Kommentar

Jetzt kommt Lauterbachs echte Bewährungsprobe

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach präsentiert am Dienstag Vorschläge zu seiner geplanten Krankenhausreform.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach präsentiert am Dienstag Vorschläge zu seiner geplanten Krankenhausreform.

Bild: Michael Kappeler, dpa

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach präsentiert am Dienstag Vorschläge zu seiner geplanten Krankenhausreform.

Bild: Michael Kappeler, dpa

Der Gesundheitsminister will das Krankenhaussystem reformieren. Das ist bitter notwendig. Doch der SPD-Politiker muss dabei aus seinen alten Fehlern lernen.
06.12.2022 | Stand: 07:07 Uhr

Für viele Menschen in Deutschland klingt es paradox: Die Corona-Pandemie verliert angesichts der weniger schlimmen Omikron-Variante ihren Schrecken und gleichzeitig kommt aus den Kinderkliniken jene Nachricht, vor der sich die Politik gefürchtet hatte: Das Gesundheitssystem ist überlastet – ausgerechnet für die Jüngsten im Land. Der Notstand erklärt sich nur zum Teil dadurch, dass viele Kinder und Familien nun Infektionen nachholen, vor denen sie Corona-Maßnahmen mitgeschützt haben. Der andere Teil der Erklärung liegt in einem zunehmend kranken Gesundheitssystem in der Klinikversorgung.

Pflegenotstand, schlechte Arbeitsbedingungen, Kostendruck, keine Zeit für Patientinnen und Patienten, absolute Überlastung – was derzeit die Kinderkliniken beklagen, droht nur ein Vorbote dessen zu sein, was auf die gesamte Krankenhauslandschaft zukommt. Als Hauptproblem diagnostiziert die Ärzteschaft die Durch–Ökonomisierung des Gesundheitswesens und der Kliniken insbesondere.

Sparversuche im Gesundheitssystem scheiterten

Krankenhausbehandlungen stellen den größten Ausgabenposten der Gesetzlichen Krankenversicherung dar. Mit 86 Milliarden Euro machen sie knapp ein Drittel der Gesamtausgaben aus.

Alle Versuche, die Kostenentwicklung im Krankenhauswesen zu dämpfen, endeten – begleitet von gefährlichen Nebenwirkungen – im Gegenteil. Was einst als Therapie gedacht war, die Einführung des sogenannten Fallpauschalensystems zur Krankenhausfinanzierung, gilt heute immer mehr Fachleuten als eine Ursache der gegenwärtig wachsenden Probleme.

Vor den Fallpauschalen wurden Kliniken nach Behandlungsdauer und Behandlungskosten bezahlt. Dies führte zu langen Liegezeiten und einer gigantischen Zahl an Krankenhausbetten. Die Fallpauschalen sollten die Behandlungen effektiver machen. Doch anstatt einer Kostendämpfung explodierte die Zahl der Operationen – mit skandalösen Folgen für Patientinnen und Patienten: Um die teuren Kliniken zu finanzieren, wird seit vielen Jahren viel zu viel operiert.

Menschen kommen unters Messer, obwohl schonendere Therapien die bessere und weniger riskante Alternative wären. Eingriffe erfolgen mitunter nicht auf einmal, sondern aus Abrechnungszwecken hintereinander, wie Mediziner offen einräumen. Den Begriff „blutige Entlassung“, wenn frisch Operierte zum Hausarzt weitergeschickt werden, kennt heute jeder Medizinstudierende.

Lauterbach war Miturheber des Fallpauschalensystems

Schuld daran ist nicht Ärzteschaft, sondern die Politik. Kliniken müssen den größten Teil alljährlicher Kostensteigerungen selbst erwirtschaften. Das System der Fallpauschalen funktioniert, als würde die Feuerwehr nur nach Einsätzen bezahlt und nicht dafür, dass sie für den Notfall bereitsteht.

Einer der Hauptarchitekten des Fallpauschalensystems war der Gesundheitsökonom Karl Lauterbach Ende der neunziger Jahre. Nun hat der Kölner Professor als Minister eine Expertenkommission zur Reform des Systems eingesetzt, die jetzt erste Vorschläge präsentiert. Doch es kommt im Gesundheitssystem weniger auf Ideen an, als auf deren Umsetzung.

Die entscheidende Frage wird dabei sein, ob der Politiker Lauterbach aus seinen alten Fehlern als Experte gelernt hat. Lauterbachs Lebenswerk wird nicht nach seinem Umgang mit Corona beurteilt werden, sondern, ob der Minister es schafft, das Krankenhauswesen zum Guten zu reformieren. Oder, ob ein weiterer gut gemeinter Therapieversuch an wirtschaftlichen Zwängen scheitert.