Gerettete Babytiere im Allgäu

Hilfe für die Kleinsten - Wie ein ganz besonderes Waisenhaus Tierbabys aufpäppelt

Tierbabys

Der sechsjährige Raphael hat geholfen, einen kleinen Marder zu retten. Das Tierbaby lebt jetzt in einer Auffangstation im Ostallgäu, wo derzeit unter anderem auch kleine Füchse aufgepäppelt werden. Im Herbst werden die Wildtiere wieder freigelassen.

Bild: Alexandra Decker

Der sechsjährige Raphael hat geholfen, einen kleinen Marder zu retten. Das Tierbaby lebt jetzt in einer Auffangstation im Ostallgäu, wo derzeit unter anderem auch kleine Füchse aufgepäppelt werden. Im Herbst werden die Wildtiere wieder freigelassen.

Bild: Alexandra Decker

Eine Ostallgäuer Auffangstation nimmt jedes Jahr etliche hilflose Tierjunge über den Sommer auf. Welche Tiere dort gerettet werden.
21.05.2021 | Stand: 09:15 Uhr

Aus den Holzbeigen waren erbärmliche Geräusche zu hören. Es klang ähnlich wie eine Katze in Not. „Was ist das?“, fragte mein sechsjähriger Sohn Raphael. „Keine Ahnung. Aber wir schauen besser nach“, sagte ich. Gesagt, getan. Scheit um Scheit stapelten wir ein Stück aus der vorderen der beiden Beigen neben unserem Garten in Lechbruck heraus. Als der Boden freigelegt war, entdeckten wir einen kleinen Marder, der heftig nach seiner Mutter rief. Seine Augen waren noch geschlossen. „Der ist noch keine Woche alt“, erfuhren wir später in einer Auffangstation.

Tierbabys auf keinen Fall anfassen

Doch was tun mit dem Tierchen? Zunächst mal auf keinen Fall anfassen. Denn sollte die Mutter wieder kommen, nimmt sie ihn mit dem menschlichen Geruch auf seinem Körper nicht mehr an. Das gilt für alle Tierbabys, die man in der freien Natur findet, wie Isabel Koch, Vorsitzende der Kreisgruppe Füssen des Bayerischen Jagdverbandes (BJV), bestätigt. Sie rief ich an, um mich zu erkundigen, was wir mit dem Mini-Marder machen sollen. Ihre Antwort: „Erst mal ein paar Stunden abwarten. Vielleicht kommt die Mutter zurück.“

Aber jagen Marder überhaupt tagsüber? Sie sind doch nachtaktiv. „Ja“, sagt Koch. „Aber wenn sie Junge haben, ist ihr Energieumsatz oft so hoch, dass sie auch am Tag Futter suchen.“ Also abwarten. Und damit sich die Mutter wieder zu ihrem Baby traut, stapelten wir einen Teil der Holzscheite zurück über die Marderhöhle. So war sie geschützt – auch vor unserem Hauskater, der schon erwartungsvoll hinter uns herumstromerte, um sich näher mit dem Jungtier zu „beschäftigen“.

Kleiner Marder bekommt Wärmflasche und Fläschchen

Vier Stunden später, es war mittlerweile früher Abend, überprüften wir die Lage. Das laute Geschrei war verstummt. Trotzdem: Holzscheite wieder weg, Marder noch da. Er wirkte fast tot. Auf das Anstupsen mit einem Stöckchen reagierte er nur noch mit einer kleinen Bewegung und einem müden Protestlaut. Die Mutter war alllem Anschein nach nicht da gewesen, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie gar nicht mehr auftaucht, groß.

