50 Jahre Gebietsreform im Allgäu

Wäre ein "Landkreis Allgäu" heute sinnvoll?

Noch viele Jahre nach der Gebietsreform protestierte das Unterallgäuer Attenhausen gegen die Eingemeindung nach Sontheim. Unser Bild entstand im Jahr 1994 anlässlich eines Besuchs des damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber.

Noch viele Jahre nach der Gebietsreform protestierte das Unterallgäuer Attenhausen gegen die Eingemeindung nach Sontheim. Unser Bild entstand im Jahr 1994 anlässlich eines Besuchs des damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber.

Bild: Blank (Archiv)

Noch viele Jahre nach der Gebietsreform protestierte das Unterallgäuer Attenhausen gegen die Eingemeindung nach Sontheim. Unser Bild entstand im Jahr 1994 anlässlich eines Besuchs des damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber.

Bild: Blank (Archiv)

Vor 50 Jahren haben viele Orte bei der Gebietsreform im Allgäu ihre Selbständigkeit verloren, Kreise wurden aufgelöst. Ein Kommentar mit Blick in die Zukunft.
30.06.2022 | Stand: 06:57 Uhr

Man kann sich lebhaft vorstellen, wie es damals in Bayern zugegangen ist, wie gestritten und die Politik des Freistaats kritisiert wurde. Mit der Gebietsreform vor 50 Jahren wurde die kommunale Landschaft in Bayern regelrecht umgepflügt: Die Zahl der Gemeinden verringerte sich von knapp 7000 auf etwa 2000 im Jahr 1979, die Zahl der Landkreise wurde halbiert. Doch nur wenige Kommunen waren mit ihrem Protest erfolgreich und bekamen ihre Selbständigkeit zurück. Ein Beispiel ist das Ostallgäuer Rettenbach am Auerberg. Attenhausen im Unterallgäu hatte dasselbe Ziel, doch dessen Freiheitswunsch stieß in München auf taube Ohren.

Die wichtigsten Nachrichten aus dem Allgäu, kommentiert von Redaktionsleiter Uli Hagemeier und seinem Team: Mit unserem "Weitblick"-Newsletter werden Sie einmal pro Woche schnell und kostenlos per E-Mail informiert. Abonnieren Sie den "Weitblick"-Newsletter hier.

Gebietsreform: Effizientere Verwaltung um bessere Investitionen zu ermöglichen

Die Verwaltung effizienter und leistungsstärker machen, Kleingemeinden abschaffen: Vor allem dieser Gedanke steckte hinter der Reform. Und das ist nachvollziehbar: Viele kleine Kommunen von einst hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr schwer getan, Investitionen in Kanalisation und Wasserversorgung zu stemmen oder neue Feuerwehrhäuser zu bauen.

Da war es nach der Eingemeindung schon eine große Hilfe, dass jetzt beispielsweise die nächstgelegene Stadt dafür zuständig war und von dort das Geld floss. Von dieser neuen Konstellation profitierten auch ungezählte Vereine, wenn es zum Beispiel um einen neuen Sportplatz oder den Bau einer Mehrzweckhalle ging.

Nachteil der Gebietsreform: Der politische Einfluss der Kommunen sinkt

Über die Sinnhaftigkeit von Eingemeindungen wurde im Laufe der Jahre immer weniger diskutiert, die meisten Menschen haben sich offensichtlich relativ bald mit den neuen Verhältnissen arrangiert. Und doch es gibt auch Nachteile der Gebietsreform. Nehmen wir den politischen Einfluss, der in den eingemeindeten Orten massiv gesunken ist: Als Kommunen ihre Selbständigkeit verloren, wurden die dortigen Gemeinderäte aufgelöst. Zwar gibt es jetzt Bürgerausschüsse in manchen Ortsteilen, aber sie befinden sich meist in der Rolle von Bittstellern und sind ohne Entscheidungsbefugnis.

Lesen Sie auch
##alternative##
Umweltschutz im Ostallgäu

Ostallgäuer sollen öfter das Auto stehen lassen und Rad fahren

Natürlich können sich auch Menschen aus den Ortsteilen in die politischen Gremien wählen lassen. Aber dort sind sie in aller Regel in der klaren Minderheit. Ein Punkt ist außerdem, dass sich die Entwicklung einer Kommune normalerweise im Hauptort abspielt und dort die meisten zentralen Einrichtungen entstehen. Auch das kann die Entwicklung in eingemeindeten Orten hemmen.

Ein Landkreis Allgäu? Das sollte man bleiben lassen

Trotz solcher Probleme bleibt festzustellen, dass die Gebietsreform vor 50 Jahren unterm Strich eine richtige Entscheidung war. Das gilt auch für die damalige Neuordnung der Landkreise. Es gab und gibt Stimmen, die sich dafür aussprechen, die Zahl der Kreise noch weiter zu verringern. Auf diese Weise könnte es fürs ganze Allgäu nur noch einen Landkreis geben. Doch das sollte man bleiben lassen. Bürgernahe Verwaltung heißt auch, dass die Wege zur Behörde möglichst kurz sein müssen.

Wie viele Menschen würden sich denn mit einem Landkreis Allgäu überhaupt identifizieren?

Bei nur einem Landratsamt im Allgäu wäre das nicht mehr gegeben. Mit mehreren auf die Region verteilten Außenstellen könnte man diesen Nachteil nicht wettmachen. Zudem wären Landrätinnen und Landräte bei so großen Kreisgebieten nicht mehr überall so präsent, wie es notwendig ist.

Und wie viele Menschen in der Region würden sich mit einem Landkreis Allgäu überhaupt identifizieren? Dass viel kleinere Kreisstrukturen noch in zahleichen Köpfen sind, zeigte sich vor einigen Jahren, als es wieder möglich wurde, die Kennzeichen von Altlandkreisen wie Füssen („FÜS“) oder Marktoberdorf („MOD“) ans Auto zu montieren. Das ist auf große Resonanz gestoßen.

(Zum runden Geburtstag des Landkreises gibt es für die Bürgerinnen und Bürger im Ostallgäu ein besonderes Schmankerl.)

Mehr Nachrichten aus dem Allgäu lesen Sie hier.