Kemptener Geschichte

Historikerin fordert neuen Blick auf Kemptener NS-Zeit

Kempten Jägerdenkmal

Vor 90 Jahren, am 20. Juli 1930, wurde das Jägerdenkmal an der südlichen Stadtgrenze eingeweiht. Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt trat damals in dem für ihn typischen Gehrock mit Zylinder und Amtskette auf. Drei Jahre später wurde das Gelände zum Adolf-Hitler-Platz. Damit hielt der als Schlitzohr bekannte Merkt den Führerkult weit weg vom Stadtzentrum und ohne Postadresse, sagen Geschichtsinteressierte.

Bild: /Repro: Ralf Lienert

Vor 90 Jahren, am 20. Juli 1930, wurde das Jägerdenkmal an der südlichen Stadtgrenze eingeweiht. Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt trat damals in dem für ihn typischen Gehrock mit Zylinder und Amtskette auf. Drei Jahre später wurde das Gelände zum Adolf-Hitler-Platz. Damit hielt der als Schlitzohr bekannte Merkt den Führerkult weit weg vom Stadtzentrum und ohne Postadresse, sagen Geschichtsinteressierte.

Bild: /Repro: Ralf Lienert

Dr. Martina Steber richtet Fokus auf mehrere Nazi-Symbole in der Stadt Kempten. So manche ihrer Darstellungen stößt allerdings auf Widerspruch.

09.06.2020 | Stand: 19:37 Uhr

Das Thema „Nationalsozialismus in Kempten“ lockte am Donnerstagabend 151 Zuhörer an die Bildschirme. Über zwei Stunden verfolgten sie den Online-Vortrag von Dr. Martina Steber, die sich kritisch mit der Kemptener Symbolpolitik und alten Eliten auseinandersetzte. Sie regte zudem an, dass die Rolle der Stadtverwaltung im NS-Staat erforscht werden soll. 

75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs will die stellvertretende Leiterin der Forschungsabteilung München am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin und Privatdozentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München einen „frischen Blick“ auf die mehr als 2000-jährige Geschichte der Stadt werfen. Im Fokus steht für sie das Thema „Volksgemeinschaft, Führerkult und Terror“.

NS-Vergangenheit des Königsplatzes in Kempten

Seit Anfang 1933 habe sich auch in Kempten der NS-Machtanspruch im öffentlichen Raum gezeigt. „Der Königsplatz wurde zum Adolf-Hitler-Platz und die Bahnhofstraße zur Hindenburgstraße“, erklärte Steber. 

>>Den Kommentar unseres Mitarbeiters Ralf Lienert dazu finden Sie hier<<

Als Beispiel für die städtische Repräsentationskultur griff sie das Jägerdenkmal heraus. Dieses war 1925 von der Vereinigung ehemaliger Einser-Jäger von Kempten und Umgebung initiiert worden. Das Königlich-Bayrische I. Jäger-Bataillon war von 1873 bis 1897 in der Residenz untergebracht. Am 20. Juli 1930 wurde das Denkmal weit weg vom Zentrum an der südlichen Stadtgrenze eingeweiht.

Der Platz am Kemptener Jägerdenkmal wurde zum Adolf-Hitler-Platz

Drei Jahre später, am 2. September 1933, wurde der Platz am Jägerdenkmal zum Adolf-Hitler-Platz, die Wege dorthin erinnerten an die frühen NS-Vertreter Horst Wessel und Albert Leo Schlageter. Zudem wurden fünf Eichen in Erinnerung an Paul von Hindenburg, Adolf Hitler, Ritter von Epp, Ludwig Siebert und Hermann Esser gepflanzt. Für Steber waren dies Symbole der NS-Verherrlichung. Sie zitierte Buchautor Fritz Hacker, der 1939 schrieb: „Es wird wohl nur wenige Orte geben, wo die Gedächtnisstätten zur Erinnerung an den großen völkischen Umbruch des Jahres 1933 an so überragender Stelle errichtet wurden wie in Kempten.“

Autokratischer Politiker

Steber behandelte am Beispiel von Otto Merkt das Thema „die alten Eliten und die nationalsozialistische Herrschaft“. Er sei 1933 in der NSDAP aufgenommen worden, obwohl er als politisch unzuverlässig im Sinne der NS-Bewegung galt. Die Historikerin bezeichnete Merkt als autokratisch regierenden Politiker, der mit Kreisleiter Anton Brändle zusammengearbeitet habe. In ihren Augen war er ein Anti-Demokrat. Noch schlimmer: Als schwäbischer Kreistags-Präsident wurde er in den „Hauptausschuss der Münchner Gesellschaft für Rassenhygiene“ gewählt. Steber griff sich auch die akademische Ferienvereinigung Algovia heraus und erinnerte an die anti-jüdische Stimmung im Sommer 1936. Damals wurde erklärt, dass künftig keine Juden und Ausländer mehr aufgenommen werden.

Kemptens NS-Vergangenheit: Historikerin gibt dem Kulturamt Hausaufgaben mit

Fazit der Referentin in der Diskussion: Merkt hätte 1933 einfach zurücktreten können, so wie es 1936 der OB von Leipzig, Carl Friedrich Goerdeler, getan hat. Damit hätte er die Chance ergriffen, Nein zu sagen zum NS-Staat. Die Wissenschaftlerin gab dem Kulturamt Hausaufgaben mit: Welche Rolle spielte die Stadtverwaltung im NS-System? Wie profitierte die Kommune bei der Ausraubung der Juden und wie groß war die Rolle der Stadt als Vermittler von Zwangsarbeitern? Für Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn ist die Vortragsreihe „der bewegte Donnerstag“ eine ideale Plattform für weitere Forschungsergebnisse.

Mittlerweile hat der Vortrag eine Diskussion entfacht: Mehr dazu lesen Sie hier.

 

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