Neuschwanstein

Wie das Allgäu mit viel Glück zum Märchenschloss kam

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Am 1. September 1869 erfolgte die Grundsteinlegung für das sagenumwobene Märchenschloss Neuschwanstein. Erst vier Jahre zuvor wurde Schwangau dem Allgäu zugeordnet.

Bild: Ralf Lienert

Am 1. September 1869 erfolgte die Grundsteinlegung für das sagenumwobene Märchenschloss Neuschwanstein. Erst vier Jahre zuvor wurde Schwangau dem Allgäu zugeordnet.

Bild: Ralf Lienert

Am 25. August wäre König Ludwig ll. 175 Jahre alt geworden. Sein größtes Vermächtnis: Schloss Neuschwanstein in Schwangau. Fast hätte es Oberbayern gehört.
22.08.2020 | Stand: 07:15 Uhr

Dieser Artikel stammt aus dem Archiv von allgaeu.life. Er erschient zuerst im Dezember 2016.

Die kleine, feine Gemeinde Schwangau gilt im Tourismus als "Global Player". Sie hat 3.233 Einwohner - und ein Bauwerk, um das sie alle beneiden. 1,3 Millionen Gäste besuchen jedes Jahr Schloss Neuschwanstein. Ein Tagesgast gibt im Schnitt knapp 30 Euro im Allgäu aus.

"Für Deutschland ist Neuschwanstein ein Aushängeschild wie der FC Bayern München. Das Allgäu profitiert davon unheimlich", sagt Simone Zehnpfennig, Leiterin Kommunikation bei der Allgäu GmbH, die die Region vermarktet. Das Märchenschloss ziert viele Broschüren und steht im Mittelpunkt von touristischen Kampagnen, deren Botschaft zusammengefasst lautet: "Allgäu = Schloss Neuschwanstein." Die Gleichung klingt heute selbstverständlich. In Wahrheit ist sie ein kleines, politisches Wunder.

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Weltweit hoch im Kurs: Schloss Neuschwanstein zieht beispielsweise auch viele Asiaten an.
Bild: Ralf Lienert

Denn Schwangau gehörte bis wenige Jahre vor Baubeginn von Schloss Neuschwanstein im Jahr 1869 zu Oberbayern. Wegen seiner Lage auf der östlichen Seite des Lechs war es dem Gerichtssitz im oberbayerischen Schongau zugeordnet. Und das wäre vermutlich so geblieben, hätten die Schwangauer sich damals nicht selbst dagegen aufgelehnt. "Aus dem Heimatbuch der Gemeinde geht hervor, dass Schwangau - nach mehrmaligen Versuchen - seit 1. Oktober 1865 zum Bereich des Landgerichts, des Bezirksamtes und des Rentenamtes Füssen gehört", sagt das Schwangauer Urgestein, der frühere Hauptamtsleiter Andreas Keck.

Schwangau löste sich von Oberbayern - zum Glück für das Allgäu

In den Jahrzehnten vor dem Beschluss hatten die Schwangauer immer wieder versucht, sich von Oberbayern zu lösen. Der Grund war eher pragmatisch: Die über 30 Kilometer lange Reise nach Schongau war zehn Mal so lang wie die nach Füssen. In der damaligen Zeit dauerte sie mindestens einen Tag. Zwar fühlten sich vielen Schwangauer – ähnlich wie heute – dem oberbayerischen Lebensgefühl näher als dem (bayerisch-)schwäbischen bzw. allgäuerischen. Doch unterm Strich gaben wirtschaftliche Gründe den Ausschlag. Eine Tagesreise für Formalitäten bedeutete speziell für Bauern einen empfindlichen Arbeitsausfall.

Der Landesregierung war die Tragweite ihrer Entscheidung wohl nicht bewusst

Die Nachricht, dass Schwangau dem Landgericht Füssen im Allgäu zugeordnet wurde, stieß im Ort mehrheitlich auf Freude. Der damaligen Landesregierung indes war die Tragweite der Entscheidung wohl nicht bewusst. Es galt vermutlich das Motto: "Dann soll das kleine Bergdorf halt zum Allgäu gehören…"

Symbolbilder Abendausgabe Füssen
Die Gemeinde Schwangau gehört heute zum Ostallgäu. Früher dagegen war sie oberbayerisch.
Bild: Mathias Wild

Eine fatale Fehleinschätzung. Denn vier Jahre später passierte in Schwangau Erstaunliches: Am 1. September 1869 erfolgte die Grundsteinlegung für das sagenumwobene Märchenschloss Neuschwanstein. König Ludwig II. (1845 - 1886) verwirklichte sich unterhalb des Säulings seinen Lebenstraum und schuf ein bis heute in aller Welt bekanntes Bauwerk. Die herrliche Gegend kannte er bereits sehr gut. Seinem Vater Maximilian II. diente Schloss Hohenschwangau als Sommerresidenz und Kinderstube für die Brüder Ludwig II. und Otto.

"Hätten die damaligen regierenden Herren in München geahnt, dass das spätere Schloss Neuschwanstein zum Aushängeschild für Deutschland wird, wäre Schwangau sehr wahrscheinlich in Oberbayern geblieben", sagt Andreas Keck.

Die Allgäuer freilich freut die damalige Unbedarftheit der Oberbayern bis heute. Kleiner Trost für unsere Nachbarn: Den FC Bayern haben sie bis heute…

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