"Diebstahl an unseren Produkten"

Was Oberallgäuer Bauern von der Politik fordern

Süß, jedoch nicht ertragreich: Die Kälber des Sulzberger Landwirts Simon Steidele (vorne) werden ihm voraussichtlich kaum Gewinne einbringen.

Süß, jedoch nicht ertragreich: Die Kälber des Sulzberger Landwirts Simon Steidele (vorne) werden ihm voraussichtlich kaum Gewinne einbringen.

Bild: Matthias Becker

Süß, jedoch nicht ertragreich: Die Kälber des Sulzberger Landwirts Simon Steidele (vorne) werden ihm voraussichtlich kaum Gewinne einbringen.

Bild: Matthias Becker

Örtliche Produzenten verlangen einen grundlegenden Wandel in der Agrarpolitik. Wichtig ist ihnen dabei auch, die Wettbewerbsregeln in Europa anzugleichen.
18.09.2020 | Stand: 08:47 Uhr

„Seit drei Jahrzehnten betreibt die Politik legalisierten Diebstahl an unseren Produkten“, sagt Hans Foldenauer, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Milchviehbetriebe (BDM). Dadurch hätten in Bayern in den vergangenen zwanzig Jahre die Hälfte der Milchbetriebe aufgegeben – 33.000 von 60.000. Deshalb fordern Oberallgäuer Bauern und der BDM bei einem Treffen in Sulzberg eine Institution, die europaweit den Markt gestaltet und als politisches und marktwirtschaftliches Sprachrohr dient.

Diese Institution soll laut Foldenauer die Aufgabe haben, Märkte europaweit zu organisieren und sowohl Angebot wie auch Nachfrage zu managen. Was in ihren Augen schief läuft.

Mehr Geld muss bei den Bauern ankommen

„Wir bekommen seit 30 bis 40 Jahren dieselben Milchpreise um die 30 Cent, dabei sind die Kosten um das drei- bis vierfache gestiegen“, erklärt Markus Böckler, Vorsitzender des BDM Oberallgäu. Durch Effizienzsteigerungen würden die Betriebe versuchen, das auszugleichen. Die Verbraucher wiederum, erklärt Foldenauer, müssten beim Einkauf vorsichtig sein. „Der kann dreimal so viel für die Milch ausgeben, das heißt nicht, dass das Geld auch bei uns ankommt“, stellt Foldenauer klar. Da könne der Großteil unterwegs versickern, zum Beispiel bei der Molkerei. (Lesen Sie dazu: Milchbauern protestieren in Kempten mit Pulverwolke gegen Einlagerungen)

„Die Landwirtschaft bringt uns keinen Gewinn“, erklärt auch Simon Steidele, Landwirt und Leiter des Sulzberger Familienbetriebs mit 65 Kühen. Der zweifache Familienvater setzt, wie einige seiner Kollegen, auf ein anderes, neues Standbein: Tourismus. Die drei Ferienwohnungen und zwei Zimmer seien inzwischen das Haupteinkommen der Familie.

Bilderstrecke

Bauern-Demo in Sontheim

„Die Politik macht nichts für unsere Zukunftsperspektiven“, findet Bernhard Heger, Kreisvorsitzender des BDM in Weilheim/Schongau. „Die Zeche dafür, dass die Wirtschaft laufen muss, zahlen Tierwohl, Umwelt und die Bauern“, sagt er. Die Betriebe blieben außerdem in einem Hamsterrad von immer billigerer und schnellerer Produktion stecken. Die Politik könne diese Probleme lösen, indem sie die Rahmenbedingungen für Bauern ändert.

Fairer Wettbewerb

Heger plädiert dafür, dass die europaweite Institution die Preise auf dem Markt angleicht und so für mehr Fairness im Wettbewerb sorgt.

>> Lesen Sie auch: EU-Abgeordnete Ulrike Müller über Milchpulver-Demo: „Für diese Aktion habe ich kein Verständnis“ <<

2019 haben laut Böckler in Süddeutschland ganze fünf Prozent der Milchviehbetriebe aufgegeben. Ein Grund dafür: Sie können ihre Arbeitskräfte aufgrund der geringen Löhne, die sie nur zahlen können, nicht halten. Zudem beobachtet Böckler immer mehr Burnouts bei den Landwirten. „So kann es nicht weitergehen“, fasst Böckler die Lage zusammen.

Das Haupteinkommen der Landwirte, so Foldenauer, solle aus ihren Erlösen und nicht aus Subventionen kommen. Momentan bekämen die Bauern über 50 Prozent ihres Einkommens vom Staat. Diese Subventionen führen die Landwirte laut Böckler aber zu sehr in die Abhängigkeit.