Die Geburtsstunde des Allgäus? Natürlich nicht. In der Sankt Gallener Urkunde wird erstmals das Allgäu erwähnt - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Name, den sich nicht die Menschen in Zell und Umgebung selbst gegeben haben, wie Dr. Wolfgang Hartung sagt, Geschichtsprofessor und Allgäukenner aus Scheidegg. Er hat sich in den vergangenen Monaten intensiv mit der Geburt des Allgäus und seines Namens beschäftigt, hat die alten Urkunden in Sankt Gallen nochmals genau gelesen, hat die Verwandtschaftsbeziehungen der Alamannen rund um den Bodensee und im Albgau durchleuchtet. Am Ende seiner Recherchen ist er zu ganz neuen Erkenntnissen gelangt, die man im Vergleich zu bisherigen Darstellungen über Entstehen und Werden des Allgäus durchaus als revolutionär bezeichnen kann.
Hartungs wichtigste Schlussfolgerung lautet: Die Besiedlung des Allgäus vom Bodensee her ist nicht durch die christliche Missionierung des Klosters St. Gallen motiviert gewesen. Vielmehr trieb bei steigender Bevölkerungszahl der Landmangel die Menschen vom See mit seinem fruchtbaren Boden Richtung Berge, also ins Albgau.

Wisirich hieß der Alamanne, der Zell gründete, dann dem Kloster St. Gallen schenkte – und im Gegenzug für einen eher symbolischen Betrag gleich wieder pachtete. Mit der Schenkung sicherte sich der Wisirich den Besitz wie in einem Grundbuch. Wer ihm diesen wieder wegnehmen wollte, musste sich mit dem mächtigen Kloster anlegen.
Hartung zufolge war Wisirich kein Missionar oder Mönch, sondern Adeliger/Freier. Er zog mit seinen Leibeigenen und vermutlich einem Priester hinauf in die Hügel, rodete einen günstig gelegenen Platz, baute ein paar Bauernhöfe und ein Holzkirchlein. Die neue Siedlung nannte er Wisirichscella. Die Menschen lebten von Ackerbau und Viehzucht.
Genau dasselbe taten vor und nach Wisirich andere Adelige vom Bodensee. Sie waren frühmittelalterliche Migranten auf der Suche nach unbewohntem Land. Warum? Weil nach dem seinerzeit geltenden Recht (Lex Alamannorum) alle Söhne eines Vaters gleich viel Land erbten, wurden die Besitztümer in der fruchtbaren Bodenseeregion immer kleiner. Die Menschen taten sich immer schwerer, mit dem Wenigen auszukommen. Und für die Adeligen, die Grundherrn also, blieb immer weniger an Abgaben übrig. Deshalb kam die Idee auf, notgedrungen das unbewohnte, bewaldete, raue, schwer zugängliche Land an den Bergen in Beschlag zu nehmen. Von Bregenz-Brigantium, Romanshorn-Romanicornu, Arbon-Arbor felix und anderen Orten am Bodensee aus machten sich alamannische Familien auf den Weg Richtung der Berge im Osten.
Die Alamannen, die seit 746 unter fränkischer Herrschaft standen, siedelten sich ab etwa dem Jahr 750 in dieser „unwirtlichen Wildnis“ (Hartung) an günstigen Stellen an, meist in Mulden oder kleinen, sonnigen Tälern, dort wo es Wasser gab und die geschützt waren vor den kalten Winden. Das hügelige Land und die Berge oberhalb des Sees waren Hartungs Ansicht nach - und entgegen gängiger Meinungen - so gut wie unbewohnt. Gemeint ist das Gebiet südlich der einstigen Römerstraße, die ziemlich gerade von Brigantium (Bregenz) im Westen in östlicher Richtung über Heimenkirch, Isny (Vemania) und Buchenberg nach Cambodunum (Kempten) verlief. „Wir haben nicht den kleinsten Hinweis auf eine befahrbare Abzweigung bergan“, erklärt Hartung.

Das Land, in das sie zogen, nannten die Menschen am Bodensee – und in der Folge dann auch die Mönche in Sankt Gallen – Albigau, Albegowe, Albigoi, Alpgau – oder eben Albgau. Was das Wort genau bedeutet, ist nicht eindeutig zu rekonstruieren. Mit „Alb“ könnten die Alpen, also die Berge, gemeint sein. Es gibt aber auch eine Deutung, wonach das Wort lateinische Wurzeln hat. In dieser Sprache heißt albus weiß – was auf die oft schneebedeckten Hügel und Berge hinweisen könnte. Eine schlüssige Erklärung liefert der aus Oberstdorf stammende und in Lindau lebende Regionalforscher Thaddäus Steiner. "Allgäu" habe sich aus dem althochdeutschen Wort alba (Alpe, hochgelegener Weideplatz) und aus der Mehrzahl des Wortes Au, Geäu (Landschaft, Gegend) entwickelt. Somit sei das Allgäu als "Landschaft der Bergweiden" zu verstehen. Jedenfalls schließt Historiker Hartung aus, dass die Siedler selbst sich den Namen Albgau gegeben haben.
Wisirich war nicht der erste adelige Alamanne, der mit Hab und Gut ins Albgau zog, Zell-Oberstaufen nicht der erste Ort, den die Alamannen aus dem Boden stampften. Früher gegründete Siedlungen kennen wir freilich nicht, weil es dazu weder schriftliche Quellen noch archäologische Funde gibt. Allerdings wissen wir, wo Alamannen auf der Suche nach unbewohntem Land später fündig wurden: im Jahr 839 in Nordhovun (Sonthofen) und in Aldrici (Agathazell oder Martinszell), 857 in Lintiberc (Lindenberg) oder 868 Chadoltishoba (Kalzhofen bei Oberstaufen). Laufend wurden weitere Orte gegründet, jeweils mit einfachen Höfen und einem Holzkirchlein. Die Siedler rodeten die dichten Wälder und machten das Land urbar, damit sie Getreide und Gemüse anbauen sowie Vieh halten konnten. "Eine Heidenarbeit", sagt Hartung.

