Augsburg

Passanten filmten Sprung vom Rathaus - Polizei ermittelt

Ein junger Mann war auf die Spitze des Rathauses geklettert und stürzte sich vor den Augen der Besucher des Christkindlesmarkt vom Dach.

Ein junger Mann war auf die Spitze des Rathauses geklettert und stürzte sich vor den Augen der Besucher des Christkindlesmarkt vom Dach.

Bild: Bernd Hohlen

Ein junger Mann war auf die Spitze des Rathauses geklettert und stürzte sich vor den Augen der Besucher des Christkindlesmarkt vom Dach.

Bild: Bernd Hohlen

Videos der Tragödie am Augsburger Rathaus kursieren im Internet. Die Polizei ermittelt. Ein BKH-Mediziner erklärt, wie sich Menschen in solchen Situationen verhalten.
29.11.2022 | Stand: 22:20 Uhr

Die Tragödie um den 41-Jährigen am Rathaus ist für manche Menschen schwer zu verarbeiten. Auch beim Krisendienst am Bezirkskrankenhaus (BKH) Augsburg gingen mehrere Anrufe dazu ein, wie der ärztliche Direktor Prof. Alkomiet Hasan berichtet. Zudem herrscht Entsetzen über das Verhalten einiger Augenzeugen. Videos von dem Suizid kursieren seit Samstag auf verschiedenen Internet-Plattformen und Chatdiensten. Die Polizei prüft deshalb nun strafrechtliche Konsequenzen.

"Ich schäme mich für meine Mitmenschen", schreibt eine Augsburgerin in ihrer Mail an unsere Redaktion. Sie habe am Samstag mit eigenen Augen gesehen, wie Leute die Situation am Rathaus filmten. Sie habe Vereinzelte, darunter eine junge Mutter mit Kind im Buggy, daraufhin angesprochen und gefragt, ob sie die Situation ins Internet stellen würde. "Ja, klar", habe die Mutter geantwortet. Die Schreiberin nannte weitere Beispiele. In der Regel berichten Medien nicht über Suizide. Aber dieser tragische Fall, der sich in der Öffentlichkeit vor den Augen hunderter Innenstadtbesucherinnen und -besucher abgespielt hatte, nimmt Dimensionen an, die über den Tod eines Menschen hinausgehen.

Tragödie an Rathaus gefilmt: Polizei Augsburg prüft strafrechtliche Folgen

Weil einige Videos von dem Suizid in Umlauf gebracht wurden, ermittelt jetzt die Polizei. Man prüfe strafrechtliche Folgen, teilt Polizeisprecher Markus Trieb auf Nachfrage unserer Redaktion mit. Unter anderem nach Paragraf 201a, in dem es um die Verletzung von Persönlichkeitsrechten durch Bildaufnahmen geht. In dem sogenannten "Gafferparagrafen" steht unter anderem, dass derjenige mit einerFreiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft wird, der eine Bildaufnahme unbefugt herstellt oder überträgt, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt.

Ja, man sei vom Verhalten einzelner Personen überrascht gewesen, sagt Trieb. "Wir hätten uns von diesen Personen das richtige Gefühl gewünscht. Dass sie erst gar keine Aufnahmen machen, und wenn es vielleicht doch spontan passiert ist, das Material nicht veröffentlichen." Es sei nicht nachvollziehbar, wie man einen Menschen in einer Ausnahmesituation filmen und dies veröffentlichen könne. Schließlich müsse man doch auch daran denken, dass andere Menschen, die die Videos sehen, belastet werden können.

Professor Alkomiet Hasan kann vieles an menschlichem Verhalten erklären. Hasan ist nicht nur ärztlicher Direktor des BKH in Augsburg, sondern auch Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Augsburg. Zu den Videoaufnahmen, sagt er, falle es ihm schwer, psychiatrische oder psychologische Erklärungen zu finden. "Da handelt es sich eher um ein medienpädagogisches Problem unserer Gesellschaft", sagt der Mediziner und fügt hinzu: "Und um fehlende Sensibilität." Erklärbar sei hingegen, warum Menschen bei einer Tragödie oder einem Unfall stehenblieben und zusähen. "Der Mensch ist ein neugieriges Wesen. Wir sind auf Neues ausgerichtet, sonst gäbe es auch keine Entwicklung in der Menschheit, wie wir sie haben."

Hasan beschreibt das als eine Art "biologische Sensationslust", die in bestimmten Momenten die Vernunft überbieten würde. Diese Art "Kick" sei sogar neurobiologisch erklärbar. Und warum schaffen es andere, sich von so einem Ort der Tragödie gleich wieder zu entfernen? "Oft sind das Menschen, die eher ängstlich sind oder die wissen, dass so eine Situation sie belastet", erklärt Hasan. Beim Krisendienst des BKH seien seit Samstag einige Anrufe von Personen eingegangen, die der Suizid beschäftigt. "Es gibt natürlich Menschen, die das Erlebte mit nach Hause nehmen, darüber nachdenken, die immer wieder Bilder vor Augen haben oder sich an Geräusche erinnern, die schlecht schlafen oder angespannt sind. So etwas nennt man eine akute Belastungsreaktion."

Belastet durch den Fall? Das können Betroffene tun

Der ärztliche Direktor rät Betroffenen, was sie machen können. "Erst einmal Ruhe bewahren, sich jemandem anvertrauen, sich ablenken und schöne Dinge unternehmen." Sollte das Befinden nach ein paar Tagen nicht besser werden, rät Alkomiet Hasan den Hausarzt aufzusuchen und für ein paar Tage Mittel für einen besseren Schlaf einzunehmen. Bei weiter anhaltenden Problemen einen Facharzt oder eine Fachärztin aufsuchen oder den Krisendienst Schwaben unter 0800/655 3000 oder die Telefonseelsorge 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 anrufen, so sein weiterer Rat. "Manchen tut es auch gut, sich sportlich auszupowern. Gläubigen hilft es, in die Kirche zu gehen."

In der Kirche St. Peter am Perlach, die sich direkt neben dem Augsburger Rathaus befindet, wurden am Samstag noch Kerzen vor dem Gemälde der Maria Knotenlöserin angezündet. Prälat Günter Grimme sprach am Sonntag Fürbitten für den verstorbenen 41-Jährigen. Der geistliche Seelsorger rät ebenfalls Betroffenen, sich an Vertrauenspersonen zu wenden oder ein Gebet an Gott zu richten. "So ein Erlebnis ist nicht immer mit einem Gespräch erledigt. Das zu verarbeiten kann dauern." Erschüttert sei er nicht nur von der Tragödie, sondern auch von manchen Kommentaren und den Videoaufnahmen. "So eine Kaltschnäuzigkeit und Hartherzigkeit macht mich sprachlos. Das ist für mich wirkliche Schuld, die jemand auf sich lädt", sagt der Prälat.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie darüber! Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten - per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch, auch anonym. Hier finden Sie eine Übersicht.

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