Weihnachten zuhause

Lavinja Jürgens (19): So lebt Deutschlands Hochsprung-Juwel aus dem Allgäu in den USA

Abschalten im Heimatidyll: Bis zu ihrem Rückflug nach Oklahoma am 6. Januar verbringt Lavinja Jürgens den Jahreswechsel in ihrem Elternhaus in Rieder bei Rettenberg. Im Anschluss geht es für die 19-jährige Hochspringerin zurück in den Mittleren Westen der USA.

Abschalten im Heimatidyll: Bis zu ihrem Rückflug nach Oklahoma am 6. Januar verbringt Lavinja Jürgens den Jahreswechsel in ihrem Elternhaus in Rieder bei Rettenberg. Im Anschluss geht es für die 19-jährige Hochspringerin zurück in den Mittleren Westen der USA.

Bild: Ronald Maior

Abschalten im Heimatidyll: Bis zu ihrem Rückflug nach Oklahoma am 6. Januar verbringt Lavinja Jürgens den Jahreswechsel in ihrem Elternhaus in Rieder bei Rettenberg. Im Anschluss geht es für die 19-jährige Hochspringerin zurück in den Mittleren Westen der USA.

Bild: Ronald Maior

Seit vier Monaten studiert Deutschlands Hochsprung-Juwel Lavinja Jürgens in Oklahoma City. Weihnachten verbringtdie 19-Jährige aber bei der Familie in Rettenberg im Allgäu. Auf Heimatbesuch hat sie uns Spannendes über das Leben im Mittleren Westen der USA, ihre neue Selbstständigkeit und Klischees über Cowboys verraten.
24.12.2019 | Stand: 12:26 Uhr

Sie selbst hatte die Latte hochgelegt – im wahrsten Sinne. „Ich freue mich auf Erfahrungen fürs Leben“, hatte Lavinja Jürgens vor ihrem Abflug nach Oklahoma im Sommer gesagt. Heute, vier Monate nachdem Deutschlands Hochsprung-Juwel die Heimat in Richtung Vereinigte Staaten verlassen hat, ist die 19-Jährige zurück – auf Besuch in der Allgäuer Heimat. „Es ist ungewohnt, merkwürdig, man sieht alles ein wenig anders“, sagt Jürgens, als wir sie zum Interview-Termin in ihrem Elternhaus in Rieder bei Rettenberg treffen. „Nicht nur, dass es hügelig ist – im Gegenteil zum flachen Westen der USA. Ich habe in der kurzen Zeit so unheimlich viel gelernt. Ich bereue den Schritt nicht.“

Im vergangenen August hatte die Leichtathletin vom TSV Kranzegg das Oberallgäu nach ihrem „Sommer der Höhepunkte“ in Richtung des Mittleren Westen verlassen. In nur 14 Tagen hatte der Teenager mit dem deutschen U20-Titel, mit Bronze vor 60.000 Zuschauern bei der „Deutschen“ im prestigeträchtigen Olympiastadion in Berlin und mit Rang vier bei der U20-EM, einen Meilenstein nach dem anderen gefeiert. „Es war ein aufregender Sommer und ich wusste, dass das größte Abenteuer noch vor mir lag“, erinnert sich Lavinja.

Mit Cowboy-Hut durfte die 19-Jährige beim Abschiedsfest auf einem Pferd unter einer Hochsprunglatte hindurchreiten, während ihre Kollegen von der Trainingsgemeinschaft Kranzegg/Untermaiselstein Spalier standen. Nach dieser „sehr lustigen Erfahrung“ ging es für das Hochsprung-Juwel sogleich nach Oklahoma – und Schlag auf Schlag weiter.

Ich habe in der kurzen Zeit so unheimlich viel gelernt. Ich bereue den Schritt nicht.
Lavinja Jürgens über ihre USA-Erfahrung

„Ich hatte gar nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, ob das mit der Eingewöhnung gut klappt“, erzählt Jürgens. „Das Gute war: Es ging einfach los.“ Präsentationen, Einführungen, Campus-Rundgänge, Besichtigung der sportlichen Anlagen und „Benimm-Kurse“ für Neulinge erleichterten der Oberallgäuerin die ersten Tage in Übersee. Dort, an der University of Oklahoma, hat die gebürtige Duisburgerin im Norden von Texas ein Vollstipendium für ihr Studium der Kriminologie erhalten.

Im Norden von Texas

Jürgens bekommt einen Zuschuss für den Eigenbedarf, die Studiengebühren und die Unterkunft auf dem Campus werden übernommen. „Wir wohnen in einer Campus-Stadt innerhalb von Oklahoma City. Dort wohnen in einem Gebäudekomplex nur die Freshmen, die Erstsemester“, erzählt die Leichtathletin. Die Appartements sind nach Geschlechtern und ebenso nach Sportlern und Nicht-Sportlern getrennt. „Wir haben Gemeinschaftsräume mit Billard und Kino – dieser Luxus war gewöhnungsbedürftig“, gesteht Lavinja. „Aber es ist top strukturiert. Wir sind innerhalb von fünf Minuten an der Uni und an allen Anlagen.“

