Deutschland in der vierten Corona-Welle

Droht die "Triage" in deutschen Kliniken? Die wichtigsten Fragen und Antworten

Die Kliniken und das medizinische Personal in Deutschland befinden sich am Rande der Belastungsgrenze. Müssen sich bald die Krankenhäuser wie in Österreich auf eine Triage vorbereiten? Die wichtigsten Informationen.

Die Kliniken und das medizinische Personal in Deutschland befinden sich am Rande der Belastungsgrenze. Müssen sich bald die Krankenhäuser wie in Österreich auf eine Triage vorbereiten? Die wichtigsten Informationen.

Bild: Jan Woitas, dpa (Symbolbild)

Die Kliniken und das medizinische Personal in Deutschland befinden sich am Rande der Belastungsgrenze. Müssen sich bald die Krankenhäuser wie in Österreich auf eine Triage vorbereiten? Die wichtigsten Informationen.

Bild: Jan Woitas, dpa (Symbolbild)

"Triage": Das Wort schwebt aktuell wie ein Damoklesschwert über Deutschland. Grund dafür ist Corona - und die Notlage an den Kliniken. Was ist damit gemeint?
17.11.2021 | Stand: 16:53 Uhr

Am Ende ist es Mathematik. 50.000 Neuinfizierte, die erst kürzlich an einem Tag gemeldet wurden. 350 davon müssen auf die Intensivstation verlegt werden. Und 200 werden sterben.

Das ist die Rechnung, die Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), aufstellt. Denn es herrscht eine äußerst angespannte Corona-Lage an Deutschlands Kliniken: Überfüllte Krankenhäuser müssen aufgrund mangelnder Kapazitäten immer mehr Patienten verlegen, teils sogar ins Ausland. Behandlungen, auch lebenswichtige, werden verschoben. Es wächst die Angst vor einer verzweifelten Lage, vor Konkurrenz um Intensivbetten, vor vielen Toten. Und vor dem Kommen der Triage. Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu:

Triage: Was bedeutet dieser Begriff eigentlich?

Der Begriff "Triage" stammt aus dem Französischen und bezeichnet eine Sortierung beziehungsweise Auswahl. Seine Herkunft hat das Wort aus der Militärmedizin: So war der russische Chirurg Nikolai Iwanowitsch Pirogow, der während des Krimkriegs zwischen 1853 und 1856 im Einsatz war, maßgeblich für die Entwicklung des Konzeptes der Triage verantwortlich. Der Arzt suchte damals nach einer Möglichkeit, die übermäßig vielen verletzten Soldaten trotz geringer Ressourcen angemessen zu versorgen. Sein Ansatz, die Patienten in verschiedene Stufen einzusortieren, findet noch heute in der Notfall-Medizin Anwendung.

Was geschieht bei einer Triage?

Bei einer Triage wird entschieden, wie schwer der Patient erkrankt ist und was das für Auswirkungen auf seine Behandlung hat. Dazu wird er je nach Grad der Schwere beurteilt. Im Grunde bedeutet Triangieren, dass Pfleger und Ärzte entscheiden, welcher Patient als erstes behandelt werden muss. Dieses Vorgehen gehört zum Alltag in der Notaufnahme: Wem es am schlechtesten geht, der wird am schnellsten ärztlich versorgt. Doch in Krisenzeiten wie der Corona-Pandemie wandelt sich dieses Prinzip der Triage: Es geht nun darum, die Patienten zu behandeln, bei denen am ehesten eine Chance auf Genesung zu erwarten ist.

Warum werden die Patienten in Katastrophenfällen bei einer Triage anders behandelt?

Kommt es zu Krisen-Situationen wie der Corona-Pandemie - und fehlt es aufgrund dessen an Ressourcen wie Intensivbetten, Versorgungsgeräten oder Personal - soll die Triage zum einen das Überleben möglichst vieler Patienten sichern. Hierbei geht es um die sogenannte klinische Erfolgsaussicht: Denn wer schneller gesund ist, benötigt schneller kein Bett auf der Intensivstation mehr. Der Platz für einen anderen Patienten wird frei. Zum anderen soll die Triage in einem Katastrophenfall medizinische Richtlinien bieten. (Lesen Sie auch: CSU-Politiker Pilsinger sagt Lockdown für Ungeimpfte auch in Deutschland voraus)

Denn vor allem in solchen Notsituationen kommen Fragen wie "wer hat die besten Überlebenschancen?" und "wessen Behandlung wird zugunsten eines anderen Patienten gestoppt?" auf. Fragen, die Ärzte und Pfleger vor ein extrem moralischen Dilemma stellen. Die Triage soll das verhindern und das Klinikpersonal nicht mit der schwierigen Entscheidung allein lassen, dass aufgrund der Umstände nicht alle Kranken angemessen behandelt werden können. Die Last der Verantwortung liegt dann nicht mehr bei einem Einzelnen, was für das medizinische Personal eine enorme psychische Entlastung darstellt.

