es in Moskau mantraartig wiederholt wird.

Der 9. Mai als Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkrieg, dem 27 Millionen Menschen aus der gesamten Sowjetunion zum Opfer gefallen sind, war einst ein Tag des Schmerzes, ein privater Erinnerungstag. „Nie wieder“, sagten die, die durch die Schrecken des Krieges gegangen sind, und trugen den Wunsch nach Frieden an die nächsten Generationen. Doch längst hat ein „Wir können es wiederholen“ die Oberhand übernommen. Russland sieht sich als eine einzigartige Nation, die sich nichts von außen nehmen lasse und sich deshalb mit allen Mitteln verteidige.

Im Park des Sieges, im Westen der Stadt, versammeln sich an diesem Tag Tausende, um die „Vorväter zu ehren“. Sie harren in langen Schlangen vor den Metalldetektoren am Eingang aus, weil sie zum offiziellen Militärkonzert am Abend wollen. „Hier, sehen Sie, das ist mein Großvater und sein Bruder“, sagt Wiktoria Klimenko und zeigt auf die vergilbten Bilder auf dem Plakat in ihrer Hand.

„Klimytschew Nikolai“ steht da und „Klimytschew Konstantin“, gedient in der Roten Armee. „Schon damals haben sie in der Ukraine gegen die Bandera-Leute gekämpft. Und wenn es sein muss, ziehe auch ich heute gegen die Bandera-Nazis in den Krieg“, sagt sie und fügt hinzu: „Krieg ist etwas Schlimmes, Schmutziges, Leidvolles. Wir Russen sind für den Frieden.“

Ihr zehnjähriger Sohn hält eine rote Fahne in der Hand und schleckt an seinem Schokoladeneis. „Er ist sauer auf mich, weil wir es nicht geschafft haben, die Panzer und Raketenwerfer zu sehen“, sagt die Mutter. „Ich hab ihm gesagt, in ein paar Jahren werde er sie in echt sehen. Du wirst doch Soldat, nicht wahr, Kostja?“

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