Der Historiker Ulrich Crämer, der 1954 eine Untersuchung vorlegte, bestimmte zwei Hauptorte des Ur-Allgäus mit etlichen Unterorten. Der eine Hauptort war Sonthofen (mit Berghofen, Niedersonthofen, Sigishofen und weiteren Weilern); der andere Hauptort war Stiefenhofen (mit Balzhofen, Ebratshofen, Ellhofen, Harbatshofen und weiteren Weilern). Wolfgang Hartung schließt daraus: Das Westallgäu und die Gegend um die Iller sind das Kernland des Allgäus. Der Immenstädter Historiker Gerhard Klein formuliert dies in Anlehnung an den Allgäu-Forscher Crämer so: „Diese Hofen-Orte geben den groben Rahmen vor, wie das Ur-Allgäu des 9. Jahrhunderts wohl umgrenzt sein konnte.“
Das schließt nicht aus, dass es andere Siedlungen und Klostergründungen im heutigen Allgäu gab. Als die entnervten und erschöpften Römer um das Jahr 450 herum endgültig ihre Zelte in der Provinz Rätien abbrachen und sich auf die südliche Seite der Alpen zurückzogen, nahmen die Alamannen vermutlich erst einmal nur die (großen) Täler an der Iller, der Wertach, des Lechs und der Argen in Besitz. Funde deuten auf einzelne, punktuelle Siedlungen hin. Hinauf in die unwirtlichen Höhen wollten sie noch nicht. Das änderte sich, als die alamannischen Bodensee-Bewohner nach Osten und Nordosten vorrückten – übrigens nicht nur in Richtung Albgau, sondern auch in Richtung Nibelgau und Argengau; mit diesen Namen belegten die Sankt Galler Mönche das Land an der Argen flussaufwärts Richtung Wangen und dann weiter nach Leutkirch.
So wird Leutkirch erstmals im Jahr 766 erwähnt, Wangen 815. Neben der Suche nach neuem Land könnte ein Grund für die Besiedlung bis zur Iller auch in der Tatsache liegen, dass die St. Gallener dem Bistum Augsburg entgegentreten wollten. Die Iller ist denn auch die Grenze der Bistümer Konstanz und Augsburg. Mitte des 8. Jahrhunderts gründeten die Alamannen im Zuge der Christianisierung zudem erste Klöster in Füssen, Kempten und Ottobeuren. Allerdings ziehen Historiker die bisher genannten Jahreszahlen (um 750 für Füssen, 752 für Kempten, 764 für Ottobeuren) in Zweifel, weil eindeutige schriftliche Quellen fehlen. Historiker Hartung ist sich aber sicher, dass das Gebiet östlich der Iller bis hin zum Lech als Ostgrenze des heutigen Allgäus erheblich weniger besiedelt war als das Gebiet westlich der Iller bis zum Bodensee. In der Tat gibt es erheblich weniger urkundlich genannte Orte im Ostallgäu.

Wann genau die Besiedlung des Landes vor den Alpen ursprünglich begann, konnte bisher nicht genau datiert werden. Steinzeitmenschen lebten ab dem Jahr 10 000 vor Christus hier, Kelten ab 500 vor Christus und Römer ab der Zeitenwende. Alamannen tasteten sich schon ab dem 3. Jahrhundert von Norden und Westen her ins Alpenvorland hinein. Sie versuchten, den Römern das Land, das diese Rätien nannten, abzunehmen und zerstörten dabei immer wieder kleine Siedlungen, aber auch römische Befestigungen. Die Stadt Cambodunum-Kempten, die ab dem Jahr 300 an der Burghalde neu gebaut wurde und den Namen Cambidanum erhielt, wurde wohl mehrfach überfallen und geplündert.
Als der Heilige Magnus Mitte des 8. Jahrhunderts auf dem Weg von St. Gallen Richtung Osten unterwegs war, hat er Quellen zufolge ein verwüstetes Cambidanum vorgefunden. Magnus wird übrigens, wie Hartung betont, nie mit dem „Albgau“ in Zusammenhang gebracht.