Sind Sperrungen denkbar?

Mit „Kemptener-Fußgänger-Zone-Outfit“ in den Bergen: "Social-Media-Wanderer" machen im Allgäu Probleme

Um Fotos von sich auf den sozialen Netzwerken zu teilen, laufen immer mehr Menschen zu beliebten Touristen-Hotspots im Allgäu. Dabei sind sie teils auch früh morgens oder spät abends noch in der Natur unterwegs - das alles für den schönen Schnappschuss.

Um Fotos von sich auf den sozialen Netzwerken zu teilen, laufen immer mehr Menschen zu beliebten Touristen-Hotspots im Allgäu. Dabei sind sie teils auch früh morgens oder spät abends noch in der Natur unterwegs - das alles für den schönen Schnappschuss.

Bild: Lena Lingg

Um Fotos von sich auf den sozialen Netzwerken zu teilen, laufen immer mehr Menschen zu beliebten Touristen-Hotspots im Allgäu. Dabei sind sie teils auch früh morgens oder spät abends noch in der Natur unterwegs - das alles für den schönen Schnappschuss.

Bild: Lena Lingg

In den Bergen tummeln sich mehr unerfahrene Menschen. Das ist teils gefährlich und kann auch der Natur schaden. Experten über Probleme und Lösungsversuche.
02.11.2021 | Stand: 20:14 Uhr

Am Königsbach im Berchtesgadener Land ist es bereits geschehen: Die Gumpe am Wasserfall wurde für mindestens fünf Jahre gesperrt. Der idyllische Ort hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wahren Touristen-Hotspot entwickelt. Auf Instagram verbreiteten sich die Fotos rasant und immer mehr Menschen zog es dorthin. Nicht nur die Unfälle am Wasserfall nahmen zu, auch wurde die Natur in Mitleidenschaft gezogen.

Auch im Allgäu gibt es Orte, an denen der Besucherdruck sehr hoch ist. „Da zählen besonders unsere Bergseen dazu, aber auch die Allgäuer Wasserfälle sowie bekannte Berge wie das Rubihorn“, sagt der Allgäuer Landschafts-Fotograf Benjamin Zapf. Die Sperrung am Königssee überrascht den Blaichacher nicht, „aber es ist schade, dass es soweit kommen musste“.

Dass auch im Allgäu Ausflugsziele gesperrt werden, bezweifelt der 28-Jährige. „Man kann den Menschen die Natur nicht wegnehmen. Eine Sperrung ginge schon sehr weit, außer es besteht wie im Falle des Königssees Lebensgefahr“, sagt Zapf, der hauptberuflich als Sicherheitsingenieur arbeitet. Um gar nicht erst zu viele Menschen an bestimmte Orte zu locken, verzichtet der Fotograf auf das sogenannte Geotagging auf Instagram. Wenn er also Landschaftsbilder aus dem Allgäu auf seinem Profil hochlädt, markiert er darauf nicht den genauen Ort der Aufnahme. „Ich mache gern Werbung für die Region als Ganzes, aber nicht für einzelne Spots“, sagt Zapf, dem auf Instagram mittlerweile 12.500 Nutzerinnen und Nutzer folgen.

Mit „Kemptener-Fußgänger-Zone-Outfit“ in den Bergen unterwegs

Generell ist es laut Benjamin Zapf problematisch, dass immer mehr unerfahrene Wanderinnen und Wanderer in den Allgäuer Bergen unterwegs sind. Viele liefen auch im Hochsommer erst gegen 11 Uhr los, kämen dadurch in die pralle Mittagshitze, haben aber kaum etwas zu trinken dabei. Auch wollen laut ihm immer mehr Menschen den Sonnenuntergang in den Bergen erleben, kämen dann aber in die Dunkelheit und seien dafür nicht ausreichend ausgerüstet.

Besonders schockierte den Allgäuer Fotografen ein Fall am Burgberger Hörnle im vergangenen Winter: Als der 28-Jährige dort oben war, beobachtete er ein Pärchen, das mit „Kemptener-Fußgänger-Zone-Outfits“ am Gipfel unterwegs war. „Die waren fürs Foto ausgerüstet, aber nicht für den Berg“, sagt Zapf. Er habe die Ausflügler, die in Sneakers und mit Handtasche dort oben standen, eindrücklich davor gewarnt, so über den vereisten Grat weiter hinüber zum Grünten zu laufen. „Das ist eine verrückte Parallelwelt, die sich da entwickelt hat“, sagt der Blaichacher.

