Bürger-Wissenschaft

Klimawandel: Bäume wachsen so hoch im Gebirge wie nie zuvor

Exkursion Baumgrenze Forstprojekt

Wegen der steigenden Temperaturen finden Förster immer wieder Bäume wie beispielsweise diese Tanne unterhalb der Kanzelwand, die in einer ungewöhnlich hohen Lage inmitten von Latschen gewachsen ist.

Bild: Michael Mang

Wegen der steigenden Temperaturen finden Förster immer wieder Bäume wie beispielsweise diese Tanne unterhalb der Kanzelwand, die in einer ungewöhnlich hohen Lage inmitten von Latschen gewachsen ist.

Bild: Michael Mang

Wenn die Temperaturen steigen, verschiebt sich die Baumgrenze im Gebirge. Welche Folgen das hat, soll ein Forschungsprojekt ergründen - Mitmachen kann jeder.
28.09.2021 | Stand: 18:30 Uhr

Als er die Tanne erblickt, die sich aus einer Gruppe von Latschen erhebt, zückt Boris Mittermeier sein Smartphone. Der Baum steht auf knapp 1800 Metern unterhalb des Kanzelwandgipfels – ungewöhnlich hoch für seine Art. Der Forstamtmann Mittermeier von der Fachstelle Waldnaturschutz ist mit einer Exkursion am Fellhorn in Oberstdorf aufgebrochen, um Bäume zu dokumentieren, die in für ihre Art ungewöhnlichen Höhenlagen wachsen. Es ist der Auftakt zu einem Bürger-Wissenschaftsprojekt mit dem wie berichtet die Folgen des Klimawandels im Hochgebirge untersucht werden sollen.

„Wenn die Durchschnittstemperatur um ein Grad steigt, verschiebt sich die Baumgrenze in den Alpen um rund 200 Meter nach oben“, erklärt Mittermeier. So reagierten die Pflanzen langsam auf die Temperaturunterschiede und dringen auch in die Gipfelregionen vor. „Natürlich gibt es weitere Faktoren, die das Wachstum in Höhenlagen limitieren“, erklärt Forstdirektor Peter Titzler. „Beispielsweise Bodenqualität, Hanglage und Niederschlag – aber die Temperatur ist das Leitmotiv.“ Seit vielen Jahren entdecken die Förster in der Region immer wieder Bäume, die in für ihre Arten ungewöhnliche Höhenlagen vordringen. Diese Beobachtung wird jetzt wissenschaftlich untersucht werden. Das Forschungsprojekt soll Antworten auf die Fragen liefern, ob Bäume und Sträucher immer höher wachsen, die Baumgrenze steigt und sich die Zusammensetzung des Bergwaldes verändert.

Wissenschaftler aus München begleiten das Projekt

Das Besondere an dem Projekt: Die Bevölkerung ist eingeladen, mitzumachen und Daten zu sammeln. Begleitet wird das Projekt von Prof. Dr. Jörg Ewald von der Hochschule Weihenstephan in Freising. Von der Technischen Universität München wurde die Smartphone-App „BAYSICS“ entwickelt, mit der bei Wanderungen besonders hoch gelegene Buchen, Tannen, Fichten oder andere Pflanzen gefunden und für ein wissenschaftliches Projekt ausgewertet werden sollen. Mit dem Programm, das auf jedem Smartphone nutzbar ist, kann man Bilder und Koordinaten der Bäume hinterlassen. Sodass jede Entdeckung für die Wissenschaftler später nachvollziehbar ist.

Auch die Mitglieder der Exkursion im Fellhorn-Kanzelwand-Gebiet erfassen mit Hilfe der App, ungewöhnlich hoch wachsende Bäume und melden den Standort mit ihren Mobiltelefonen an das Programm.

Rekordverdächtige Bäume entdeckt

Auf der Tour durch die Oberstdorfer Berge lernen die Exkursionsteilnehmer nicht nur viel über Baum- und Waldgrenze sowie die Besonderheiten der einzelnen Arten, sondern entdecken dann tatsächlich eine Reihe von Besonderheiten: Eine Tanne auf 1760 Metern und eine Vogelbeere auf 1890 Meter sind rekordverdächtig – so hoch wurden diese Baumarten noch nicht dokumentiert, bestätigt Förster Mittermeier. Auch Fichten und Bergahorne sind in den dichten Latschenhängen zu finden, die die Gruppe auf dem Weg nach Warmatsgund durchquert.

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Die Gruppe von „Bürgerforschern“ wandelt dabei auf den Spuren eines Pioniers der Naturwissenschaft: Der Münchner Botaniker Otto Sentner hat vor 170 Jahren im Auftrag des Bayerischen Königs Maximilian II. die höchstgelegenen Vorkommen vieler Pflanzenarten gesucht und mit dem Barometer vermessen. Dank dieser beeindruckenden Arbeit aus dem Jahr 1854 liegen für den gesamten bayerischen Alpenraum Vergleichsdaten vor.

Wie die "Stunde der Gartenvögel", nur mit Bäumen

Das Forschungsprojekt funktioniert ähnlich wie die erfolgreiche „Stunde der Gartenvögel“, bei der 2021 3,1 Millionen Vögel gemeldet wurden. Mitmachen können bei der Suche nach in Höhenlagen gewachsenen Bäumen alle, die im Gebirge unterwegs sind. Sie müssen sich die App auf ihr Smartphone laden, Bäume oder Sträucher fotografieren und die Position markieren. Die Forscher sammeln die Daten und werten sie aus. „Die Menge an Daten kompensiert, dass auch fehlerhafte dabei sein können“, erklärt Mittermeier. Liefert das Projekt eine breite Datengrundlage, könnten so die Folgen des Klimawandels für den Lebensraum in den Bayerischen Alpen erstmals dokumentiert werden.

Führung: Das Projekt wird bei einer weiteren Führung am Samstag, 9. Oktober, am Hochgrat vorgestellt. Treffpunkt ist um 9 Uhr am Parkplatz der Hochgrat-Bahn.

Anmeldung unter Telefon 0831/526132015 oder unter der E-Mail: poststelle@aelf-ke.bayern.de

App: Herunterladen kann man das Programm mit dem die Bäume im Gebirge dokumentiert werden können im Internet.

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