Fußball-Europameisterschaft

Helfen Stoßgebete vor dem EM-Spiel gegen England? Was Pfarrer aus der Region sagen

Gläubige Kicker II

Vielleicht bittet auch Harry Kane am Dienstagabend in der Partie gegen Deutschland um Beistand, wenn es zum Elfmeterschießen zwischen England und der Elf von Bundestrainer Jogi Löw kommen sollte.

Bild: Juan Carlos, dpa (Archivbild)

Vielleicht bittet auch Harry Kane am Dienstagabend in der Partie gegen Deutschland um Beistand, wenn es zum Elfmeterschießen zwischen England und der Elf von Bundestrainer Jogi Löw kommen sollte.

Bild: Juan Carlos, dpa (Archivbild)

Welche Parallelen es zwischen Fußball und Glaube gibt. Existiert ein Fußballgott? Pfarrer aus dem Oberallgäu und aus Kempten versuchen Antworten zu geben.
29.06.2021 | Stand: 10:37 Uhr

Es sei die Hand Gottes gewesen, nicht die eigene, die den Argentiniern bei der Fußball-WM 1986 mit einem Schummeltor im Viertelfinale gegen England den Sieg bescherte, behauptete Diego Maradona. Ist etwa Cristiano Ronaldo, der bisher für Portugal bei der EM stürmte, ein Fußballgott, wie seine Anhänger behaupten? Und gibt es sogar eine höhere Macht, die den Ausgang einer Partie beeinflusst? Unsere Redaktion hat bei Pfarrern aus dem Oberallgäu und aus Kempten nachgefragt.

„Ich denke, Gott gehört keinem Fußballverein an. Er ist vereinsfrei und hält zu jedem Verein, auch zu dem, der nicht besonders gut spielt“, sagt Dekan Karl-Bert Matthias von der katholischen Kirche St. Peter und Paul in Oberstaufen. „Als leidgeprüfter Fan des Bundesligisten 1. FC Köln bin ich mir da sehr sicher.“ Und einen Fußballgott gebe es nicht, auch wenn Menschen oft dazu neigen, besonders gute Fußballspieler so zu betiteln. Als Zuschauer, Fußballanhänger und Fan „sehen wir Sieger und Verlierer. Gott sieht anders“, lässt der Dekan wissen.

Tore gegen Ungarn "verdanken wir dann doch eher der Leistung"

„Und doch glaube ich, dass er am vergangenen Mittwoch in der 85. Minute all meine Stoßgebete gehört hat. Dass aber Leon Goretzka kurz vor Schluss den Ausgleich für Deutschland gegen Ungarn erzielte, verdanken wir dann doch eher der Leistung und den letzten Kräften unserer Mannschaft“, ist sich Dekan Matthias sicher. Er glaubt, dass das deutsche Team am Dienstagabend im Achtelfinale gegen England im Elfmeterschießen gewinnen wird.

„Augenzwinkernd würde ich sagen: Einen Fußballgott gibt es nicht, aber sein Thron steht mitten unter uns“, meint Pfarrer Frank Witzel von der evangelischen Kreuzkirche in Hirschegg. Ab und zu setze sich von den Menschen jemand drauf. „Hoffentlich kann der jeweils Thronende dann Menschen zu Gutem inspirieren: Zu Gemeinschaft, Spaß und Freude in und unter den unterschiedlichsten Fußballnationen und im Angesicht der Vielstimmigkeit die bunten zehn Gebote der Diversität erlassen und den Regenbogen als internationale Verbandsfahne deklarieren“, sagt Pfarrer Witzel. Hilft denn Beten vor einem Spiel, um Gott milde zu stimmen, damit die eigene Mannschaft gewinnt? „Dies ist eine Form von magischem Denken in weltlichem Umfeld“. (Lesen Sie auch: Pater Robin kehrt nach Indien zurück: Freundliche Allgäuer bleiben ihm in Erinnerung)

Magie möge Macht gewinnen

Das gebe es in Religion und Fußball und in vielen anderen Bereichen auch – trotz aller Aufklärung, die sich an der Vernunft orientiere. Magie möchte Macht gewinnen über Dinge und Prozesse, die nicht „handhabbar“ sind. Sie habe immer auch egoistische Anteile.

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Ein bewusst gläubiges Gebet auf dem Spielfeld könnte lauten: „Guter Gott, lass uns durch ein schönes und spannendes Spiel zueinanderfinden und die Menschen, die zuschauen damit anstecken.“ Solche Gebete wurden erhört, zum Beispiel beim legendären deutschen „Sommermärchen 2006“, sagt Pfarrer Witzel. „Ich glaube, es ist ein Geschenk des Himmels, dass die Sprache des Fußballs in allen Ländern der Welt und in allen sozialen Schichten verstanden werden kann.“ Er tippt auf einen 3:2-Erfolg der deutschen Elf am Dienstag im Wembley-Stadion.

Empfänglich für Rituale

Der Mensch sei von Natur aus religiös veranlagt. „Auch scheinbar unreligiöse Menschen sind für Rituale und quasi-religiöse Verhaltensweisen empfänglich“, erläutert Dekan Bernhard Hesse von der katholischen Pfarrei St. Anton in Kempten.

Dies zeige sich nicht nur im Fußball, auch Rockkonzerte, Fernsehshows und selbst ganz säkulare Geburtstagsfeiern würden solche Elemente kennen.

"Auf das Spielergebnis direkt wird Gott sicher keinen Einfluss nehmen"

Auch betende Fußballer kann Dekan Hesse verstehen. „Ein Gebet macht mich gelassener, schenkt mir einen inneren Frieden, sodass ein betender Fußballprofi sich gut auf ein Spiel einstimmen kann“, aber auch mit einer Niederlage oder einem Fehler besser zurechtkomme und auch im Sieg nicht überheblich werde. „Auf das Spielergebnis direkt wird Gott sicher keinen Einfluss nehmen, zumal er alle Menschen gleich liebt und sich nicht einseitig mit einer Mannschaft identifizieren lässt“, betont Dekan Hesse. Mann könne Begriffe wie „Fußballgötter“ als Stilmittel der Übertreibung interpretieren. Denn sie seien von der Realität ohnehin weit entfernt. „Jeder Mensch und jeder Fußballer ist immer auch fehlerbehaftet, heute wird er bejubelt, morgen ist er vergessen.“ Es gebe keinen Fußballgott, es gebe nur einen Gott, der jeden Menschen liebt und will, dass jeder Mensch sich von Gottes Liebe berühren lässt. Dieser Gott gönne uns die Freude am Fußball. Er tröste uns in Niederlagen – nicht nur im Stadion. Trost werden wohl auch die Schützlinge von Bundestrainer Jogi Löw dem Dienstag brauchen. Dekan Hesse tippt auf einen 3:1-Sieg der Engländer.

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