Krieg gegen die Ukraine

Die Angst vor einem Atomschlag des Kreml ist zurück

Die ganz große nukleare Keule: Eine strategische Atomrakete auf dem Roten Platz in Moskau.

Die ganz große nukleare Keule: Eine strategische Atomrakete auf dem Roten Platz in Moskau.

Bild: Yuri Kochetkov, dpa

Die ganz große nukleare Keule: Eine strategische Atomrakete auf dem Roten Platz in Moskau.

Bild: Yuri Kochetkov, dpa

Russlands Streitkräfte verfügen über ein riesiges Arsenal nuklearer Waffen. Präsident Putin will ihren Einsatz nicht ausschließen.
06.05.2022 | Stand: 19:30 Uhr

Es muss wohl irgendwann zwischen dem Fall der Berliner Mauer und jenem historischen Strickwesten-Treffen von Helmut Kohl und Michail Gorbatschow in einem kaukasischen Luftkurort gewesen sein, als sie sich einfach in Luft auflöste: die Angst vor einem Dritten Weltkrieg. Die 80er Jahre gingen gerade in die 90er Jahre über, die Deutsche Einheit wurde auch dank der Freundschaft zwischen Moskau und Bonn besiegelt und mit ihr das Ende des Kalten Kriegs. 30 Jahre lang wähnten sich nicht nur die Deutschen, sondern auch viele Europäer in einer Welt, in der höchstens noch im Fernsehen gekämpft wurde.

Die Furcht vor einem Atomschlag des Kreml ist zurück

Der russische Präsident Wladimir Putin hat diese Vorstellung quasi pulverisiert. Und je mehr Deutschland mit schweren Waffen in den Krieg in der Ukraine eingreift, umso lauter wird das Raunen: Die Furcht, nicht nur vor einem neuen Weltkrieg, sondern sogar vor einem Atomschlag des Kreml ist zurück.

Prominente warnen in einem offenen Brief – abgedruckt in der feministischen Frauenzeitschrift Emma– vor einer Spirale der Gewalt und fordern die Ukraine zum Eingeständnis der Niederlage auf – um des lieben Friedens Willen. Bundeskanzler Olaf Scholz sagt bedeutungsschwer: „Ich tue alles, um eine Eskalation zu verhindern, die zu einem dritten Weltkrieg führt. Es darf keinen Atomkrieg geben.“

Die Bürgerinnen und Bürger sind zunehmend in Sorge

Die Worte verfehlen ihre Wirkung nicht: Eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hat laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa inzwischen große Ängste vor einem Dritten Weltkrieg – und das kurz vor dem 77. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine Mehrheit von 57 Prozent aller Wahlberechtigten glaubt, dass nach dem Beschluss des Bundestags zu Waffenlieferungen die Gefahr einer Ausweitung des Krieges gestiegen sei. Waren Anfang April noch 60 Prozent der Bundesbürger für die Lieferung auch von schweren Waffen an die Ukraine, so ist dieser Anteil auf 46 Prozent gesunken. Fast ebenso viele (44 Prozent) sind jetzt dagegen.

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Interview

CDU-Außenexperte: Warum niemand Angst vor einem Atomkrieg haben muss

Die russische Führung und der Propaganda-Apparat bemühen sich, die Sorgen des Westens stetig zu füttern. Margarita Simonjan, Chefin des Fernsehsenders Russia Today (RT), sagte: „Entweder wir gewinnen in der Ukraine oder der Dritte Weltkrieg beginnt. Ich persönlich halte den Dritten Weltkrieg für das realistischste Szenario, denn wie ich uns kenne, wie ich unseren Führer Putin, Wladimir Wladimirowitsch Putin, kenne, ist ein Atomschlag die wahrscheinlichste Entwicklung.“

Putin zeigt bei der Militärparade, was sein Land zu bieten hat

Putin lässt bei der Parade an diesem Montag in Moskau Iskander-Raketen vorführen. Gezeigt werden auch Kampfpanzer vom modernsten Typ T-14, die Luftabwehrsysteme S-400, Buk-M3 und Tor-M2, Kampfroboter vom Typ Uran-9 und mit Atomsprengköpfen bestückbare Interkontinentalraketen. Bei einer Flugshow werden zur Feier des Tages Kampfjets, Langstreckenbomber und die als „Weltuntergangsflugzeug“ bekannte Iljuschin Il-80 aufsteigen.

Der fliegende Gefechtsstand ist für den Fall eines Atomkriegs konzipiert, sollten am Boden keine Kommandozentralen mehr funktionieren. Zugleich weist das Außenministerium in Moskau Spekulationen über einen Atomwaffeneinsatz in der Ukraine zurück. Der Politologe und Militärexperte Frank Sauer, der an der Bundeswehr-Universität in München lehrt, hält genau das für Taktik: Zweifel säen, ob die Unterstützung für die Ukraine nicht ein fataler Fehler sein könnte. Es ist ein Lehrstück psychologischer Kriegsführung.

