Interview

Immunologe Carsten Watzl: "Nein, Omikron ist nicht harmlos"

Immunologe Watzl erklärt, wie viel Impfungen noch gegen Omikron schützen.

Immunologe Watzl erklärt, wie viel Impfungen noch gegen Omikron schützen.

Bild: dpa

Immunologe Watzl erklärt, wie viel Impfungen noch gegen Omikron schützen.

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Der Immunologe Carsten Watzl erklärt, warum sich Millionen trotz Impfung mit Omikron anstecken und wie der Impfschutz gegen schwere Verläufe funktioniert.
29.03.2022 | Stand: 12:24 Uhr

Herr Professor Watzl momentan infizieren sich Millionen geimpfte Menschen mit Omikron und haben oft auch deutliche Symptome bis zur richtigen Grippe. Bei vielen Leuten macht sich der Eindruck breit, dass die Impfung überhaupt nicht wirkt. Wie muss man das beurteilen?

Carsten Watzl: Der Eindruck täuscht. Wenn man genau auf die Daten zum Beispiel vom Robert-Koch-Institut schaut, machen die Impfungen aktuell genau das, was sie sollen: Sie schützen Corona-Infizierte vor einem schweren Verlauf einer Covid-Erkrankung. Die vorliegenden Daten zeigen, dass bei allen Krankenhausbehandlungen mit der Diagnose Covid die Inzidenz der Ungeimpften im Vergleich zu den Geimpften deutlich höher ist.

Und auch bei schlimmen Krankheitsverläufen auf den Intensivstationen liegen deutlich mehr ungeimpfte Covid-Patienten als geimpfte Erkrankte. Wenn man berücksichtigt, dass der Anteil der mindestens zweifach geimpften Erwachsenen bei 85 Prozent liegt, zeigen die Zahlen, dass die Minderheit der nicht Geimpften ein vielfach höheres Risiko hat, mit Covid im Krankenhaus zu landen. Das belegt, die Impfungen wirken auch bei Omikron gegen einen schweren Verlauf. Auch wenn man leider eine Woche mit Fieber im Bett liegen und Probleme haben kann, bewahrt die Impfung vor Schlimmerem. Lesen Sie hier, welche Corona-Regeln in Bayern nach dem 2. April geplant sind.

Warum infizieren sich aber selbst so viele geboosterte Menschen?

Watzl: Kurz nach der dritten Impfung hat man gegenüber der Omikron-Variante einen Schutz von rund 60 bis 70 Prozent vor einer Infektion, also auch vor grippeähnlichen Symptomen. Doch dieser Schutz sinkt bei Omikron nach drei bis sechs Monaten auf 40 bis 50 Prozent. Das heißt, deutlich mehr Menschen spüren die Infektion mit Omikron als bei früheren Varianten, für die ja die Impfstoffe gezielt entwickelt wurden.

Wie erklärt sich, dass eine Impfung gegen einen schweren Verlauf schützt, aber nicht gegen eine Ansteckung?

Watzl: Um sich vor der reinen Ansteckung zu schützen, braucht man bei einem Atemwegserreger ganz viele Antikörper an den Stellen, wo der Erreger in den Körper eindringt und die Zellen infiziert. Bei Corona ist das vor allem die Lunge. Das Problem ist, dass die Impfstoffe gegen den ursprünglich in Wuhan isolierten Virustyp entwickelt wurden.

