Bundestagswahl 2021

Direktkandidat Martin Holderied (SPD) im Interview: „Es ist Zeit für einen Generationenwechsel"

Wahl Holderied

Martin Holderied aus Lindenberg (Westallgäu) ist der Direktkandidat der SPD im Wahlkreis Oberallgäu, zu dem die Stadt Kempten sowie die Landkreise Oberallgäu und Lindau gehören.

Bild: Ralf Lienert

Martin Holderied aus Lindenberg (Westallgäu) ist der Direktkandidat der SPD im Wahlkreis Oberallgäu, zu dem die Stadt Kempten sowie die Landkreise Oberallgäu und Lindau gehören.

Bild: Ralf Lienert

Direktkandidat Martin Holderied (31) will Pflegenotstand, Nahverkehr und Bildungschancen anpacken. Eine bestimmte Koalition schließt er aus. – Mit Video!
03.09.2021 | Stand: 16:34 Uhr

Er ist 31 Jahre alt, kommt aus dem Westallgäu und will nach Berlin: Martin Holderied aus Lindenberg ist der Direktkandidat der SPD im Wahlkreis Oberallgäu, zu dem die Stadt Kempten sowie die Landkreise Oberallgäu und Lindau gehören. Im Interview zur Bundestagswahl 2021 spricht er über den Pflegenotstand, Tempo 130 auf der Autobahn und seine ganz besondere familiäre politische Herkunft.

Herr Holderied, Ihr Wahlkampfslogan lautet „Der kriegt was gebacken“. Was haben Sie politisch denn schon gebacken bekommen?

Martin Holderied: Ich war zwei Jahre lang Ortsvorsitzender der SPD in Lindenberg, habe in der Zeit viel über die Jusos in Schwaben und auf Bayern-Ebene mitgearbeitet. Durch Studium und Arbeit hat es bei mir leider nie hingehauen, dass ich mich kommunalpolitisch hätte aufstellen lassen können. Ansonsten habe ich politisch in verschiedenen Thinktanks gearbeitet. Wir haben beispielsweise die niederländische Regierung beraten zur EU-Politik nach dem Brexit. Das waren sehr wertvolle Erfahrungen außerhalb der gewählten Politik.

Der Spruch spielt auf ihre Familie an. Ihr Vater ist selbstständiger Bäcker und war auch lange Zeit in Lindenberg im Stadtrat – allerdings für die CSU. Beißt sich das nicht mit Ihren Ambitionen als SPD-Kandidat?

Holderied: Nein. Man weiß dadurch, dass man keinen rot-rot-grün Linken in den Bundestag wählt. Dass ich mit der CSU aufgewachsen bin, hilft mir jetzt im Wahlkampf. Das härtet ab in Debatten und man kennt gewisse Gegenargumente.

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Warum sollten die Wählerinnen und Wähler gerade Sie wählen?

Holderied: Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass wir einen Kandidaten aus dem Allgäu für das Allgäu haben – und dass man einen Generationenwechsel in die Politik reinbringt. Viele Sachen wie Digitalisierung, ÖPNV, richtige Ausstattung von Schulen oder Klimawandel gehen uns junge Leute anders an – und deshalb gehen wir diese Themen auch anders an.

SPD-Direktkandidat Martin Holderied: "Beim ÖPNV im Allgäu herrscht Handlungsbedarf"

Wo sehen Sie in Ihrem Wahlkreis besonderen Handlungsbedarf?

Holderied: In der Alten- und Krankenpflege müssen wir dringend die Arbeitsbedingungen verbessern. Wir brauchen mehr Plätze in der Kurzzeitpflege. Beim ÖPNV herrscht schreiender Handlungsbedarf. Dass beispielsweise im Westallgäu das Krankenhaus in Lindenberg nicht mit dem Bus erreichbar ist, funktioniert nicht. Wenn wir die Verkehrswende schaffen wollen, braucht es im Allgäu schlicht eine Taktung, wo der Bus jede Stunde fährt und die Haltestelle nicht weit weg ist. Dazu brauchen wir auch, wie in Österreich, eine massive Finanzierung vom Bund in die Kommunen und Landkreise.

