Interview

Gewalt gegen Frauen im TV: "Wie sollen Zuschauer Empathie entwickeln?"

In Film und Fernsehen wird sehr viel Gewalt gegen Frauen gezeigt. Seltener beleuchten Filmschaffenden dagegen die Perspektive der Opfer.

In Film und Fernsehen wird sehr viel Gewalt gegen Frauen gezeigt. Seltener beleuchten Filmschaffenden dagegen die Perspektive der Opfer.

Bild: Maurizio Gambarini, dpa (Symbolbild)

In Film und Fernsehen wird sehr viel Gewalt gegen Frauen gezeigt. Seltener beleuchten Filmschaffenden dagegen die Perspektive der Opfer.

Bild: Maurizio Gambarini, dpa (Symbolbild)

In einer Studie untersuchten Forscherinnen das deutsche Fernsehprogramm. Und fanden dort enorm viel Gewalt gegen Frauen – selten wird dabei die Perspektive des Opfers gezeigt.
25.11.2022 | Stand: 13:31 Uhr

In Ihrer Studie betrachten Sie und Ihre Kollegin Ruth Kasdorf, wie viel Gewalt Menschen aufgrund ihres biologischen oder sozialen Geschlechts im Fernsehen erfahren. Wie ist die Idee zu dieser Studie entstanden?

Christine Linke: Die Idee beruht auf einer Anfrage, die wir von der Malisa-Stiftung bekommen haben, wie die Datenlage zum Thema geschlechtsspezifische Gewalt im Fernsehen sei. Daraufhin haben wir recherchiert und gemerkt, dass es zu diesem Thema keine aktuellen Daten gibt. Auch international fanden wir keine breit angelegte Studie. Damit war klar, da gibt es Bedarf.

Insgesamt haben Sie 450 Stunden Material aus dem Jahr 2020 gesichtet. Unter welchen Gewalthandlungen haben Menschen, dem gesichteten Material zufolge, besonders häufig zu leiden?

Christine Linke: Generell richtet sich die meiste geschlechtsspezifische Gewalt im Fernsehen gegen Frauen. Wir sehen viele schwere Straftaten wie Drohungen, Erpressung, Mord und Totschlag, aber auch viele sexualisierte Verbrechen. Das häufigste Delikt ist die Körperverletzung. Das Genre, in dem wir am meisten davon gefunden haben, ist der Krimi.

Der Krimi hat im deutschen Fernsehen mit dem Tatort eine lange Tradition. Gibt es etwas, was Sie in der Darstellung besonders kritisch finden?

Christine Linke: Wir sehen generell viel zu wenig aus der Perspektive der Betroffenen, wir haben keine Hinweise für Hilfestellungen oder Beratungsangebote, wir haben keine Vorabhinweise. Und es mangelt ebenfalls an einer Repräsentation der Gewalt gegen Menschen mit nicht heterosexueller Orientierung oder non-binärer Geschlechtsidentität. Zudem werden die Themen häusliche Gewalt und sexuelle Belästigung, die einen hohen Anteil der geschlechterspezifischen Gewalt ausmacht, nur randständig sichtbar. Es wäre aber wichtig, dass die Medien auch diese Probleme in den Fokus stellen.

Eine Szene aus dem Kölner «Tatort» namens "Franziska". Gewalt gegen Frauen ist gerade im Genre des Krimis Usus - doch eine Plattform bekommt das Opfer meist nicht.

Eine Szene aus dem Kölner «Tatort» namens "Franziska". Gewalt gegen Frauen ist gerade im Genre des Krimis Usus - doch eine Plattform bekommt das Opfer meist nicht.

Bild: Martin Valentin Menke/WDR

Sie haben herausgearbeitet, dass die Opfer weniger Platz für ihre Sicht erhalten. Die Gewalt ist meist eher ein Mittel zum Zweck zugunsten der Narrative. Was bedeutet das für die Sehgewohnheiten der Zuschauenden?

Christine Linke: Das ist eigentlich der dramatischste Punkt. Wie die Betroffenen die Tat erleben und damit umgehen, das wird für die Zuschauenden nicht nachvollziehbar dargestellt. Wir haben eine solche Repräsentation nur in acht Prozent der Fälle! Wie sollen die Zuschauer da Empathie entwickeln? Wenn wir uns in der Statistik ansehen, wie viele Menschen in der Realität Gewalt erfahren, dann müssen wir davon ausgehen, dass viele der Zuschauenden selbst betroffen sind.