Deshalb wirken viele durch die Impfung erzeugte Antikörper nicht mehr so passgenau gegen Omikron und man bräuchte eine noch größere Menge an Antikörpern in der Lunge für einen guten Schutz gegen die Ansteckung. Wenn Lungenzellen infiziert sind, versucht sich das Virus auf andere Zellen auszubreiten. Aber genau hier funktioniert die Immunreaktion der Impfung wieder deutlich besser. Die Abwehrzellen erinnern sich mit sogenannten Gedächtniszellen an die Impfung und mobilisieren sehr schnell im Blut Killerzellen, die mit Omikron infizierte Zellen rasch umbringen. Deshalb funktioniert die körpereigene Abwehr bei geimpften Menschen sehr viel schneller und besser als bei nicht geimpften. Und wir wissen, dass der Faktor Zeit ganz entscheidend ist, wenn es darum geht, einen schweren oder gar tödlichen Verlauf von Corona zu verhindern. Alles zur Corona-Krise im Newsblog der Allgäuer Zeitung.

Wie kann es passieren, dass sich Menschen drei, vier Mal mit Omikron infizieren und positiv getestet werden?

Watzl: Es gibt verschiedene Erklärungen. Am häufigsten kann das bei nicht Geimpften passieren, die zuvor auch keine Infektion hatten und deren Körper das Coronavirus das erste Mal sieht. Dann haben wir in Dänemark gesehen, dass der Unterschied bei der Omikron-Variante BA.2 ausreicht, dass sich auch Geimpfte damit hintereinander infizieren.

Und es gibt einen Zusammenhang zwischen der Schwere der Infektion und der Menge an Antikörpern, die danach als Schutz vor einer weiteren Ansteckung zurückbleiben. Insofern können Tests innerhalb von wenigen Wochen positiv ausfallen. Grundsätzlich befällt die Omikron-Variante viel leichter die oberen Atemwege, tut sich aber schwerer als die Delta-Variante, in die Lungenzellen einzudringen. Das ist eine sehr gute Nachricht, weil dadurch weniger Menschen schwer krank werden. Das bedeutet aber auch, dass sich bei leichten Infektionen weniger Immunität entwickelt.

Ist Omikron wirklich so viel harmloser? Hongkong verzeichnet derzeit die höchsten jemals gemessenen Todeszahlen pro Einwohner ...

Watzl: Nein, Omikron ist nicht harmlos, aber verglichen mit der bislang am meisten krankmachenden Delta-Variante harmloser. Corona bleibt eine gefährliche Virusinfektion. Auch in Deutschland zählen wir im Monat noch über 5000 Todesfälle. Das sind vor allem zwei Gruppen von Menschen: Ungeimpfte mit Risikofaktoren, aber eben auch geimpfte Menschen mit einer Krankheits- oder Medikamenten- bedingten Immunschwäche. Beides sieht man auch in Hongkong, wo, für uns unverständlich, ausgerechnet die Älteren am wenigsten geimpft sind. Aber in China wollte man zuerst die jungen produktiven Menschen schützen. Doch Alter ist ein wesentlicher Risikofaktor. China setzt zudem hauptsächlich auf Totimpfstoffe wie Sinovac und Sinopharm. Diese Impfstoffe aus abgetöteten Coronaviren produzieren zwar gut Antikörper, sind aber schlechter darin, Gedächtniszellen, die sogenannten T-Zellen, auszulösen, auf die es bei Omikron viel stärker ankommt, um schwere Krankheitsverläufe zu verhindern. Wir erleben in Hongkong eine Kombination aus einem schlechteren Impfschutz und schlechten Impfquoten. Das lässt für ganz China leider nichts Gutes befürchten, wenn man dort die Kontrolle über die Inzidenzen verliert.

Deutschland erlebt Rekordinzidenzen. Fast jeden Tag stecken sich Hunderttausende mit Omikron an. Wirkt die Infektion wie ein zusätzlicher Booster?

Watzl: Eine Infektion ist wie eine einzelne Impfdosis. Für Geimpfte wirkt sie wie ein Booster mit einem angepassten Impfstoff. Die nach zwei Impfdosen vorhandenen Antikörper schützen kaum vor einer Omikron-Infektion, aber nach der dritten Impfung hat man ein Vielfaches mehr an Antikörpern und damit zumindest einen gewissen Schutz vor der Infektion. Vor allem schützt die dritte Impfung viel mehr vor einem schweren Verlauf. Deshalb kann man gerade auch in der Omikron-Welle die dritte Impfung sehr empfehlen.

