Künstler-Porträt

Wie Aktionskünstler Jonas Maria Ried die Natur zur Bühne macht

Mischung aus Alphorn und Didgeridoo: Mit diesem Instrument geht Jonas Maria Ried in Ställe und filmt, wie die Kühe reagieren. 

Mischung aus Alphorn und Didgeridoo: Mit diesem Instrument geht Jonas Maria Ried in Ställe und filmt, wie die Kühe reagieren. 

Bild: Martina Diemand

Mischung aus Alphorn und Didgeridoo: Mit diesem Instrument geht Jonas Maria Ried in Ställe und filmt, wie die Kühe reagieren. 

Bild: Martina Diemand

Kaum im Allgäu, bekommt Jonas Maria Ried zwei wichtige Preise. Er verbindet mit seinen witzigen Videos analoge und digitale Welten. Nun geht er in Kuhställe
12.11.2021 | Stand: 18:15 Uhr

Vorsichtig balanciert der junge Mann über die glitschigen Steine hin zur Bergwand. Dort zieht er an einer Leine, die von oben herabhängt. Schon schwillt das Rinnsal, das über den Fels läuft, zum rauschenden Wasserfall an. Zufrieden betrachtet der Mann sein Werk.

Mit diesem kurzem Video, das immer wieder neu startet und einen permanenten Kreislauf vollzieht, hat Jonas Maria Ried die Jury der Ostallgäuer Kunstausstellung so beeindruckt, dass sie ihm neulich die höchstdotierte Auszeichnung zusprach: den Fischer-Kunstpreis der Stadt Marktoberdorf, dotiert mit 3000 Euro. In einem Kellerraum des Künstlerhauses kann man sich das Filmchen auf einer großen Leinwand anschauen. Die meisten Betrachter werden staunen, was passiert. Und gewiss auch schmunzeln, erinnert dieser Eingriff in die Natur doch daran, wie man früher die Toilettenspülung gezogen hat.

Der Kunstpreis des Bezirks brachte ihm 15.000 Euro ein

Für Jonas Maria Ried ist es die zweite große Auszeichnung binnen weniger Wochen. Im Oktober hat der Bildhauer und Aktionskünstler den Kunstpreis des Bezirks Schwaben erhalten, verbunden mit 15 000 Euro. Dabei ist Ried 31 Jahre jung und hat sich nach einer Ausbildung zum Holzbildhauer in Garmisch–Partenkirchen und dem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie gerade erst auf den (unsicheren) Berufsweg eines freischaffenden Künstlers begeben. Einen solchen Traumstart legen wohl wenige hin, zumal in der Allgäuer Provinz. Ried lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern (eine ist gerade geboren worden) im Oberallgäuer Weitnau.

Das alte Haus, das er gemietet hat, liegt am Dorfrand und bietet ihm beste Möglichkeiten für sein künstlerisches Anliegen: die Natur zur Bühne zu machen. Hinter dem Haus ein großer Garten, dann freies Feld, und weiter entfernt der Wald des Hauchenbergs: beste Voraussetzungen für einen, der die Landschaft für eine experimentellen Inszenierungen benötigt.

Hauptarbeitsplatz von Künstler Jonas Maria Ried: An diesem Computer schneidet er die Filme, die er mit der Kamera aufgenommen hat, zu Videoarbeiten.
Hauptarbeitsplatz von Künstler Jonas Maria Ried: An diesem Computer schneidet er die Filme, die er mit der Kamera aufgenommen hat, zu Videoarbeiten.
Bild: Martina Diemand

Es ist frappierend, wie der junge Künstler vorgeht und was er dabei verbindet, nämlich gegensätzliche Welten: die raue, kalte Natur, in der er seine Hochleistungskamera aufbaut, um mit digitaler Technik analoge Ereignisse abzufilmen, die er minutiös plant und aufwendig vorbereitet – bis hin zum Abseilen an der Felswand. An einem Computer mit großem Bildschirm schneidet er das Material. Resultat sind kurze Videos, meist in der Länge eines Popsongs im Radio.

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Wenn sie fertig sind, haben sie eine Verwandlung hinter sich. Denn die Natur einfach nur auf Film zu bannen, das wäre zu banal für einen Künstler mit Anspruch. Ried erzählt kurze Geschichten, von unterhaltsam bis absurd, gern mit einem Schuss Humor, gesellschaftskritisch konnotiert und ironisch gebrochen, oft mit einer überraschenden Pointe. Und im besten Fall spielt er auch noch mit Motiven aus der Kunstgeschichte. Fast tritt er wie ein Zauberer auf – wobei nichts technisch gefakt ist: Den Wasserfall lässt er mit einem Zug an der Leine anschwellen, auf einem winterlichen Feld wächst wundersam grünes Gras im kalten Schnee, und am Waldrand dreht sich plötzlich eine Fichte.

Er bringt Kuhställe zum Klingen

Für solch eine Kunst ist ein Allgäuer Dorf gar keine schlechte Basis – obwohl ihn die Stuttgarter Professoren vor der „Einöde“ ohne intellektuellen Austausch gewarnt haben. Jonas Maria Ried, der in einem Dorf bei Fürstenfeldbruck aufwuchs, fühlt sich in Weitnau am richtigen Ort. Inspirieren lässt er sich am liebsten in einem schnuckeligen Baumhaus im Garten. „Das hier ist eine große Spielweise“, sagt er und schaut hinaus auf die herbstliche Landschaft. „Ich fühle mich wohl.“

Und hier auf dem Dorf kann er jenes Projekt weiterentwickeln, für das er den Kunstpreis des Bezirks erhalten hat. Mit einem selbstgebauten Instrument, einer Mischung aus Alphorn und australischem Didgeridoo, geht Jonas Maria Ried in die Ställe von Bauern und bläst den Kühen tiefe Töne vor. Er sucht die Frequenzen, bei denen die Tiere reagieren, und lässt die Ställe klangvoll vibrieren. Eine Performance, die die Beziehung zwischen Menschen, Tieren und Orten erforscht.