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Vor allem jüngere Menschen sehen laut Zapf auf Bildern in den sozialen Netzwerken, mit welcher für die Berge ungeeigneten Kleidung und Ausrüstung sich andere in den Bergen ablichten lassen und halten das für normal. „Manche denken, man macht das so und kopieren das einfach. Es ist Wahnsinn, wie das die Leute mitreißt. Es ist nicht mehr der Weg das Ziel, sondern nur noch das Foto.“ (Lesen Sie auch: "Manche Aktionen sind einfach nur dämlich!" - Aufregung um Youtuber und Influencer in Allgäuer Bergen)

Besucherzahlen und -verhalten messen und analysieren

Bevor man über Sperrungen nachdenke, sei es laut Henning Werth, stellvertretender Leiter des Naturerlebniszentrums Alpin (ZNAlp), wichtiger herauszufinden, welche Probleme dieser Social-Media-Tourismus verursacht. Gibt es Trittschäden? Werden Tiere gestört? Bleibt mehr Müll liegen? Solche Fragen müssen laut dem Experten geklärt werden. „Wir setzen vor allem auf Informationen und Besuchermanagement“, sagt der Biologe. Es werden verstärkt Ranger ausgebildet, um die Besucherlenkung voranzutreiben.

Als einen der am intensivst begangenen Hotspots nennt Werth den Gaisalpsee unterhalb des Rubihorns. Dort wurden bereits – wie am Riedberger Horn – Zählgeräte aufgestellt, um einen Überblick über die Besucherzahlen zu bekommen. Gemeinsam mit den Gemeinden und dem DAV arbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Naturerlebniszentrums auch daran, den Zustand der Wege zu dokumentieren. „Wenn wir attraktive Hauptwege bieten, dann entstehen weniger Abzweiger“, sagt Werth und verweist erneut auf das Beispiel Riedberger Horn, an dem der Wanderweg am Ostgrat vom Naturpark Nagelfluhkette saniert wurde. Damit habe man gute Erfahrungen gemacht: Die Leute blieben nun auf dem Weg und kürzten und zweigten deutlich weniger ab. (Lesen Sie auch: Wildcamper und Falschparker: An diesen Hotspots im Allgäu gibt es immer wieder Ärger)

Unerfahrene Wanderer mit Smartphone als neue Besuchergruppe im Allgäu

„Wir haben so viele Wanderwege vom Tal, Fluss und See bis zum Berg bei uns, da geht es nicht darum jemanden auszusperren“, sagt Werth. Es sei immer eine Abwägung zwischen freiem Betretungsrecht und strengeren Naturschutzauflagen. „Wir müssen aktiv handeln und werben, damit die Leute die guten Wege benutzen.“ Denn eine Sperrung sei nicht nur rechtlich schwierig, sondern auch aufwendig zu kontrollieren. Während ein Nationalpark wie im Berchtesgadener Land eine eigene Wacht mit Vollzugsaufgaben hat, sei das in Naturschutzgebieten nicht so. Dort seien meistens ehrenamtliche Mitarbeiter der Naturschutzwacht des Landratsamtes im Einsatz. Werths Ansatz sei deshalb, die fachlichen Grundlagen zu dokumentieren und mit entsprechenden Lenkungsmaßnahmen zu reagieren. „Die Menschen müssen am besten so geführt werden, dass sie 'Besucherlenkung' vor Ort gar nicht mitbekommen. Bei Überlastung einzelner Punkte sollten frühzeitig geeignete Alternativziele vorgeschlagen werden, die aber den Ansprüchen der Besucher natürlich gerecht werden müssen“, sagt er.