Nach welchen Kritierien funktioniert die Triage in Deutschland?

Am Beispiel der Corona-Krise in Deutschland: Wenn es mehr Corona-Patienten als Intensivbetten gibt und keine Ausweichung in ein anderes Krankenhaus möglich ist, treten die Leitlinien der Triage in Kraft. Sieben medizinische Fachgesellschaften veröffentlichen bereits 2020 eine Empfehlung, welche Maßstäbe das medizinische Behandlungsteam bei der Einordnung eines Patienten ansetzen sollte. Diese sind:

  • der aktuelle Schweregrad der Erkrankung
  • der allgemeine Gesundheitszustand
  • die möglichen Begleiterkrankungen, welche die Diagnose negativ beeinflussen könnten wie etwa eine Immunschwäche oder fortgeschrittene Krebserkrankung

Wichtig: Das Alter wird explizit nicht als Kriterium angeführt. Dasselbe gilt für Faktoren wie Einkommen, gesellschaftlicher Status, Nationalität oder Behinderung. Auch diese dürfen bei der Beurteilung eines Patienten keine Rolle spielen - es gilt der Grundsatz der Gleichberechtigung. Ebenfalls zu beachten ist, dass es sich hier um Richtlinien handelt. Das bedeutet, es sind keine gesetzlichen Vorgaben und damit juristisch nicht bindend.

Was müssen bei der Triage Pflegepersonal und Patienten beachten?

Bei der Triage ist für das medizinische Personal das sogenannte Mehr-Augen-Prinzip von absoluter Bedeutung. Dabei entscheiden im besten Falle immer zwei intensivmedizinisch erfahrene Ärzte sowie ein erfahrenes Mitglied des Pflegeteams gemeinsam über die Priorisierung eines Patienten. Die dabei angewendeten Maßstäbe müssen stets regelmäßig geprüft und gegebenenfalls neu bewertet werden.

Für die Patienten gilt, dass sie der daraufhin vorgeschlagenen Behandlung grundsätzlich zustimmen müssen - zum Beispiel über eine Patientenverfügung.

Werden die Richtlinien der Triage nur bei Corona-Patienten angewendet?

Nein. Die Priorisierung wird bei allen Patienten des Krankenhauses angewendet, bei denen eine intensivmedizinische Behandlung notwendig ist. In Kliniken gibt es demnach kein bestimmtes Kontingent an Beatmungsgeräten, die allein Covid-19-Patienten vorbehalten sind.

Wie ist die aktuelle Lage in Deutschland und in Bayern?

Mehr als 3.300 Menschen befinden sich nach Angaben des Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) bundesweit zurzeit wegen einer Covid-Erkrankung auf einer Intensivstation, etwa die Hälfte davon muss beatmet werden. Von den deutschlandweit rund 22.000 Intensivbetten sind aktuell nur noch knapp 2.400 frei (Stand: 17. November, 13.15 Uhr). Besonders in Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen ist die Lage angespannt.

Im Freistaat werden laut aktuellem Divi-Intensivregister 837 Menschen im Krankenhaus wegen ihrer Corona-Infektion behandelt, 446 davon müssen invasiv beatmet werden. Bayerns Notärzte haben bereits am Montag, den 15. November, in einem Appell an die Landespolitik beherztere Maßnahmen im Kampf gegen die vierte Corona-Welle gefordert. Die Arbeitsgemeinschaft vertritt 3.000 in Bayern tätige Notärzte. (Lesen Sie auch: Rettung für überlastete Kliniken: Was ist das Kleeblatt-Prinzip?)

Die Situation in den Krankenhäusern bezeichneten sie als "dramatische Entwicklung", viele Kliniken könnten eine Versorgung von akuten Notfällen nicht mehr vollumfänglich gewährleisten. Es müsse nun dringend gehandelt werden, um die Triage noch zu verhindern. Im österreichischen Salzburg ist das bereits zu spät: Hier bereiten die Kliniken aufgrund der prekären Notsituation ein Triage-System vor.

Mehr Nachrichten zur Corona-Lage im Allgäu und in der Welt lesen Sie hier.