Zugverkehr in der Region

Wird das Allgäu in Sachen Zugverkehr zum „Nebenschauplatz“?

Am Oberstdorfer Bahnhof ist die zweite Stammstrecke der Münchner S-Bahn weit weg. Dennoch könnte sich die Preissteigerung bei diesem Großprojekt auch auf den Zugverkehr im Allgäu auswirken.

Am Oberstdorfer Bahnhof ist die zweite Stammstrecke der Münchner S-Bahn weit weg. Dennoch könnte sich die Preissteigerung bei diesem Großprojekt auch auf den Zugverkehr im Allgäu auswirken.

Bild: Ralf Lienert (Archivbild)

Am Oberstdorfer Bahnhof ist die zweite Stammstrecke der Münchner S-Bahn weit weg. Dennoch könnte sich die Preissteigerung bei diesem Großprojekt auch auf den Zugverkehr im Allgäu auswirken.

Bild: Ralf Lienert (Archivbild)

Die zweite Stammstrecke der Münchner S-Bahn wird teurer als geplant. Das könnte sich auch auf den Regionalverkehr im Allgäu auswirken, warnt ein Abgeordneter.
20.08.2022 | Stand: 05:45 Uhr

7,2 statt 3,8 Milliarden Euro: Die zweite Stammstrecke der Münchner S-Bahn wird deutlich teurer. Das könnte sich aufs Allgäu und den Bahnverkehr in der Region auswirken, warnt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler im Bayerischen Landtag, Bernhard Pohl (Kaufbeuren).

Die zweite Stammstrecke kostet mehr als geplant und wird später fertig. Wirkt sich das auf den Zugverkehr im Allgäu aus?

Bernhard Pohl: Ich halte es für möglich, dass Verbesserungen im Regionalverkehr durch die Mehrkosten längerfristig nahezu komplett hinten runterfallen.

Weil der Freistaat Bayern eigentlich für den Bahn-Regionalverkehr bestimmtes Geld des Bundes nutzen wird, um diese Kosten zu decken?

Pohl: Das ist Stand der Dinge. Ein Teil dieses Geldes ist für die zweite Stammstrecke vorgesehen.

Was droht dem Allgäu noch?

Pohl: Sollten die Kosten weiter steigen und der Bund aus dem Projekt aussteigen, wüsste ich nicht, wie Bayern das finanziell stemmen sollte. Der Bund trägt nach dem Gemeindefinanzierungsgesetz 60 Prozent der Kosten. Aber auch sonst fehlt das Geld für regionale Projekte, auch im Allgäu. Wir brauchen deshalb auch ein klares Bekenntnis vom Bund für den Bahnverkehr in ganz Bayern. Unsere Regionen müssen attraktiv bleiben, nicht nur die Metropole. Sonst wird München im Zuzug und im Verkehr irgendwann ersticken.

Welche künftigen Allgäuer Projekte wären gefährdet?

Pohl: Ganz oben auf der Agenda steht die Elektrifizierung der Strecken von Buchloe nach Füssen und Oberstdorf über Kaufbeuren und Kempten, aber auch nach Augsburg. Bleiben wir im Allgäu Dieselloch, werden wir zum Nebenschauplatz ohne gute Direktverbindungen nach München. Für die Beschleunigung des Bahnverkehrs im Allgäu brauchen wir auch ein zusätzliches Gleis von Pasing nach Buchloe.

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Die zweite S-Bahn-Stammstrecke in München wird teurer. Auch das Allgäu könnte das zu spüren kriegen.
Die zweite S-Bahn-Stammstrecke in München wird teurer. Auch das Allgäu könnte das zu spüren kriegen.
Bild: Matthias Balk, dpa (Symbolbild)

Heißt das, für Sie ist Wasserstoff keine echte Lösung fürs Allgäu?

Pohl: Der Wasserstoffzug taugt für den Übergang. Der Oberleitung auf der Schiene gehört die Zukunft.

Wenn ein weiteres Ausufern der Kosten unbedingt verhindert werden muss: Wie soll das gelingen?

Pohl: Wenn wir jetzt aus dem Projekt aussteigen, wären drei Milliarden Euro weg, für nichts! Deshalb werden wir an der Stammstrecke festhalten, obwohl wir sie in der Vergangenheit abgelehnt haben. Unsere Fraktion will aber den Weiterbau durch die Einsetzung eines Parlamentarischen Kontrollgremiums begleiten. Damit haben wir bereits bei der Krisenbewältigung der Bayerischen Landesbank gute Erfahrungen gemacht.

Ist das nicht ein Angriff auf den Koalitionspartner CSU?

Pohl: Ganz und gar nicht! Auch der bayerische Verkehrsminister hat sich hierzu nicht ablehnend geäußert. Die CSU hat ebenfalls ein Interesse daran, eine Kostenexplosion zu vermeiden. Dieses Gremium sendet auch ein klares Signal an Bahn und Bund, dass wir unsere Kontrollaufgabe als Parlamentarier sehr ernst nehmen. Der Sachverstand der Politik endet im Übrigen nicht in der Staatskanzlei und den Ministerien. Auch Abgeordnete sind in der Lage, ihr Fachwissen einzubringen. Wer als Parlamentarier nicht mitreden möchte, hat seine Aufgabe verfehlt.

Droht hier nicht ein Verteilungskampf zwischen der Landeshauptstadt und den Regionen?

Pohl: Kostenexplosionen bei einem Großprojekt in der Metropole dürfen sich nicht negativ auf die Regionen auswirken. Daher fordern wir ganz konkret zusätzliche Investitionen und Beschleunigung der Bahnprojekte in ganz Bayern. Wir können nicht von Klimaschutz reden und dann bei der Bahn sparen. Wir haben Verständnis für die Verkehrsprojekte-Probleme der Landeshauptstadt, fordern aber das Gleiche für unsere Anliegen von den Münchnern.

Wenn die Elektrifizierung von München über Memmingen nach Lindau 50 Jahre braucht, ist das kein gutes Zeichen, findet der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler im Bayerischen Landtag, Bernhard Pohl.
Wenn die Elektrifizierung von München über Memmingen nach Lindau 50 Jahre braucht, ist das kein gutes Zeichen, findet der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler im Bayerischen Landtag, Bernhard Pohl.
Bild: Felix Kästle, dpa (Archivbild)

Auf die Elektrifizierung warten große Teile des Allgäus auch ohne die zweite Stammstrecke schon lange. Fehlt es der Region an politischer Durchsetzungskraft in der Landeshauptstadt?

Pohl: Es ist jedenfalls kein gutes Zeichen, wenn die Elektrifizierung von München über Memmingen nach Lindau 50 Jahre braucht. Wir müssen künftig schneller und klarer werden. Vielleicht auch einmal Nein sagen, dann aber zügig planen und bauen, mit von Anfang an realistischen Preisen. Das gilt für Bund und Land gleichermaßen und beschränkt sich nicht nur auf die Bahn, sondern auf alle Großprojekte.

Zur Person: Bernhard Pohl, 57, ist seit 2008 Mitglied des Bayerischen Landtags und dort stellvertretender Vorsitzender der Fraktion der Freien Wähler. Dort ist der Rechtsanwalt Mitglied im Ausschuss für Staatshaushalt und Finanzfragen.

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