Lawinen

Ein Verschütteten-Suchgerät, das sprechen kann - „Gehe runter auf den Schnee“

Der Oberallgäuer Bergführer Bernd Zehetleitner war Ideengeber für das neue Lawinen-Verschütteten-Suchgerät des oberbayerischen Herstellers Ortovox.

Der Oberallgäuer Bergführer Bernd Zehetleitner war Ideengeber für das neue Lawinen-Verschütteten-Suchgerät des oberbayerischen Herstellers Ortovox.

Bild: Michael Munkler

Der Oberallgäuer Bergführer Bernd Zehetleitner war Ideengeber für das neue Lawinen-Verschütteten-Suchgerät des oberbayerischen Herstellers Ortovox.

Bild: Michael Munkler

Oberallgäuer Bergführer Bernd Zehetleitner hat maßgeblich an der Entwicklung des ersten sprachgesteuerten Modells mitgearbeitet. Wann es in den Handel kommt.
15.02.2021 | Stand: 06:00 Uhr

„Lauf geradeaus“, fordert eine Frauenstimme. Oder: „Laufe im 50-Meter Suchstreifen und halte Ausschau“. Kurz bevor wir mit dem neuen, sprachgesteuerten Lawinen-Verschütteten-Such (LVS)-Gerät einen im Schnee vergrabenen Peilsender geortet haben, befiehlt die Stimme: „Gehe runter auf den Schnee“. Auf dem Display des Geräts ist jetzt zu sehen, dass wir offensichtlich am Ziel sind. Denn das auf Senden eingestellte, im Schnee vergrabene andere LVS-Gerät markiert in dieser Versuchsituation einen von den Schneemassen Verschütteten.

Schon vor Jahren auf die Idee gekommen

Bergführer Bernd Zehtleitner aus dem Oberallgäuer Bergführer kam bereits vor Jahren die Idee, ein sprachgesteuertes LVS-Gerät zu entwickeln. „Technisch war bis dahin eigentlich alles ausgereizt, aber es ging darum, die digitalen Geräte noch bedienungsfreundlicher zu machen“, schildert er im Gespräch mit unserer Zeitung. Vorangegangen waren Versuche, solche Geräte weiter zu optimieren. Eine Zeit lang sah es so aus, als könne man mit einer App auf dem Handy neue Wege gehen. Doch das habe sich als wenig aussichtsreich herausgestellt, sagt Zehetleitner heute.

Die Ausgangslage ist klar: Wenn ein Schneebrett oder eine Nassschneelawine abgeht und Wintersportler verschüttet, dann kann es nicht schnell genug gehen, bis eine Rettungskette anläuft. In der Regel sind Freunde oder Bekannte auf Tour die ersten, die einen Verschütteten orten, ihn idealerweise finden und lebend ausgraben.

Alle Beteiligten stehen unter Schock

Bekannt ist aber auch: Nach einem Lawinenunglück stehen alle Beteiligten unter Schock und müssen dennoch kühlen Kopf bewahren und mit der sogenannten Kameradenrettung beginnen. Vom richtigen Umgang mit dem LVS-Gerät hängt jetzt das Überleben von Menschen ab. Nur wenn ein von den Schneemassen Verschütteter möglichst schnell geortet, sondiert und ausgegraben wird, hat er gute Überlebenschancen. Bereits nach 15 bis 20 Minuten sinkt die Chance dramatisch, eine Verschüttung zu überleben. „Es ist leider so, dass beim Menschen im Ernstfall logisches und klares Denken nicht funktioniert“, sagt der Sonthofener Bergwacht-Mann, der schon viele Extremsituationen erlebt hat.

Zehetleitner, der eine Bergschule betreibt, stieß beim Wintersportartikel-Hersteller Ortovox in Taufkirchen bei München auf offene Ohren. Die 1980 gegründete Firma sei damals mit dem ersten LVS-Gerät auf den Markt gekommen, berichtet Zehetleitner. Zusammen mit Ingenieuren des Unternehmens wurde jetzt das erste sprachgesteuerte Verschütteten-Suchgerät entwickelt. Der 49-jährige Bergführer ist überzeugt, dass Sprachnachrichten in einer extrem Schock- und Paniksituation besser aufgenommen werden als Signale auf einem Display. Genauso seien ja auch Defibrillatoren zur Rettung akut Herzkranker sprachgesteuert.

Gerät kann neun Sprachen

Etwa vier Jahre Entwicklungsarbeit vergingen, bis Zehetleitner den Bruttotyp des sprachgesteuerten LVS-Geräts in der Hand hielt. Auf der diesjährigen Sportartikelmesse ISPO in München wurde es vorgestellt. Bergführer seien damit bereits in diesem Winter unterwegs, berichtet Zehetleitner. Zur nächsten Wintersaison solle das sprachgesteuerte LVS-Gerät im Handel sein und etwa 330 Euro kosten. Es gibt die Anweisungen in neun Sprachen. Vor der ersten Inbetriebnahme muss die gewünschte Sprache gewählt werden. Doch ein solches Verschütteten-Suchgerät nur zu besitzen, reicht nicht aus. Obwohl die Bedienung leicht sei, raten Experten zu regelmäßigem Training. Vor allem zu Beginn einer Wintersaison. Um mit dem neuen Gerät vertraut zu werden, sollte man sich mindesten eine Stunde Zeit nehmen, empfiehlt der Bergführer.

In den vergangenen Jahren hat es im Alpenraum im langjährigen Schnitt etwa 100 bis 120 Lawinentote gegeben. Fast ausnahmslos ereigneten sich die Unfälle im nicht gesicherten Pistenbereich.

Lesen Sie auch: Während Tourengehen im freien Gelände boomt, ist Ausrüstung fürs alpine Fahren absolut out. Ein Händler aus Schwangau spricht über Fluch und Segen des Trends.
Und: Zwei Jahre ist es her, dass in Balderschwang eine 20.000 Kubikmeter große Lawine in den Wellnessbereich eines Hotels gekracht ist. Wie die Situation heute ist.