Künstler, Musiker und Veranstalter haben derzeit den Blues. Aus verständlichen Gründen. Schließlich sind sie eine der am stärksten von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen Berufsgruppen. Doch es gibt Lichtblicke: Festivals, die im Herbst trotz Abstandsregeln, reduzierter Besucherzahl und gestiegenem organisatorischen Aufwand stattfinden können.
Europäische Woche in Passau
Normalerweise hätte das Kultur-Spektakel schon im Juni und Juli stattfinden sollen. So aber feiert die Region "ein Oktoberfest der Kunst", wie Intendant Carsten Gerhard sagt. Vom 11. September bis 4. Oktober gibt es 25 Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen und eine Ausstellung. Ein Programm, das es in sich hat, wie Gerhard sagt: "Mit Höhepunkten und Brennpunkten, mit hochkarätigen Solisten, Ensembles und Orchestern - und mit Künstlern, die sich mit den Themen beschäftigen, die Europa unter den Nägeln brennen."
Neben Klimaschutz, Brexit und Rechtspopulismus ist das zwangsweise auch: Corona. "Jede Veranstaltung hat ein eigenes, zwölfseitiges Hygienekonzept", sagt Gerhard, dessen Vertrag bis 2023 verlängert wurde. In der Praxis heißt das, dass nur rund ein Viertel der Sitzplätze besetzt werden kann. Doch die Künstler spielen jede Veranstaltung zwei Mal. "So kommen wir wenigstens auf die Hälfte der ursprünglichen Kapazitäten."
Wirtschaftlich rentabel mögen diese Aufführungen nicht sein. Notwendig seien sie trotzdem, findet Gerhard: "Nicht-spielen ist keine Lösung". Wegen der Künstler und der Menschen, die Sehnsucht nach erlebbarer Kunst hätten und wegen der Überzeugung, "dass Kunst ein eingeschriebenes Lebensbedürfnis ist."
Ingolstädter Jazztage
Auch Ingolstadt legt in diesem sehr speziellen Jahr keine Pause ein und richtet - bereits zum 37. Mal - die Jazztage aus (25. Oktober bis 11. November). Ein Hygienekonzept soll Sicherheit vermitteln, und zugkräftige Acts wie Rebekka Bakken, Wolfgang Haffner und Younee sollen für ein volles Haus sorgen. Wobei das relativ schnell der Fall sein dürfte. Denn anstatt die größten Bühnen der Stadt zu bespielen, finden in diesem Jahr alle Konzerte im überschaubaren Rahmen des "Kulturzentrum neun" statt.
"Aufgrund der geltenden Hygieneschutzmaßnahmen können bestimmte Formate nicht stattfinden. Dazu zählen Jazz in den Kneipen und die legendären Jazzpartys", sagt Geschäftsführer Tobias Klein. Auch Highlight-Konzerte könnten nicht stattfinden. Man stehe aber in Kontakt mit den für dieses Jahr vorgesehnen Stars wie Jamie Cullum, um sie 2021 in die Donaustadt zu holen. Stattfinden sollen indes Formate zur Förderung der regionalen Szene und des Jazz-Nachwuchses. So sollen die Ingolstädter Jazztage als "Signal der Hoffnung" verstanden werden, um Besuchern ein "Stück Normalität" zu vermitteln.
(Wie zwei Weltenversöhner Klassik und Jazz beim Vielsaitig-Festival in Füssen kombinierten, lesen Sie hier.)
Nuejazz Festival Nürnberg
In Nürnberg geht das noch junge, aber in Insider-Kreisen bereits hoch gehandelte "NueJazz Festival" (3. bis 8.11.) über die Bühne. Dann gastieren in der Frankenmetropole Acts wie das Pablo Held Trio, das Mathias Eick Quintet und das Trio um den Weltklasse-Gitarristen Kurt Rosenwinkel. "Ich musste das Programm komplett umstellen", sagt der Vorsitzende des Nürnberger Jazzmusiker e.V., Frank Wuppinger. "So haben wir alle Konzerte, die nur im Stehen funktionieren und zum Tanzen animieren in diesem Jahr gestrichen."