Führern die Masseninfektionen mit Omikron dazu, dass die Immunität der Bevölkerung auch ohne Boosterimpfungen laufend wächst?

Watzl: Eine Impfung kann nicht nur sehr gut Antikörper produzieren, sondern auch Gedächtniszellen, die dann teilweise im Knochenmark gespeichert sind. Eine Infektion produziert dagegen die Gedächtniszellen direkt in der Lunge und bietet dort direkt im Organgewebe einen Immunschutz, was die Impfung in den Oberarm nicht so gut schafft. Die Gedächtniszellen produzieren hier die Antikörper genau dort, wo man sie braucht. Wer geimpft ist und eine Infektion gut überstanden hat, erhält damit sozusagen das Beste aus beiden Welten – einen hybriden Immunschutz. Dann kann das Lungengewebe einen speziellen Typ, die sogenannten IgA-Antikörper produzieren, der dann das Virus direkt auf den Schleimhäuten nach dem Einatmen bekämpfen kann. Das heißt, die meisten, die geimpft sind und noch eine oder zwei Infektionen obendrauf bekommen haben, besitzen eine sehr gute Chance für diese Schleimhaut-Immunität. Wir haben bei der Omikron-Welle eine hohe Dunkelziffer an Infektionen, das kann einen optimistisch auf den Herbst blicken lassen, wenn keine neue gefährlichere Variante kommt.

Wenn wir jetzt so einen Schub an Immunisierung haben, braucht es dann überhaupt noch die Impfpflicht?Krankenkassen: Papiermangel wird zum Problem für die ImpfpflichtCorona-Pandemie

Watzl: Das ist die 100.000-Dollar-Frage. Wenn Omikron nächsten Winter immer noch die vorherrschende Variante ist, würden wir wahrscheinlich auch ohne Impfpflicht vergleichsweise gut durch die kalte Jahreszeit kommen. Wir müssten wohl kaum Maßnahmen ergreifen und hätten eine ähnliche Situation wie jetzt. Das pessimistische Szenario wäre eine Virusvariante, die so krank macht wie Delta und so ansteckend ist wie Omikron. Dann hätten wir mit der großen Zahl an nicht geimpften Menschen wieder ein großes Problem. Für sie bringt auch eine durchgemachte Omikron-Infektion keinen vernünftigen Schutz vor einer schweren Erkrankung mit einer anderen Virusvariante. Hier stellt sich die Frage der Impfpflicht als Vorsorgemaßnahme. Als Immunologe bin ich natürlich immer für das Impfen, weil es nachgewiesenermaßen sicherer ist als eine Infektion. In Israel hat man gerade die volldigitalen Krankenkassendaten durchforstet und nachgewiesen, dass nach Impfungen tatsächlich keine bislang unbekannten Nebenwirkungen aufgetreten sind.

Wird uns, wenn wir auf Masken und Schutzmaßnahmen verzichten, nach zwei Jahren besonderer Hygiene bald ein normaler Husten und Schnupfen stärker umhauen, weil unser Immunsystem nicht mehr daran gewöhnt ist?

Watzl: Nein, unser Immunsystem hat nichts verlernt. Aber es kann sein, dass manche Infektionen häufiger auftreten, bei denen der Immunschutz mit der Zeit etwas nachlässt. Da wären wir vielleicht eigentlich schon letztes Jahr dran gewesen, weil wir die Immunität nicht durch eine Infektion aufgefrischt haben und sind noch immer fällig. Das heißt, es kann schon dazu kommen, dass wir ein bisschen häufiger krank werden. Aber besonders für alle, die dreifach geimpft sind, gilt, dass jetzt alle ein bisschen die Angst ablegen sollten, und wir alle bald den Sommer genießen können.