Tierskandal im Allgäu

Staatsanwaltschaft erhebt nach Tierskandal Anklage gegen Landwirte und Helfer

Nach dem sogenannten "Tierskandal im Allgäu" hat die Staatsanwaltschaft gegen zwei Landwirte und mehrere Mitbeschuldigte Anklage erhoben. Sie sollen den Ermittlungen massiv gegen den Tierschutz verstoßen haben.

Nach dem sogenannten "Tierskandal im Allgäu" hat die Staatsanwaltschaft gegen zwei Landwirte und mehrere Mitbeschuldigte Anklage erhoben. Sie sollen den Ermittlungen massiv gegen den Tierschutz verstoßen haben.

Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Archiv/Symbolbild)

Nach dem sogenannten "Tierskandal im Allgäu" hat die Staatsanwaltschaft gegen zwei Landwirte und mehrere Mitbeschuldigte Anklage erhoben. Sie sollen den Ermittlungen massiv gegen den Tierschutz verstoßen haben.

Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Archiv/Symbolbild)

Anklage im sogenannten "Tierskandal im Allgäu": Zwei Landwirte und mehrere Mitbeschuldigte sollen vor Gericht. Was die Anklage ihnen vorwirft - und was nicht.
27.11.2020 | Stand: 16:38 Uhr

Gut eineinhalb Jahre nach der Aufdeckung des sogenannten "Tierskandals im Allgäu" hat die Staatsanwaltschaft Memmingen Anklage gegen einen Landwirt (63), dessen Sohn (30), sowie vier ihrer leitenden Mitarbeiter erhoben. Das bestätigte die Behörde am Freitagmorgen. Gegen weitere mutmaßliche Tierquäler wurden Strafbefehle beantragt.

Die Anklage wirft den Beschuldigten vor, 2019 in einem der bundesweit größten Milchviehbetriebe in Bad Grönenbach (Landkreis Unterallgäu) Tiere misshandelt und gequält zu haben. Den sechs Betroffenen wird vor allem zur Last gelegt, dass sie sich nicht ausreichend um die medizinische Versorgung von 58 erkrankten Rindern gekümmert hätten.

Der 30-jährige Landwirt und die Angestellten des Milchviehbetriebes sollen außerdem in etlichen Fällen Rinder beim Transport und bei der Umlagerung - unter anderem mit einem Radlader - gequält haben. Den Tieren seien dabei erhebliche Schmerzen und Leid zugefügt worden, so die Behörde. Dem 63-Jährigen wird ein solcher Vorwurf dagegen nicht gemacht.

Tierskandal in Bad Grönenbach: Strafbefehle gegen weitere Beschäftigte

Die Staatsanwaltschaft hat darüber hinaus Strafbefehle gegen einen weiteren leitenden Angestellten (34) des Großbetriebs sowie vier Mitarbeiter ohne Leitungsfunktion - drei Männer und eine Frau im Alter zwischen 31 und 67 Jahren beantragt. Auch sie sollen Tiere gequält haben. Die Höhe der beantragten Strafbefehle liegt zwischen 40 und 90 Tagessätzen.

Bei vier freiberuflichen Tierärzten und einem 21-jährigen Angestellten, die ebenfalls zunächst im Visier der Ermittler standen, wurden die Ermittlungen "mangels hinreichenden Tatverdachts" eingestellt, so die Behörde.

Aufgedeckt hatte den Fall im Juli 2019 der Augsburger Verein "Soko Tierschutz". Dieser hatte damals Fotos und Videos aus dem Betrieb mit gut 1700 Milchkühen veröffentlicht, die gravierende Verstöße gegen das Tierschutzgesetz dokumentierten. Die Aufnahmen zeigten unter anderem, wie ein Mitarbeiter einem kranken Rind gegen den Kopf tritt und ein Tier mit einem spitzen Gegenstand traktiert wird. Kranke Kühe wurden zudem von Traktoren durch den Stall geschleift.

Großeinsatz in Bad Grönenbach: Im Sommer 2019 rückte die Polizei im Unterallgäu an, um den Rinderbetrieb zu durchsuchen.
Großeinsatz in Bad Grönenbach: Im Sommer 2019 rückte die Polizei im Unterallgäu an, um den Rinderbetrieb zu durchsuchen.
Bild: Matthias Becker, Archiv

Es folgten Durchsuchungen auf mehreren Höfen, eine eigens eingesetzte Soko übernahm die Ermittlungen. Untersuchungen ergaben letztlich bei 191 der gut 1700 Milchkühe auf dem Hof bei Bad Grönenbach Auffälligkeiten.

Tierskandal im Allgäu: Behörden in der Kritik

Der Fall löste eine bundesweite Debatte über die Haltung von Tieren in Großbetrieben und deren Kontrolle aus. Der Deutsche Tierschutzbund sprach von einem besonders schwerwiegenden Tierschutzverstoß, der konsequente Ahndung erfordere.

Auch die für Kontrollen zuständigen Behörden gerieten massiv in die Kritik, nachdem bekannt wurde, dass es bereits Hinweise auf Verstöße auf dem Hof gegeben hatte - und dass es auch in vier weiteren großen Rinderbetrieben im Allgäu, zwei in Bad Grönenbach, zwei in Dietmannsried, offenkundig zu Tierschutzverstößen gekommen war. Die Ämter werten sich mit dem Argument, dass ihnen seit Jahren das für bessere Kontrollen nötige Personal verwehrt worden sei.

Der Tierskandal im Allgäu sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Das Medieninteresse, hier etwa bei einer Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Memmingen, war enorm.
Der Tierskandal im Allgäu sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Das Medieninteresse, hier etwa bei einer Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Memmingen, war enorm.
Bild: Matthias Becker, Archiv

Gegen einen 66-jährigen und einen 23-jährigen Landwirt aus Bad Grönenbach, die im Zuge des Tierskandals im Allgäu 2019 ins Visier der Ermittler gerieten, hatte die Staatsanwaltschaft Memmingen bereits im August Anklage erhoben. Dem Vater und seinem Sohn wird vorgeworfen, im Jahr 2019 auf drei Höfen in den Landkreisen Unterallgäu, Oberallgäu sowie in der Stadt Kempten gegen das Tierschutzgesetz verstoßen zu haben.

In einem der Fälle in Dietmannsried sprach das Landratsamt Oberallgäu sogar ein „Tierhalte- und Betreuungsverbot“ gegen die Hofinhaber aus. Die Landwirte klagten dagegen, schließlich einigte man sich: Die bisherigen Betreiber zogen sich „altersbedingt“ zurück und verkauften den Hof, der Sohn durfte als angestellter Landwirt arbeiten.

Das Verfahren gegen drei Tierärzte in dem Komplex wurde dagegen vor einigen Wochen eingestellt. Ihnen habe nicht nachgewiesen werden können, "dass sie sich aktiv eines Vergehens schuldig gemacht haben", so die Staatsanwaltschaft Memmingen.

Ob im aktuellen Fall die Anklage der Staatsanwaltschaft Memmingen vom Gericht zugelassen wird, ist noch nicht klar. Der Anklage waren umfangreiche Ermittlungen vorausgegangen. Die Beweismittel umfassen 31 Leitz-Ordner, die Akte besteht aus drei Bänden mit jeweils 200 Seiten. Im Fall eines Schuldspruchs drohen den Beschuldigten Geld- oder Freiheitsstrafen.

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