Nazi-Herrschaft in Kempten

Warum eine Kommision mehr Licht in die dunkle NS-Zeit bringen soll

Adolf Hitler in Kempten

Wie war das mit den Nationalsozialisten in Kempten? Unser Foto zeigt einen Besuch Hitlers 1932.

Bild: Sammlung Lienert

Wie war das mit den Nationalsozialisten in Kempten? Unser Foto zeigt einen Besuch Hitlers 1932.

Bild: Sammlung Lienert

Kempten hat ein Gremium einberufen, das die unseligen NS-Jahre und die Rolle wichtiger Lokalpolitiker analysieren soll. Vorangegangen war eine heftige Debatte.
08.08.2021 | Stand: 14:19 Uhr

75 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur startet Kempten einen Prozess, die unselige Zeit systematisch aufzuarbeiten. Vor kurzem berief die Stadt eine „Kommission für Erinnerungskultur“ ein. 17 Männer und Frauen – Historikerinnen, Stadtpolitiker und Verwaltungsvertreter – sollen die Kemptener Geschichte genauer betrachten als bisher. Dabei werden sie den Fokus auf das 20. Jahrhundert richten – insbesondere auf die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft von 1933 bis 1945 und die herausragende Rolle des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Otto Merkt. Dass dieser Prozess einer intensiven Aufarbeitung erst ein Menschenleben nach den Geschehnissen geschieht, wundert viele, ist aber nicht ungewöhnlich – und Kempten keine Ausnahme.

Viele Städte in Deutschland untersuchen erst jetzt diese dunkle Zeit genauer, etwa Freiburg und Augsburg. Im Allgäu ist das Bild uneinheitlich. Kaufbeuren beispielsweise hat sich ebenfalls erst vor einigen Jahren umfassend auf die Spurensuche gemacht – sieht man vom mörderischen Treiben in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee ab, das schon Anfang der 1980er Jahre ans Licht der Öffentlichkeit gebracht wurde. In Memmingen erfolgte eine umfassende Aufarbeitung Anfang der 2000er Jahre mit einem Buch von Paul Hoser, in Wangen mit einer 400-Seiten-Analyse der Historikerin Birgit Locher-Dodge mit dem Titel „Verdrängte Jahre? Wangen im Allgäu 1933 bis 1945“.

Der damalige Oberbürgermeister Otto Merkt ist in Verdacht geraten

Dass Kempten nun die Jahre unterm Hakenkreuz mit einer Kommission unter die Lupe nimmt, hat verschiedene Ursachen und hängt mit zwei Kemptener Persönlichkeiten zusammen. 2018 entbrannte eine Diskussion um Dr. Richard Knussert (1907 - 1966). Die Frage lautete: War der geachtete Lehrer und Heimatforscher aus Kempten auch ein Hitler-Verehrer und Holocaust-Leugner? Inzwischen haben sich die Vorwürfe gegen ihn so verdichtet, dass der Kemptener Stadtrat für eine Umbenennung der Knussert-Straße gestimmt hat. Seine Rolle während der Nazi-Herrschaft und in den Nachkriegsjahren soll die neu eingerichtete Erinnerungskultur-Kommission aber noch genauer analysieren.

Neuerdings steht ein Mann unter Verdacht, tiefer als bisher bekannt in die Machenschaften der Nazis verstrickt gewesen zu sein: Dr. Otto Merkt (1877 - 1951). Ein Vortrag der Münchner Historikerin Dr. Martina Steber im Juni 2020 löste eine heftige, hochemotionale Debatte aus zwischen jenen, die in dem ehemaligen Oberbürgermeister und Heimatforscher eine Persönlichkeit mit großen Verdiensten sehen, und jenen, die endlich sein Verhältnis zu den Nazis und ihren Schandtaten genauer betrachten möchten.

Merkt sei ein Nationalist, Antidemokrat und Rassenhygieniker gewesen, konstatiert Historikerin Martina Steber

Letzteren lieferte Steber, die als Privatdozentin am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin arbeitet, wissenschaftlich gehörig unterfütterte Munition. Merkt sei, so hat sie herausgefunden, ein überzeugter Nationalist, Antidemokrat und Rassenhygieniker gewesen, der sich 1933 bewusst für den Nationalsozialismus entschieden habe. Gleichwohl fehle 75 Jahre nach Ende der NS-Diktatur generell eine systematische und fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. „Über die Einnistung des Nationalsozialismus in die Kemptener Gesellschaft ist sehr wenig bekannt“, stellt Steber fest und folgert: „Es würde sich lohnen, dem nachzugehen.“ Was nun in der Kommission für Erinnerungskultur geschehen soll, die Steber für ein „mutiges und wegweisendes Projekt“ hält und selbst mitarbeitet. Wie übrigens auch Oberbürgermeister Thomas Kiechle. „Wir werden uns unaufgeregt mit geschichtlichen Aspekten auseinandersetzen und am Ende daraus Lehren ziehen“, verspricht er.

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Aber warum erst jetzt dieser Aufklärungs-Eifer? Markus Naumann hat dafür Erklärungen. Der Kemptener Historiker und Heimatvereins-Vorsitzende kennt die Verhältnisse sehr genau, beschäftigt er sich doch seit Jahrzehnten mit lokaler und regionaler Geschichte. Er sieht Merkt als Schlüsselfigur bei der bis dato nur punktuell erfolgten Analyse des Nationalsozialismus in Kempten. „Er war ein Bremsklotz bei der Aufarbeitung“, sagt Naumann. Denn an dem Wirken des verdienten, geschätzten und in der Kemptener Elite gut vernetzten Merkt wollte lange Zeit kaum jemand mäkeln.

Die "prägende Gestalt" Otto Merkt habe auch Schattenseiten gehabt, sagt Historiker Markus Naumann

Merkt habe als „prägende Gestalt“ Entscheidendes geleistet, sagt Naumann. Das wolle ihm niemand streitig machen. „Aber man muss auch seine Schattenseiten betrachten.“ Naumann erwartet sich unter anderem Erkenntnisse über Merkts Rolle bei der Euthanasie. Eine wissenschaftlich fundierte Biografie über ihn gebe es bisher nicht. Naumann plädiert zudem dafür, die Rollen anderer einflussreicher Mitglieder der Stadtgesellschaft sowie von Regionalhistorikern wie Josef Rottenkolber (1890 - 1970) und Dr. Alfred Weitnauer (1905 - 1974) zu analysieren. „Es gibt noch viele blinde Flecken“, sagt er über die Zeit des Nationalsozialismus.

Naumann wurde in die Kommission berufen und bei der ersten Sitzung zum Vorsitzenden bestimmt. Er ist glücklich, dass so renommierte Wissenschaftler wie Martina Steber und ihr Kollege Dr. Sven Keller (Leiter der Dokumentation Obersalzberg) sowie Dr. Noa K. Ha (Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung in Berlin) mitarbeiten. Wie das Gremium vorgeht, wird im Herbst festgelegt. Das penible Studieren der unzähligen Quellen und Dokumente sowie deren Bewertung werde – soviel ist sicher – mehrere Jahre dauern. Erst dann wird man der Wahrheit ein Stück näher gekommen sein und genauer wissen, wie es wirklich zuging in jener unheilvollen, schrecklichen Zeit.