Es geht um Einschüchterung, um Destabilisierung. „Der Zweck der Drohungen Putins ist es, Angst auszulösen. Er will damit den Handlungsspielraum manipulieren“, sagt Frank Sauer im Gespräch mit unserer Redaktion. Den Unterzeichnern des offenen Briefs in der Emma wirft der Militärexperte fehlenden Realismus vor. Er teile den Ruf der Unterzeichner nach Verhandlungen. „Aber der russische Außenminister Sergej Lawrow hat jüngst klargemacht, dass von russischer Seite erst dann ernsthaft verhandelt wird, wenn Russland seine Kriegsziele erreicht hat. Man ist auf russischer Seite also ganz offenkundig aktuell nicht zu Verhandlungen bereit.“

Sauer: Einsatz nuklearer Waffen ist unwahrscheinlich

Wie hoch schätzt Sauer die Gefahr ein, dass Putin tatsächlich absichtlich nukleare Waffen einsetzt? „Ich halte das aktuell für unwahrscheinlich. Eher Sorgen bereitet mir, dass etwas unabsichtlich geschieht, weil die eine Seite glaubt, sie werde nuklear angegriffen. Wir kennen diese Gefahr aus dem Kalten Krieg. Sie wächst, je länger und intensiver der Krieg wird, je größer die Frustration Putins über den Kriegsverlauf ist und je mehr die Nerven blank liegen“, sagt Sauer.

Der Experte für Nuklearwaffen beobachtet die Neigung in Deutschland, einzelne Meldungen als Menetekel eines bevorstehenden Atomangriffs Russlands zu deuten. Sauer nennt zwei Beispiele. Einmal die Anweisung Putins, die Abschreckungskräfte in Alarm zu versetzen. Im russischen Nuklearapparat habe dies jedoch keine nennenswerten Folgen gehabt.

Auch die Nachricht, dass Russland Iskander-Raketen, also ein Trägersystem für taktische Atomwaffen, getestet habe, sei aufgeregt kommentiert worden. „Allerdings testet Russland seine Raketen natürlich regelmäßig – nur eben, anders als die USA, seit Beginn des Kriegs gegen die Ukraine auch weiterhin.“ Das Fazit von Sauer: „Ich habe Verständnis für die Furcht vor dem Atomkrieg, die Sorge ist auch berechtigt, aber wenn das zu undifferenzierter, diffuser Angst führt, tut man sich keinen Gefallen.“

Der Westen ist längst Konfliktpartei

Das glaubt auch Joachim Krause, Leiter des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel. „Im Gegensatz zu einer hierzulande weitverbreiteten Ansicht, wonach der Westen Putin keine Gelegenheit geben sollte, den Krieg zu eskalieren, muss man davon ausgehen, dass das russische Militär ein westliches Eingreifen in der Ukraine – und sei es nur zum Zweck der Herstellung einer stabilen Friedenszone in der Westukraine – fürchtet, weil es kaum Optionen hat, in einer Weise zu eskalieren, die russischen Zwecken dienen könnte“, sagt der Sicherheitsexperte.

Der Westen sei schon längst Konfliktpartei und habe damit erreicht, dass Russland die Lage bislang eben nicht eskalieren lässt. Ohnehin liege die Entscheidung nicht nur beim Präsidenten allein. „Putin wird nicht alleine den mutmaßlichen ,Roten Knopf’ drücken können“, sagt Krause. „Es ist nicht viel bekannt über die Freigabeverfahren für den Einsatz strategischer Kernwaffen – noch weniger über die Verfahren bei nicht-strategischen Kernwaffen –, aber die zentrale Rolle scheint dort der Chef des Generalstabs zu spielen – als Ermöglicher oder als Verhinderer eines Kernwaffenangriffs.“ Auch mache der Einsatz von taktischen Kernwaffen in einem Land keinen Sinn, in dem eigene Truppen in großer Zahl stehen.

„Wenn Putin so etwas einsetzt, dann nicht, um militärisch zu gewinnen, sondern sein letztes Druckmittel aufzubieten, um bewusst massenhafte Flucht und Vertreibung auszulösen“, glaubt der CDU-Bundestagsabgeordnete und Oberst a. D., Roderich Kiesewetter. Bereits jetzt sind von den 42 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainern sieben Millionen auf der Flucht. „Putin instrumentalisiert Flucht und Vertreibung auch zur Destabilisierung des Westens“, sagt Kiesewetter. „Deshalb ist größtmögliche Einheit und Stärke Europas und der USA auch hier das beste Mittel dagegen, dass ein Einsatz solcher taktischen Nuklearwaffen von vornherein sinn- und aussichtslos ist.“

Würde die Nato auf einen Gegenschlag verzichten?

Was aber, wenn das Undenkbare doch geschieht? Wenn eine taktische Atomwaffe explodiert, die weit geringere Sprengkraft als strategische Nuklearwaffen hat, aber ebenfalls gewaltige Verwüstungen, massenhaften Tod und die Kontamination ganzer Landstriche zur Folge hätte? „Ich denke, dass der Westen im Falle eines absichtlichen Angriffs mit einer einzelnen taktischen Atomwaffe nicht sofort nuklear zurückschlagen würde. Ich würde mir sogar wünschen, dass die Nato diesen Tabubruch auch als solchen markiert, indem sie ihrerseits auf einen Nuklearschlag verzichtet“, kommentiert Sauer dieses grausame Gedankenspiel.

Frank Sauer beobachtet, dass das Wissen über Atomwaffen zurückgeht. Der Krieg in der Ukraine und die Drohgebärden aus Moskau haben diese Themen schlagartig zurück in den Fokus der Öffentlichkeit gebracht. „Es ist in den letzten 30 Jahre sehr viel vergessen worden mit Blick auf den Umgang mit der nuklearen Bedrohung. Seit zehn Jahren beschäftige ich mich mit der russischen Aufrüstung und den zum Teil wahnsinnigen Rüstungsprojekten im Nuklearbereich. Die Bedrohung ist schon lange da, aber das hat in der breiteren Öffentlichkeit kaum jemanden interessiert.“

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