Zumindest erfährt statistisch gesehen jede dritte Frau in ihrem Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt, laut Bundeskriminalamt sind in Deutschland über 148.000 Personen von häuslicher Gewalt betroffen. Diese Themen in Film und Fernsehen zu adressieren ist ja per se gut und wichtig. Aber vielleicht will oder kann nicht jeder diese Bilder sehen...

Christine Linke: Medienschaffende müssen sich Gedanken darüber machen, wie man Menschen vor sensiblen Inhalten schützt. Seien es Personen, die sich gerade nicht damit auseinandersetzen wollen, weil sie selbst Gewalt erfahren haben, oder vielleicht auch, um Minderjährige vor den Inhalten zu schützen. Sie sollten darauf hinweisen, dass im nachfolgenden Programm zum Beispiel schwere Gewalt an Kindern oder Frauen zu sehen ist. Das ist mittlerweile im Streaming und im Videospielbereich schon fast selbstverständlich. Wir haben es aber in unserem Material von 2020 beim linearen Fernsehen nicht ein einziges Mal gefunden.

Und ab wann sollte man einen solchen Hinweis platzieren?

Christine Linke: Das muss man meiner Meinung nach von Fall zu Fall zu entscheiden. Und ich glaube, das kann man den anderen Zuschauenden zumuten, vor krassen Szenen eine kurze Warnung zu geben. Man muss sich klarmachen, dass viele Menschen von dem Thema betroffen sind.

Auf was sollten Medienschaffende bei der Inszenierung besonders achten?

Christine Linke: Problematisch ist zum Beispiel, dass wir prinzipiell in Deutschland ein breites Netzwerk an Hilfsangeboten haben, in der Anti-Gewalt-Arbeit, im Frauennotruf oder auch in der Polizei. Das wird in den Krimiserien längst nicht so sichtbar. Zudem ist vielen Medienschaffenden oft nicht bewusst, dass sie geschlechterspezifische Gewalt in Szene setzen. Die Medien haben, indem sie dieses Thema adressieren, auch eine Verantwortung. Wenn sie es darstellen, sollen sie es bitte gut machen. Sie sollten sich die Mühe machen zu recherchieren, sich in Figuren hineinversetzen und nicht nur einfach die Stereotype, die wir alle im Kopf haben, zu wiederholen.

Sie haben in Ihrer Statistik nicht erfasst, wie viele Frauen an den untersuchten Produktionen beteiligt sind. Aber glauben Sie, das hätte einen Einfluss auf die Darstellung?

Christine Linke: Ich persönlich glaube schon, dass es eine Frage der Diversität des Teams ist. Und gerade wenn es um Gewalt gegen Frauen geht, ist vielleicht auch die Sensibilität von Frauen besonders da. Letztlich muss es aber um ein Bewusstsein für das Problem bei allen Menschen gehen.

Die von Schauspielerinnen und Regisseurinnen geschaffene Bewegung Pro Quote Film fordert eine 50-Prozent-Quote von Frauen in der Filmbranche. Was halten Sie davon? Hat das die Macht, die Szene zu beeinflussen?

Christine Linke: Tatsächlich ist das ein umstrittenes Thema. Aber gerade Pro Quote Film ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich endlich was tut. Ich finde, die Quote ist kein schöner Weg, aber offenbar ist es der einzige, der funktioniert. Das hat sich zumindest für die Film- und Fernsehbranche bewahrheitet. Ich glaube, dass es peu à peu ein Umdenken bewirken kann. Man muss aber dranbleiben. Wir müssen noch viel diverser denken und mehr Sichtbarkeit in den Beschäftigungsverhältnissen und den Medien erreichen. Das gilt nicht nur für das Geschlecht, sondern auch für unterschiedliche Herkunft und Menschen mit Beeinträchtigungen.

Haben Sie das Gefühl, Sie haben mit Ihren Forschungsergebnissen in der Branche etwas angestoßen?

Christine Linke: Die Studie ist ja von der Ufa, also der größten Fernsehproduktionsfirma, gefördert worden, die nehmen das auf. Auch die Malisa-Stiftung, die zu den Förderern gehört, ist mit den Filmhochschulen im Gespräch. Also es ist ein Interesse da. In der Zukunft wäre es wichtig, diese Studie noch mal zu wiederholen, um zu schauen: Was hat sich mittlerweile getan?

Zur Person: Prof. Dr. Christine Linke lehrt an der Hochschule Wismar im Studiengang Kommunikationsdesign und Medien. Am 25. November findet seit dem Jahr 1999 jährlich der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen statt. Er soll auf Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen hinweisen und die Rechte von Frauen stärken. Die Vereinten Nationen haben den Tag ins Leben gerufen.

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