Jetzt sei das Programm zwar nicht ausschließlich konzertant und schon gar nicht gemächlich. Aber doch so angelegt, dass die Shows "gut im Sitzen funktionieren." Wie andernorts auch müssen in den Spielstätten viele Sitzplätze leer bleiben. Mit Hilfe der Software ihres Ticketpartners lasse sich trotz Einhaltung der Bestimmungen etwas mehr an Kapazität herausholen: "Gruppenbuchungen bis zu zehn Menschen machen hier einiges möglich", sagt Wuppinger.
Dennoch wird auch das NueJazz 2020 - natürlich - ein Zuschussgeschäft. Mit Hilfe der Sponsoren und der Unterstützung der Stadt Nürnberg stehe aber der nunmehr achten Aufführung des Events nichts mehr im Wege. "Nürnberg bewirbt sich für das Jahr 2025 als Europas Kulturhauptstadt", sagt der Veranstalter. "Damit zeigt sie, wie sie zur Kultur steht."
Jazz November Bayreuth
Zur Kultur steht man auch in Bayreuth. Das behauptet jedenfalls Kaspar Schlösser, Vorsitzender des Jazzforums Bayreuth. Gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen und rund 220 Mitgliedern organisiert der Musikfan seit Jahren Club-Konzerte und Jazz-Festivals in der oberfränkischen Stadt. Auch heuer.
Bereits Ende August gab es eine siebentägige Konzertreihe. Vom 12. bis 15. November geht es mit der 14. Aufführung von "Jazz November" - und Genre-Stars wie Joachim Kühn und Billy Cobham - weiter. Inklusive der gesammelten Erfahrungen der Corona-geprägten Sommer-Events? "Ja, schon", sagt Schlösser, "aber da ist auch wirklich alles super gelaufen." Also: disziplinierte Besucher, spielfreudige Künstler und ein euphorisches Publikum. Dass in dem Areal anstatt der üblichen 2.000 Gäste gerade mal ein Zehntel da war? Geschenkt!
"Ich persönlich, und da spreche ich wohl für viele, habe bei den Konzerten erst gemerkt, wie sehr mir Live-Musik in dem Konzert-losen halben Jahr abgegangen ist", sagt der Musikliebhaber und fügt hinzu: "Da hat sich auch im Verhältnis zu den Künstlern einiges getan. Es war ja auch für die der erste Auftritt nach langer Pause." Dass das gute Verhältnis zu den Künstlern nicht litt, lag wohl auch daran, dass Schlösser die Situation nicht für ein Nachverhandeln der Gagen nutzen wollte: "Die Jazzkünstler verdienen doch ohnehin schon viel zu wenig."
(Wie die Festtage in Bregenz während der Corona-Krise abliefen, erfahren Sie hier.)
Grenzenlos Weltmusikfestival Murnau
In Murnau am Staffelsee lässt sich der Kulturverein nicht von seinen Plänen abhalten und bringt das kleine, aber feine "Grenzenlos Weltmusikfestival" auf die Bühne. Vom 9. bis 11. Oktober finden drei Konzertabende statt: Ein Gitarren-Konzert mit Alvaro Pierri, das Duo Lontano sowie das Dieter Ilg Trio mit einem klassisch inspirierten Programm. Ursprünglich geplant waren andere Töne und Formationen. Aber: "Auf der Bühne kubanische Lebensfreude, und im Auditorium Maskenzwang - das geht nicht zusammen", sagt der künstlerische Leiter, Thomas Köthe.
Trotz schwieriger Situation bewahrt sich der Vorsitzende seinen pragmatischen Optimismus. Die Umstände erforderten ein Umdenken: Gagen und technischer Aufwand müssten reduziert, die Subventionen erhöht werden. "Wenn alle mitspielen, kann es funktionieren", sagt Köthe - und er ist gerne dabei, wenn es darum geht, neue Wege zu entwickeln, damit Kunst und Kultur nicht verschwinden: "Es wird genug gejammert, wir möchten aktiv reagieren", so sein kämpferisches Credo.
(Autor: Gunther Matejka)