In Absprache mit Jägerin Koch wandten wir uns daher an eine Tierauffangstation im Ostallgäu. Dort hieß es, wir sollten jetzt prüfen, ob sich der kleine Kerl noch warm anfühlt. Ergebnis: Nein, sehr kalt. Dann sofort rausholen. Wir packten ihn in einen Karton und brachten ihn in die Auffangstation, wo wir schon mit einer Wärmflasche erwartet wurden. Nachdem er aufgewärmt war, begann der Mini-Marder wieder mit seinem Gemotze, verstummte aber schnell, als er das erste Fläschchen im Maul hatte und gierig trank. (Lesen Sie auch: Von Familie verstoßen: Biber irrt durch Kurgarten in Pfronten)

Ostallgäuer Auffangstation nimmt jedes Jahr etliche hilflose Tierjunge über den Sommer auf

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„Er hat gute Chancen“, sagte die Betreiberin der Station, die ungern mit Namen in der Öffentlichkeit stehen möchte. Die 32-Jährige kümmert sich „eigentlich schon immer um verwaiste Tierjunge. Als Jägerstochter hat sich das so ergeben“, sagt sie. Aber erst seit etwa drei Jahren bringen ihr immer öfter auch fremde Menschen Tierkinder zur Aufzucht. In der Hauptsache sind das Rehkitze, Marder, Füchse und Feldhasen.

Es sei auch schon eine Taube dabei gewesen. Erst vor kurzem kamen neben unserem Lechbrucker Marder drei Fuchsbabys aus der Nähe von Kaufbeuren, deren Mutter überfahren wurde. Im vergangenen Jahr seien insgesamt fast 40 Tierbabys durch ihre Hände gegangen, erzählt die Frau. Darunter elf Marder und neun Rehkitze. Die Tendenz sei steigend, da sich ihre Tierhilfe herumspreche. Der am weitesten entfernte Notruf habe sie bisher vom Bodensee erreicht.

Hauptsaison sind für die 32-Jährige die Wurfzeiten zwischen März und Mai. Die meiste Arbeit machen die Tierbabys in der ersten Zeit. Dann wollen sie mehrmals in der Nacht gefüttert werden. „Früher habe ich sie mit ins Haus genommen und ihre Käfige neben mein Bett gestellt“, berichtet die junge Frau. Aber mittlerweile seien es zu viele. Deshalb schläft sie mit den Jungtieren in einer Hütte beim Wohnhaus. (Lesen Sie auch: Wolf in der Region gesichtet: Wie gefährlich ist das Tier für Menschen?)

Waisenhaus für Tierbabys im Ostallgäu: Tierbabys alle drei Stunden füttern

Dort quiekt es im Lauf der Nacht ungefähr alle drei Stunden. „Wenn der Erste wach wird, wachen auch die anderen auf und wollen fressen“, erzählt die Ostallgäuerin. Das erste Fläschchen bekommt der, der am meisten schreit. Gefüttert werden die Babys mit Katzenmilchpulver. Nur für die Rehkitze gibt es Milchpulver für Lämmer. Die ganze Prozedur ist aufwendig. Trotzdem schaut die 32-Jährige, dass sie alles selber schafft. „Die Tiere kennen mich am Geruch und meiner Stimme. Wenn ein anderer sie füttern will, ist das oft schwierig“, berichtet sie. Ist absolut Not am Mann, helfen aber Vater und Schwester mit.

Sind die anstrengenden Frühlings- und Sommermonate vorbei, geht es für die Tiere im Herbst zurück in die Natur. „Ich wildere sie immer aus. Es sind Wildtiere. Sie gehören raus in die Freiheit“, betont die Ostallgäuerin. Ganz auf sich gestellt sind ihre Schützlinge aber den ersten Winter noch nicht. Marder und Füchse kommen in einen Wald in der Nähe, wo sie bis zum Frühjahr regelmäßig an einer festen Stelle gefüttert werden. Das Gehege der Rehkitze öffnet sie einfach und füttert sie die erste Zeit weiter. So können die Tiere kommen und gehen, wie sie wollen. Manchmal stehen sie heute noch neben dem Haus.

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