Dafür will das Zentrum Naturerlebnis Alpin auch weitere Informationen sammeln, warum und wann die Menschen sich speziell für die jeweiligen Ausflugsziele entscheiden. Der Zusammenhang mit sozialen Medien sei naheliegend und soll näher analysiert werden. „Die Leute wandern zum Sonnenuntergang zum Gaisalpsee und Schrecksee hoch, weil sie das so auf Bildern auf Social Media sehen“, sagt Werth. „Der Respekt vor alpinen Gefahren und der Natur fehlt bei einigen. Im Winter wollen einzelne Personen teils mit Turnschuhen hochlaufen“, sagt der Biologe. „Wir haben eine neue Besuchergruppe im Allgäu: Menschen mit wenig alpiner Erfahrung, oft ungeeigneter Ausrüstung." Diese verließen sich teils "blind" auf Information des Smartphones, auch wenn diese falsch und sogar lebensgefährlich sein könnten. Die „neuen“ Besucher zeigen sich laut Werth insgesamt aber auch sehr verständnisvoll und kooperativ, wenn Naturbetreuerinnen und -betreuer entsprechende Informationen plakativ vor Ort erläutern. (Lesen SIe auch: Bergsportbericht für die Tourismusregion: Der digitale Blick ins Gebirge)

„Digital Ranger“ klären im Internet auf

Das Problem mit den alpin unerfahrenen Besucherinnen und Besuchern habe auch Max Löther, Leiter Besucherlenkung im Naturpark Nagelfluhkette, festgestellt. „Es gibt mehr Menschen mit weniger Erfahrung. Die gehen oft bei falschen Bedingungen oder zu spät los“, sagt Löther. Auch er ist davon überzeugt, dass der Andrang auf einzelne Allgäuer Spots hauptsächlich auf Social Media zurückzuführen ist. Deshalb setze man im Naturpark verstärkt auf „Digital Ranger“, die im Internet Foren durchforsten und mit falschen Tipps rund um den Besuch im Naturpark aufräumen. Auch wollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Naturparks verstärkt in den Austausch mit Influencern gehen, um diese dafür zu sensibilisieren, welche Auswirkungen ihre Postings teilweise für die Natur vor Ort haben. Mit dem Szenario von Sperrungen im Naturpark habe sich das Team allerdings noch nicht beschäftigt. Wichtiger sei es, die Infrastruktur vor Ort zu gewährleisten und mit Beschilderung zu arbeiten.

Corona-Pandemie verstärkte Besucherdruck an beliebten Allgäuer Orten

„Eine Sperrung wie in Berchtesgaden ist aus heutiger Sicht nicht vorstellbar“, sagt auch Michael Läufle, Pressesprecher des Landratsamts Oberallgäu. Auch dort wisse man, dass Orte wie der Gaisalpsee, die Buchenegger Wasserfälle, das Riedberger Horn und der Schrecksee einem großen Besucherdruck ausgesetzt sind. „Im letzten Jahr war der Andrang auf diese Ausflugsziele pandemiebedingt relativ groß“, sagt Läufle. Seit jedoch wieder Urlaub im Ausland möglich ist, habe sich die Situation etwas entspannt. „Wir werden die weiteren Entwicklungen genau beobachten.“ Auch im Landratsamt sehe man die sozialen Medien als einen der Hauptgründe, warum sich die Menschen an oben genannten Orten so konzentrieren. „Es ist heute ‚in‘, sich an bekannten, landschaftlich schön gelegenen Ausflugsorten fotografieren zu lassen und die Bilder im Netz zu posten“, sagt Läufle. (Lesen Sie auch: Neun Dinge, die Urlauber im Allgäu auf keinen Fall tun sollten)

Sperrung als „allerletztes Mittel zur Konfliktlösung“

Problematisch werde das Ganze dann, wenn sensible Schutzgebiete und Lebensräume bereits früh morgens oder spät am Abend von Besucherinnen und Besuchern aufgesucht werden oder „in den Gebieten übernachtet wird und Abfälle liegen gelassen werden“, erklärt Läufle. Diese Problematik wurde im Jahr 1995 am Scheidtobel am Fellhorn so schlimm, dass das Landratsamt damals verbot, den Ort zu bestimmten Zeiten zu betreten. „Ziel der Verordnung war es, den Fortbestand der dortigen Lebensgemeinschaft von Pflanzen und Tieren zu gewährleisten“, sagt der Pressesprecher.

Anstelle von Sperrungen setze das Landratsamt jedoch auf „eine gute, partnerschaftliche Aufklärungsarbeit und Kommunikation mit den jeweiligen Naturnutzern unter Bewahrung der hoch entwickelten Willkommenskultur“, sagt Läufle. Dazu soll auch das modellhafte Besucherlenkungskonzept des Landratsamtes beitragen. Eine Sperrung wie am Königsbach im Berchtesgadener Land stellt laut Läufle „das allerletzte Mittel zur Konfliktlösung dar“ und sei aktuell nicht geplant.

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