Landtags-Projekt

Warum Memmingen jetzt ein „Ort der Demokratie in Bayern“ ist

Bei der Enthüllung der Gedenkstele vor der Kramerzunft (von links): Alt-Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger, die Landtagsvizepräsidenten Thomas Gehring und Alexander Hold, Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Staatsminister Klaus Holetschek, Oberbürgermeister Manfred Schilder und Zweite Bürgermeisterin Margareta Böckh.

Bei der Enthüllung der Gedenkstele vor der Kramerzunft (von links): Alt-Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger, die Landtagsvizepräsidenten Thomas Gehring und Alexander Hold, Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Staatsminister Klaus Holetschek, Oberbürgermeister Manfred Schilder und Zweite Bürgermeisterin Margareta Böckh.

Bild: Brigitte Hefele-Beitlich

Bei der Enthüllung der Gedenkstele vor der Kramerzunft (von links): Alt-Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger, die Landtagsvizepräsidenten Thomas Gehring und Alexander Hold, Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Staatsminister Klaus Holetschek, Oberbürgermeister Manfred Schilder und Zweite Bürgermeisterin Margareta Böckh.

Bild: Brigitte Hefele-Beitlich

Grund sind die Zwölf Artikel, die aufständische Bauern 1525 in der Kramerzunft verfasst haben. Eine Wanderausstellung und eine neue Gedenkstele erzählen davon.
07.10.2022 | Stand: 18:00 Uhr

Auf einer Marmorstele am Roßmarkt, in Sichtweite der Kramerzunft, ist es jetzt groß auf einem goldenen Würfel zu lesen: Memmingen ist ein herausragender „Ort der Demokratie“. Enthüllt hat die Stele Landtagspräsidentin Ilse Aigner an einem feierlichen Veranstaltungstag – zusammen mit Oberbürgermeister Manfred Schilder, ihren Vizepräsidenten Alexander Hold und Thomas Gehring, Staatsminister Klaus Holetschek, Zweiter Bürgermeisterin Margareta Böckh und Alt-Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger. Die Stele würdigt die Kramerzunft als historischen Ort der Bauernversammlung von 1525, auf der mit den Zwölf Artikeln frühe Demokratiegeschichte geschrieben wurde.

Für alle sichtbar und dauerhaft stehen bleibt diese Gedenkstele, die das Künstlerpaar Sabine Ackstaller und Moritz Schweikl geschaffen hat. Wieder weiterziehen wird dagegen die sehenswerte Wanderausstellung zu dem Projekt des Bayerischen Landtags „Orte der Demokratie in Bayern“, die noch bis zum 13. November im Kreuzherrnsaal zu sehen ist. Dort erläuterte Aigner, warum das Demokratie-Projekt eine „Herzensangelegenheit“ für sie ist. Gerade jetzt, wo Freiheit und Demokratie immer öfter und immer stärker unter Druck gerieten, müssten sich Demokratinnen und Demokraten „beherzt, kämpferisch und wehrhaft“ beweisen. „Wir brauchen mehr demokratisches Selbstbewusstsein“, betonte Aigner. Und das solle mit diesem Projekt geschärft werden. Die Demokratie feiern, ihr den roten Teppich ausrollen wolle sie damit.

Erste reformierte Stadt in Oberschwaben

Nur 13 solcher Orte hat der Bayerische Landtag mit Unterstützung eines wissenschaftlichen Beirats bis jetzt im Freistaat markiert – Memmingen ist der, an dem mit Abstand am frühesten das Recht auf Freiheit und Mitbestimmung eingefordert wurde. „Die Aufnahme in das Projekt adelt uns“, sagte Oberbürgermeister Schilder bei der Ausstellungseröffnung. Zugleich bekräftigte er, dass Memmingen zu Recht ausgewählt worden sei. Schließlich sei die Stadt vor fast 500 Jahren nicht ohne Grund Versammlungsort der Oberschwäbischen Bauern gewesen: Die damals erste reformierte Stadt in ganz Oberschwaben galt als progressiv und sicherer Ort für eine so aufrührerische Versammlung, wie sie in der Kramerzunft stattgefunden hat. „Die Memminger Kramerzunft steht damit auf einer Stufe mit so herausgehobenen Erinnerungsorten wie dem „Ewigen Reichstag“ in Regensburg oder dem Verfassungskonvent von 1948 im Alten Schloss auf Herrenchiemsee“, freute sich Schilder.

Wenig Text, viele Bilder: Die Wanderausstellung „Orte der Demokratie in Bayern“ im Kreuzherrnsaal vermittelt auf eindrückliche Weise wichtige Stationen der bayerischen Demokratiegeschichte, eine davon ist die Kramerzunft in Memmingen (im Bild).
Wenig Text, viele Bilder: Die Wanderausstellung „Orte der Demokratie in Bayern“ im Kreuzherrnsaal vermittelt auf eindrückliche Weise wichtige Stationen der bayerischen Demokratiegeschichte, eine davon ist die Kramerzunft in Memmingen (im Bild).
Bild: Hefele-Beitlich

Doch die historischen Ereignisse von 1525 seien nicht nur ein bedeutendes Kapitel der deutschen Freiheitsgeschichte, sondern auch ein Auftrag, die Anliegen der damaligen Menschen in die heutige Zeit zu übertragen, sagte er. Deshalb ehre die Stadt mit dem „Memminger Freiheitspreis“ Persönlichkeiten, die sich an verschiedenen Orten unserer Welt für Freiheitsrechte einsetzten; deshalb bezeichne sich Memmingen seit 2020 als „Stadt der Freiheitsrechte“; deshalb wolle man das Jubiläumsjahr 2025 „500 Jahre Bauernkrieg“ dazu nutzen, den Beitrag Memmingens zu den freiheitlichen Traditionen in unserem Land herauszustellen.

Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit

Auch Aigner betonte, der Weg zu unserer modernen, parlamentarischen Demokratie in Bayern beginne nicht erst 1945 und ende auch nicht heute oder morgen. „Demokratie wird nie eine Selbstverständlichkeit sein“, sagte sie. Sie müsse errungen werden, sei keine Gabe, sondern eine Aufgabe. „Und dieser Aufgabe widme ich meine Präsidentschaft.“

Sie erinnerte an den Mut der Bauern, die vor 500 Jahren Verfassungsgeschichte geschrieben hätten, indem sie ihre Forderungen in zwölf Artikeln formuliert und auf Flugblättern verbreitet hätten – ganz bewusst unter dem Verzicht auf Waffen. Doch der Schwäbische Bund schlug den Aufstand militärisch nieder.

Diese Vorgänge sind nun auf drei großen, bunten Schautafeln festgehalten. Es sei schwierig gewesen, die völlig unterschiedlichen Orte der Demokratie in einer Schau zusammenzubringen, erläuterte ein Vertreter der Pressestelle des Landtags. Verstehen müsse man das Ergebnis als Puzzlesteine eines großen Bildes. Dabei haben die Ausstellungsbesucher wohltuend wenig zu lesen, weil Kuratorin Laura Mokrohs vieles anhand von Graphic Novels erzählen lässt, die Ingrid Sabisch gezeichnet hat. Ergänzt werden diese durch kurze, gut verständliche wissenschaftliche Texte. So soll auch ein Gefühl für Geschichte vermittelt werden.

Seinen Abschluss fand der Tag dann mit einem Festakt, bei dem über „Freiheit und Demokratie in Krisenzeiten“ diskutiert wurde.