Allgäuer Tierwelt

Allgäuer Steinböcke: Im Sommer Bayer, im Winter Tiroler

Ein Steinbock am Säuling vor einer atemberaubenden Aussicht.

Ein Steinbock am Säuling vor einer atemberaubenden Aussicht.

Bild: Richard Wismath (Archiv)

Ein Steinbock am Säuling vor einer atemberaubenden Aussicht.

Bild: Richard Wismath (Archiv)

Die Zahl der Tiere in der Region ist stabil, steigt teils sogar an. Das liegt an den guten Lebensbedingungen. Wieso es sie auch mal über die Grenze treibt.
22.03.2021 | Stand: 06:00 Uhr

Der Bestand der Steinböcke im Allgäu ist stabil. Auf etwa 400 Tiere schätzt Henning Werth, Diplom-Biologe des Zentrums Naturerlebnis Alpin im Oberallgäuer Obermaiselstein, den Bestand in ganz Bayern. Etwa die Hälfte davon lebe im Allgäu. In den Bergen des Füssener Landes steigt die Zahl sogar stetig an. „Der Trend ist absolut positiv“, sagt Johann Greindl. Er arbeitet im Revier Hohenschwangau als Berufsjäger für die Bayerischen Staatsforsten und erklärt die Entwicklung des Steinbockbestandes mit „den guten, teils idealen Lebensraumbedingungen im bayerischen Teil des Ammergebirges“. Dort fänden die Tiere „besonders gute, sonnenseitige Wintereinstände und beste Sommerlebensräume“.

Werth kann sich vorstellen, dass „die Bestände im Allgäu perspektivisch noch weiter zunehmen“. Schneereiche Winter schränkten die Steinböcke wegen ihrer kurzen Beine ein. „Wenn der Schnee im Allgäu in Zukunft weniger wird, könnte die Population wachsen“, sagt Werth.

Aus Österreich eingewandert

Eingewandert sind die bayerischen Steinböcke aus Österreich. In Tirol war ab Mitte der 1950er-Jahre durch Auswilderungsaktionen und die Eigeninitiative dortiger Jagdpächter eine Steinwildpopulation begründet worden. Mitte der 1980er-Jahre tauchten die ersten Böcke auf bayerischer Alpenseite auf. „Von da an hat sich die Population auf der bayerischen Seite des Ammergebirges etabliert. Erfreulicherweise geschah dies kontinuierlich, wenn auch der Art entsprechend langsam“, sagt Greindl.

Für sein Revier in Hohenschwangau schätzt er den aktuellen Bestand auf 30 bis 40 Tiere. Sie leben im alpinen Bereich zwischen Säuling, Tegelberg, Krähe und Hochplatte. Wobei zum Beispiel das Steinwild am Säuling diesen Bergstock je nach Jahreszeit revierübergreifend beiderseits der Landesgrenze nutze. Grob gesagt lebe es im Sommer auf bayerischer, im Winter auf Tiroler Seite. In der Hochwild-Hegegemeinschaft Ammergebirge, einem Zusammenschluss von zehn Jagdrevieren mit insgesamt 18 000 Hektar, kommt Steinwild laut Greindl in einigen Revieren vor. „Der Gesamtbestand dürfte daher deutlich über dem in Hohenschwangau liegen“, sagt der Jäger. Im Oberallgäu sind Steinböcke laut Werth im Bereich des Allgäuer Hauptkamms sowie zwischen Walser Geisshorn und den Schafalpenköpfen zu finden.

Ein Inzuchtproblem, wie es kürzlich durch eine Genetikstudie für eine kleine Steinbockpopulation bei Bad Tölz bekannt wurde, sieht Greindl für die Steinböcke im Ammergebirge nicht. „Alle Alpensteinböcke stammen von den letzten verbliebenen Steinböcken im Gran Paradiso Gebiet ab“, sagt er. Durch vorausschauende Handlungsweise und eine bereits in Österreich vorgenommene Blutauffrischung sei dem entgegengewirkt worden. Die Zukunft werde zeigen, ob durch eine genetische Verarmung, beispielsweise wegen der nötigen Anpassung an das sich ändernde Klima, negative Auswirkungen auftreten.

So werden die Steinböcke geschützt

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Um die bedrohte Tierart zu schützen, werde bei der Bejagung anderer Tiere Rücksicht auf die Steinböcke genommen. Im Staatsjagdrevier Hohenschwangau zum Beispiel seien jagdliche Ruhezonen in den Hochlagen ausgewiesen worden, in denen gar nicht gejagt werden darf. Außerdem schaffe und erhalte die Alpwirtschaft Freiflächen, die äußerst wertvolle Äsungsgebiete für Rot-, Gams- und Steinwild darstellten. Im Oberallgäu gebe es große Schutzgebiete. „Sie schützen praktisch 100 Prozent der Steinbock-Bestände“, sagt Werth.

Die Steinböcke selbst unterliegen in Bayern zwar dem Jagdrecht, sind aber ganzjährig geschont. Geschossen werden sie nur bei Krankheiten oder wenn der Bestand zu groß wird. „Krankheiten, wie Räude, tauchten bei uns aber bisher Gott sei Dank nicht auf“, sagt Greindl. Und die Zahl der Tiere liege weit unter dem, was ihr Lebensraum aushält.

Problematisch für das Steinwild sei aber, wie für andere Wildtiere auch, die zunehmende, teils exzessive Nutzung seines Lebensraums durch Menschen. „Leider hat sich diese Entwicklung durch die Coronapandemie deutlich verschärft und die Beunruhigungen finden zu jeder Jahres- und Tageszeit statt“, sagt Greindl und fordert: „Hier ist die Gesellschaft in der Pflicht, den Wildtieren ihren angestammten Platz in der Natur zuzugestehen.“ Im Moment könnten Steinböcke und Gämsen noch ohne menschliche Hilfe, zum Beispiel durch Fütterung, in weitgehend ursprünglichen Lebensräumen leben. Damit das so bleibt, wird es „in Zukunft wichtig sein, Gebiete auszuweisen, in denen man auf die berechtigten Ansprüche der Wildtiere Rücksicht nimmt“, sagt Greindl.

Der Steckbrief des Steinbocks

  • Steinböcke gehören zur Familie der Ziegen. Männchen und Weibchen haben nach hinten gebogene Hörner. Bei den Böcken können sie bis zu einen Meter lang und 2,5 Kilogramm schwer werden.
  • Steinböcke leben in steilen Berghängen bis auf 3500 Meter Höhe. Da sie nicht schwitzen können, sind sie oft auf der Suche nach schattigen Plätzen. Im Winter wandern sie in tiefere Lagen.
  • Um den Steinbock rankten sich früher viele Mythen. Vom Blut über die Haare bis zu seinen Exkrementen gab es kaum etwas, das nicht als Medizin eingesetzt wurde.
  • Deshalb war er bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts in den Alpen fast ausgerottet worden. Nur noch im italienischen Grad Paradiso gab es etwa 100 Tiere. Durch Schutzgebiete und Wiederansiedlungsprojekte erholte sich der Bestand. 1936 kamen die ersten Steinböcke zurück nach Bayern (Berchtesgaden)

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