Glücklich, über die Festtage wieder zuhause zu sein: Lavinja Jürgens vom TSV Kranzegg
Glücklich, über die Festtage wieder zuhause zu sein: Lavinja Jürgens vom TSV Kranzegg
Bild: Ronald Maior

Denn diese benötigt die Ausnahme-Athletin am meisten. In einer völlig neuen Welt läuft für den Teenager auch die tägliche Trainingsarbeit in vollkommen neuen Bahnen: Im Gegensatz zum Individualtraining in Deutschland wird am College in Dreier-Gruppen, beispielsweise mit dem Mehrkampf-Team, trainiert. „Zuallererst ist es viel mehr Krafttraining, als ich kenne. Und ich habe einen Trainer, den ich zuvor nicht kannte. Das erste Mal in meinem Leben“, sagt die 19-Jährige, die in der Heimat von Mutter Cora Jürgens trainiert wird. „Das ist zu Hause natürlich viel persönlicher. Hier hat der Coach einen Plan, und den versucht man durchzusetzen.“ Eine eigene Leichtathletik-Halle und ein Physio, den die Athletinnen täglich heranziehen können, unterstreichen die professionellen Bedingungen.

Und so hat die blonde Frohnatur trotz anfänglicher Anlaufschwierigkeiten früh Blut geleckt – vor allem dank der immensen Euphorie um den College-Sport. „Der Stellenwert ist extrem hoch, das ist wahnsinnig beeindruckend“, schwärmt die junge Studentin. „Angefangen von Football-Spielen, bei denen 60.000 Zuschauer kommen, die zum Teil nachts davor am Campus zelten, bis zu Straßensperrungen für die Spiele: Das Gemeinschaftsgefühl, allen anderen zu zeigen, es gibt ein ’Wir’ ist überwältigend.“

Und so hat die 19-Jährige schnell gelernt, das Leben im Mittleren Westen zu genießen, bei Country-Konzerten, wo sich das gesamte Publikum allen Klischees entsprechend in Cowboy-Hüten und -Stiefeln kleidet und bei der „Halloween-Woche“, in der der gesamte Campus verrücktspielt. Die neugewonnene Selbstständigkeit indes war für Lavinja Jürgens nie ein Problem – seit jeher sei sie selbstständig gewesen. Die Athleten werden zwar bekocht, gewaschen wird aber selbst. Über eine App, auf der die Coaches den Tagesablauf mit den Athleten koordinieren, „haben wir praktisch eine Rundumbetreuung“, erzählt Lavinja. Darüber ist das morgendliche Krafttraining organisiert, sowie die weiteren Trainingseinheiten und die Uni-Kurse.

Auch eine Frohnatur kennt Heimweh

Doch auch der Frohnatur blieb die erste schwere Zeit, als sie das Heimweh plagte, nicht erspart. Ende November war sie mit einer Freundin bei deren Familie zu Thanksgiving, dem Erntedankfest, eingeladen. „Nachdem ich zurückgekommen bin, war der Campus wie leergefegt, weil alle Studenten bei ihren Familien waren“, beschreibt Lavinja und fügt an: „Da hatte ich stark zu kämpfen. Ich war alleine, es gab an diesen Tagen kein Training. Zu Fuß kann man da nirgends hin, Bürgersteige gibt es nicht. Das war wirklich sehr hart“. Doch mit der Rückkehr der Kommilitonen endete auch dieser Leerlauf – „es war gut, dass nach drei Tagen wieder alles vollgepackt war“, sagt Jürgens. „Und die Zeit bis Weihnachten war nicht mehr lange.“

Diese Feiertage nun verbringt der Lockenkopf im Kreise der Familie auf einem Campingplatz in St. Anton, abgeschottet – die Jürgens haben Zeit mit ihrer Lavinja. „Es ist ein wunderbares Gefühl, sie alle wieder zu sehen, sie alle anfassen zu können“, schwärmt die Oberallgäuerin. Bis zum Dreikönigstag bleibt sie auf Heimatbesuch, ehe die zweite Hälfte des Auslandsjahres ansteht.

Es ist ein wunderbares Gefühl, sie alle wieder zu sehen, sie alle anfassen zu können.
Lavinja über das Weihnachts-Wiedersehen mit der Familie

Und dieser Wiedereinstieg wiederum dürfte der 19-Jährigen leichter fallen. Denn ab Januar beginnen die Wettkämpfe, das Kräftemessen der Universitäten aus dem ganzen Land. „Bei den Serien kann ich mich auch für die großen Titelkämpfe in Deutschland und Europa qualifizieren“, erklärt Jürgens, die künftig nur noch im Damen- oder aber im U23-Bereich springen kann. „Und das ist auch mein Ziel, dafür arbeite ich auch hier.“ Denn nach aktuellem Stand soll nach einem Jahr wieder Schluss sein mit dem „Abenteuer Oklahoma“.

Die Zeit bis dahin wird der Ausnahmeathletin wie im Fluge vergehen: Das Training wird intensiver, die Wettkampfpläne dichter, die Reisen häufiger. „Ich freue mich auf das, was kommt. Denn ich freue mich wieder auf die Leute, die ich dort kennengelernt habe“, sagt Lavinja Jürgens. „Und das ist ja auch ein Zeichen von Heimat. Dieselben Gefühle, die ich habe, wenn ich nach Hause komme. Nur etwas anders.“