Die SPD strebt Klimaneutralität bis spätestens 2045 an. Wenn man sich die Hochwasser und die trockenen Wälder anschaut – ein bisschen spät. Hat die Partei die Klimawende verschlafen?

Holderied: Im Parteiprogramm steht, wir machen das bis spätestens 2045. Man kann auch sagen: Wir machen das bis 2035. Aber dann muss man die Frage beantworten, wie machen wir es als einzige Industrienation, die gleichzeitig aus Kohle- und Atomstrom aussteigt, dass wir der Industrie nicht den Saft abdrehen und gleichzeitig der Strom für kleine und mittlere Einkommen bezahlbar bleibt. Wenn man das nicht beanworten kann, wird es schwer. Ich persönlich will früher als 2045, weshalb noch deutlich mehr in erneuerbare Energie investiert werden muss: Wind im Norden, Sonne im Süden. Wir müssen in Wasserstoff und bessere Speichertechnik investieren.

Eines Ihrer großen persönlichen Themen im Wahlkampf ist die Chancengleichheit aller. Wer liegt Ihnen ganz besonders am Herzen?

Holderied: Neben den Pflegeberufen die Bildung. Es ist in Deutschland immer noch so, dass der Bildungserfolg stark von den finanziellen Mitteln der Eltern abhängt. Von 100 Akademikerkindern machen ungefähr zwölf einen Doktortitel. Von 100 Nicht-Akademikerkindern nur ein Kind. Das ist einfach eine wahnsinnige Chancenungleichheit. Und da ist der Migrationsanteil noch gar nicht eingerechnet. Da muss massiv was getan werden, an allen Ecken und Enden.

Welche der SPD-Forderungen ist realistischer und schneller umzusetzen: zwölf Euro Mindestlohn – oder die Tarifpflicht in der Altenpflege?

Holderied: Ich glaube, es sind beide relativ gleich gut umzusetzen. Beim Mindestlohn sehe ich zumindest die politische Mehrheit – die Grünen fordern das auch. Ich glaube auch, dass wir durch die gute Vorarbeit von Hubertus Heil schnell zur Tarifpflicht kommen, wenn wir das Druckmittel haben, dass es ohne Tarif keine Fördermittel gibt.

Die SPD will ein Tempolimit von 130 km/h auf der Autobahn. Sie auch?

Holderied: Wie jede Autofahrerin und jeder Autofahrer fahre ich natürlich gerne mal über 130. Die A96 in Richtung München zum Beispiel gibt das gerne mal her. Aber natürlich ist ein Tempolimit für die Umwelt besser und für die Verkehrssicherheit. Deshalb würde ich mich politisch nicht dagegen sträuben.

SPD-Direktkandidat Martin Holderied verortet sich bei Olaf Scholz

Wo innerhalb der SPD verorten Sie sich selbst politisch? Eher bei Saskia Esken, also im linken Flügel, oder beim konservativen Olaf Scholz?

Holderied: Ganz klar Olaf Scholz. In jungen Jahren ist man natürlich ganz weit links. Aber mit der Zeit habe ich mich immer mehr in Richtung Seeheimer Flügel orientiert.

Welche Koalition wäre Ihnen als Bundestagsmitglied am liebsten?

Holderied: Eine, die die zwölf Euro Mindestlohn, bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege sowie die Klima- und Energiewende voranbringt. Welche auch immer das ist. Das hat der Wähler zu entscheiden.

Kein Farbenspiel? Sie können sich etwas wünschen...

Holderied: Ich komme aus der Außenpolitik, habe Internationale Beziehungen studiert. Deshalb schließt sich für mich eigentlich eine Koalition mit der Linken aus. Sie stehen nicht klar pro Europa und nicht zur Nato.

Zur Person: SPD-Direktkandidat Martin Holderied

  • Name Martin Holderied
  • Alter 31 Jahre
  • Familienstand ledig, keine Kinder
  • Geburtsort München
  • Wohnort Lindenberg, Rotterdam
  • Beruf Doktorand
  • Partei SPD-Mitglied seit 2008
  • Politisches Vorbild Willy Brandt
  • Ehrenämter früher Ortsvorsitzender der SPD Lindenberg und Übungsleiter Basketball beim TV Lindenberg

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